Kategorie: 1846



aus: 1846, Briefe an Werner von Droste, Meersburg

Wie hast Du, lieber Bruder, nur einen Augenblick denken können, ich sähe dein Bestreben, mich über meine Apprehensionen wegzubringen und dadurch meine Genesung zu beschleunigen, für einen Mangel an Teilnahme an! Nein, alter Junge, so verkehrt kann ich mein Lebtage nicht werden; ich sah deine Absicht recht gut ein, fand auch wohl, dass Du Mitleid mit meinen wirklichen Leiden hattest, obwohl Du sie für ungefährlicher hieltest als ich.

Ich bin denn nun hier in den Händen desselben geschickten Arztes, der Jenny so gut hergestellt und von dessen Arznei Mama bei ihrem letzten Herzklopfen große Linderung verspürt hat - zwei Dinge, die mir allerdings Zutrauen einflößen. Ich habe auch schon zwei Flaschen Medizindreck herunter, und mehrere fatale Umstände, z. B. das Fieber abends, die Nachtschweiße, sind bereits darnach verschwunden, und das allgemeine nervöse Unbehagen ist auch sehr gemildert. Der Doktor hat jetzt nur noch mit meiner Engbrüstigkeit, Husten, und Schleimandrang zu kämpfen, er sucht dieses mein Hauptübel durchaus nicht in der Lunge, sondern in einer beständigen Schwäche und bei jeder Gelegenheit eintretenden Entzündung der Schleimhäute, wozu dann noch Schwäche des Unterleibs und der Nerven käme. Auch die Milz scheint er (wie Bönninghausen und Grasso) im Spiel zu glauben, denn er griff gleich nach derselben Stelle und fragte, ob ein Druck dort mir weh tue, und als ich dies bejahte, sagte er auf meine Nachfrage, “dort liege die Milz”. Sonst aber spricht er mich von jedem örtlichen Übel frei.

Ich muss mich vorläufig sehr still halten und darf fast gar nicht an die Luft, beides, um die Luftröhre nicht zu reizen; später, wenn die Entzündung gehoben ist, soll ich mich allmählich an mehr Bewegung gewöhnen. Meine Magenschmerzen hatte mir der Eilwagen schon fast ganz fortgerüttelt, als ich in Bonn ankam, mir dagegen aber ein abscheuliches Kopfweh gebracht, woran ich acht Tage in Bonn festgelegen und viel ausgestanden habe. Ich konnte Dir, lieber Bruder, deshalb auch nicht schreiben, so gern ich gemocht hätte.

Als sich dieses zuletzt ziemlich verloren, machte ich voran. Der erste Tag bis Mainz war miserabel, ich hatte fortwährend Fieber, musste mich in Mainz die ganze Nacht erbrechen, und hätte ich nicht schon alle Karten bis Freiburg vorausgenommen gehabt, so würde ich sicher nach Bonn rückgekehrt sein, im Glauben, ich könne die Reise nicht machen. So aber reute mich mein Geld, und ich ließ mich in Gottes Namen voranrumpeln, was denn auch besser ging, als ich gedacht, da auf dem Dampfboot eine eigene Kajüte für Kranke mit ganz breiten Kanapees war, wo ich mich ausruhen konnte, so wie ich, folgenden Tages, auf der Eisenbahn, mit Hülfe eines gutes Trinkgeldes und der späten Jahrszeit, wo wenige mehr reisen, einen Waggon ganz für mich allein erhielt, wo ich mich auf einem Sitze für vier Personen ausstrecken konnte.

Die letzte Tour von Freiburg aus war zwar sehr beschwerlich, aber es war auch die letzte und in Meersburg das Bett für mich in der Spiegelei schon gemacht, da, sonderbarerweise, Jenny und Laßberg mich grade an diesem Tage erwartet hatten, obwohl ich ihnen nicht geschrieben. Ich fand Laßbergen ungemein wohl aussehend und munter, und auch Jennyn sieht man keine Spur ihrer Krankheit mehr an, so wie sie sich auch selbst ganz genesen fühlt. Mama sah aus wie immer und hatte auch ihr Herzklopfen in gleichem Grade, entschloss sich aber, mit mir zugleich jenen geschickten Arzt (den Brunnenarzt in Überlingen) zu beraten, wo ihr dann, bei dem letzten Anfalle, seine Medizin so wohl getan hat, dass schon nach vier Stunden alles vorüber war. Du kannst denken, wie glücklich sie ist, und wie froh wir alle! Wenn’s nur standhält! Der Arzt hält ihr Übel für gänzlich ungefährlich — rein nervös.

Wir haben hier eine schöne Weinernte gehabt, hätten aber fast das Doppelte haben können. Der Stadtrat (selbst lauter Rebenbesitzer) hatte nämlich aus übermäßiger Gierigkeit, um die Trauben zur möglichst höchsten Reife gelangen zu lassen, den Anfang der Lese fast um drei Wochen später als die Umgegend angesetzt, obwohl alle weißen Trauben schon überreif waren, und der erste Regentropfen sie zum Faulen bringen musste; so sind hier die weißen Trauben fuderweiß verfault. Da wir nun keine eigne Kelter haben, mussten wir uns mit in diese Unvernunft schicken. Ich hatte zudem das Unglück, beim Ziehen der Nummern, wie man nacheinander zum Keltern zugelassen wird, fast die letzte Nummer zu ziehen, bin somit noch über vierzehn Tage später als diejenigen, die den Anfang machten, und habe bedeutenden Schaden gelitten. Als meine Trauben noch alle gut und schon völlig reif waren, wurde der Ertrag von Sachverständigen auf 30 Ohm angeschlagen, 14 weißen und 16 roten, und zudem, sagte man, werde selbst der weiße Wein in diesem Jahre so delikat werden, dass ich ihn schon gleich von der Kelter würde für mindestens 35 Gulden verkaufen können, was dann allein 490 Gulden gebracht hätte. Stattdessen wurden meine weißen Stöcke wahre Moderhaufen - wo man nur hinrührte, flog weißer Staub auf, als wenn man einen Puffer zertritt. 7 Ohm gingen gänzlich verloren, 7 machte ich noch aus elenden halbfaulen Trauben, so schlecht, dass ich anderthalb Ohm von meinem prächtigen Roten musste dazwischenlaufen lassen, um ihn noch mit knapper Not zu 19 Gulden per Ohm zu verkaufen, so dass ich aus diesen 7 1/2 Ohm und den sämtlichen 40 Trebern nur die Summe von 171 Gulden gelöst habe.

Nun aber zu meinem Roten, dieser hatte nicht durch den Regen gelitten, da die Trauben damals noch nicht überreif waren, dagegen waren sie durch das nachfolgende lange Hängen nicht nur überreif, sondern ganz schrumpflich geworden, so dass sie beim Keltern statt 16 nur noch 12 1/2 Ohm Saft gaben, der aber in diesem Jahre der allerbeste in Meersburg gewachsene Wein ist, teils eben des späten Kelterns wegen, teils, weil ich die letzten 1 1/2 Ohm nicht dazwischen genommen, sondern zwischen den weißen habe laufen lassen, so dass mein sämtlicher roter Wein Vorlauf ist. Ich habe ihn aufgelegt in einem Fuderfass, und den übrigen Ohm zum Auffüllen daneben. Er ist so zuckerhaltig, dass sich an der Mostprobe gar kein Grad mehr zur Bezeichnung seiner Süßigkeit vorfand, und man sagt mir, in ein paar Jahren
müsste ich wenigstens 70 Gulden für den Ohm haben. Da hätte ich meine 700 Gulden in einmal wieder heraus! d.h. ich habe freilich nichts davon, aber es freut mich doch wenn das Rebgütchen etwas anwächst, weil es doch das einzige ist, was ich den hiesigen Kindern hinterlasse.

In Bonn habe ich niemanden gesehn außer Junkmann; Schücking ließ zu meiner großen Freude nichts von sich hören noch sehn, obwohl er in Köln war, und ein Artikel über “meine Ankunft und wahrscheinlich längeren Aufenthalt in Bonn” in seiner eignen Zeitung stand. Wegen meiner “Charakeristik” von seiner Hand, in Kinkels “Rheinischem Jahrbuche”, wovon dir Heinrich wird gesagt haben, habe ich nur erfahren, dass das ganze Buch bereits gedruckt und also nichts mehr daran zu ändern war, und mich dann nicht weiter darum bekümmert, denn obwohl ich voraussetze, dass die Charakteristik vorteilhaft für mich und eine persönliche Vergütung für die “Ritterbürtigen” sein soll, so hat sich doch Schücking als zu taktlos erwiesen, als dass ich nicht immer Verdruss fürchtete, wo er sich irgend um mich bekümmert.

NB. Du wirst von Bonn einen Verschlag mit drei Ölbildern erhalten, die zwei größeren und schöneren hat mir Professor Braun, der sie eben aus der Auktion der bedeutenden Schmitzischen Sammlung in Köln erstanden hatte, für einen Spottpreis überlassen, und das dritte, unbedeutendere (den Hexenmeister, der den Skorpion verbrennt) dazugeschenkt, hebe sie mir doch gut auf, und sage mir, wie sie Dir gefallen? Sulpice Boisseree, der jetzt in Bonn wohnt, fand sie gut.

Noch muss ich Dir sagen, dass unser lieber Heinrich auf dem Wege bis Bonn so vortrefflich für mich gesorgt hat, ich hätte es von einem eignen Sohne nicht besser erwarten können. Gott
wird auch die Verheißungen des vierten Gebotes an ihm in Erfüllung gehen lassen.
Adieu, liebster Werner

Meersburg, 24. Oktober 1846

aus: 1846, Briefe an Pauline von Droste, Meersburg

Ich wohne hier sehr angenehm, nach meinem Wunsche wiederum in einem der Türme, aber dieses mal durch einen gedeckten Säulengang mit dem Schlosse verbunden, mein Quartier ist ungemein hell und freundlich, und hat die Aussicht über den ganzen See. Ich komme auch selten heraus, außer zum Mittag- und Abendessen, Jenny und die Kinder aber oft zu mir.

Auf meine Gesundheit wirkt das Klima bereits sehr gut, meine Kopf- und Magenschmerzen sind verschwunden, nur mit dem Gehen sieht es noch pauvre aus, und dann habe ich seit meiner Ankunft einen argen Husten, wohl durch eigne Schuld, von wegen der Cabriölchen-Fahrt, im Staubregen und ohne Verdeck. So soll ich denn doch durchaus beim Apotheker in die Kost, und ein, wie man sagt, sehr berühmter Arzt des nur zwei Stunden entlegenen Bades Überlingen ist bereits hieher beschieden. Morgen oder übermorgen erwarten wir ihn. Was wird mein Homöopath sagen!

Wir haben hier eine köstliche Weinernte gehabt, doch habe ich bedeutenden Schaden erlitten - wir müssen uns nämlich, in Ermanglung einer eigenen Kelter, der Stadtkeltern bedienen, wo man nur nach gezogenen Nummern zugelassen wird; da habe ich dann eine der letzten Nummern gezogen, was den roten Trauben nicht schadete, die weißen aber waren schon vor drei Wochen überreif. So sind mir denn bei dem letzten Regenwetter (nach dem Ausspruche Sachverständiger) mindestens sieben Ohm weißen Weins total verregnet, und die sechs noch gewonnenen sind auch zumeist aus verdorbenen Trauben gepresst, und unter aller Kritik. Dagegen habe ich sechzehn Ohm roten geerntet, der sich darf sehn lassen, und in der Weinprobe neunzig Grad zieht. So werde ich doch in diesem Jahre trotz meines Schadens weit mehr lösen, als mich der Ankauf des ganzen Gütchens, Haus, Weinberg und Garten gekostet hat.

Wir sind hier von Besuchen überschwemmt, zumeist Gelehrte, die sich, bei Laßbergs hohem Alter, beeilen, noch von seiner Bibliothek zu profitieren. Ich bekomme davon nur zu sehen, was zu Tische oder über Nacht bleibt, alle andern Glorien ziehen an meinem Turme vorüber, ohne sich mir durch ihren Abglanz zu verraten. NB. Es wird dich meinetwegen doch freuen zu hören, dass Laßberg, Gott weiß durch welchen Impuls, meine Freundin, die Salm, jetzt ebensosehr in Affektion genommen hat als sie ihm früher fatal war; er lässt alles liegen und stehn, wenn sie kömmt, und nimmt sie dermaßen in Beschlag, dass ein anderer kaum mit ihr zu Worte kommen kann. Du kannst denken wie froh ich darüber bin, jede Woche ein Tag des Verdrusses und der Peinlichkeit war mir eine gräuliche Aussicht!

Nun, liebstes Päulchen, bitte ich Dich, unserm Freunde Braun nebst meinen herzlichsten Grüßen doch zu sagen, dass, falls die Mertensche Auktion noch nicht stattgefunden habe, ich doch für das bewusste kleine Büchelchen wohl bedeutend mehr geben möchte als zwei Taler, - d. h. wenn es es wert ist, weshalb ich den Herrn Professor bitte es vorher anzusehn. Meine allmählich etwas unklar gewordenen Erinnerungen datieren von anno 25, wo ich freilich noch blutwenig gesehn hatte und leicht etwas überschätzen mochte, aber in meinen Gedanken steht es wunderniedlich da, und ich habe es mir so oft gewünscht, dass ich es nun ungern möchte fahren lassen. Findet der Professor es wirklich preiswürdig, so will ich wohl vier, auch wohl fünf Taler geben - oder auch darüber, soweit es preiswürdig gefunden wird — nur nicht etwa 12 oder 14 Taler, denn mich dünkt, so viel kann es doch nicht wert sein; und zudem muss ich in diesem Jahre sehr mit meinem Geldbeutel Rat nehmen, da der Ertrag des Weinbergs, wie Du weißt, mich um keinen Heller reicher macht.

Und nun, liebstes Herz, adieu - nochmals 1000 Dank für alle Liebe und Freundlichkeit, die ich in Deinem Hause genossen habe, Mama, Jenny, Laßberg grüßen aufs Herzlichste; und die beiden Letzteren wünschen nichts mehr als Euch Lieben einmal auf längere Zeit bewirten zu können, welche Freude Ihr Ihnen, bei der projektierten italienischen Reise, ja auch leicht machen könnt. Komm ja! liebes Herz! Ich bin dann noch hier und profitiere auch noch von dem lieben Besuche mit.

Meersburg, 14. Oktober 1846

aus: 1846, Briefe an Pauline von Droste, Meersburg

Ich hätte Dir so gern unmittelbar nach meiner Ankunft geschrieben, aber die Nachwehen der Reise ließen sich doch spüren, wo dann eine Unfähigkeit, in gebückter Stellung zu verweilen, immer das erste ist, was sich bei mir einstellt. Jetzt bin ich jedoch ziemlich wieder auf dem Strumpf und kann Euch Lieben, von denen ich gewiss weiß, dass Ihr meinen Weg in Gedanken mitgemacht und mit Euern guten Wünschen begleitet habt, nunmehr Rechenschaft von meinem honetten Betragen in der wilden fremden Welt ablegen, sowie Kunde geben von den “ungeheuerlichen und abenteuerlichen Gefahren”, denen ich um so sicherer entgangen bin, da sie gar nicht den Mut gehabt haben sich zu zeigen. Es ist kein Dampfkessel zersprungen, weder Land- noch Seeräuber haben sich gezeigt, und (mirabile dictu!) niemand hat versucht, mich zu entführen, was freilich allen Glauben übersteigt!

Übrigens ist mir der lange Weg bei weitem nicht so sauer geworden, als ich befürchtete, und zwar ging es mit jedem Tage besser. Auf der ersten Tour bis Mainz konnten Kopf und Magen sich noch gar nicht mit der Erschütterung des Dampfboots befreunden, mir war mordschlecht zumute. Indessen kam mir hier die vortreffliche Einrichtung des Schiffes zustatten, das außer dem Pavillon noch ein Extrazimmer für Damen hat, mit so breiten Kanapees, dass man fast so bequem darauf liegt wie auf Betten.

Auch kann ich die große Zuvorkommenheit des Kondukteurs nicht genug loben. Er kam alle zwei bis drei Stunden, sich nach meinem Befinden und Wünschen zu erkundigen, gab mir den ausführlichsten Rat für jede Reisestation, und schon jetzt alle Billets (sogar für die nötigen Omnibus) bis Freiburg. Bei der Ankunft in Mainz führte er mich durch das Gedränge zum Fiaker, besorgte meine Effekten sogleich auf das Dampfboot, das ich am nächsten Morgen besteigen musste, und empfahl mich sogar dem Kondukteur desselben schriftlich. Kurz, selbiger Jüngling ist die Krone aller Kondukteure, die je waren, sind und sein werden.

Die Nacht in Mainz war schlecht; ich musste mich fortwährend übergeben und fühlte mich so krank, dass, wenn ich nicht schon so weit voraus bezahlt gehabt hätte, ich mich unfehlbar wieder würde zu Euch in Abrahams Schoß geflüchtet haben. So aber reute mich doch mein Geld, und ich segelte in Gottes Namen auf Mannheim los. Es wurde mir auch stündlich besser, obwohl der Delphin ein kleines unbequemes Fahrzeug ohne hinlänglichen Raum, sehr schwach an Erfrischungen, und sein Kondukteur, obgleich immerhin höflich genug, doch nur ein matter Abglanz meines gestrigen Juwels war.

In Mannheim kam ich so früh an, dass ich noch am selben Abend ein Stück Eisenbahn bis Karlsruhe vorwegnehmen und am nächsten Tage mit dem ersten Zuge bereits um elf Uhr morgens in Freiburg sein konnte. Beide Male verschafften mir die späte Jahrszeit und 30 Kreuzer Trinkgeld einen Waggon ganz für mich allein, wo ich, bald liegend, bald in Paschas oder Schneiders Majestät thronend, mich wirklich mehr erquickt als angegriffen und nach mehrstündiger Ruhe in Freiburg so gestärkt fühlte, dass ich noch desselben Nachmittages um drei Uhr es wagte, den eigentlichen sauren Apfel der ganzen Reise, ich meine die nächtliche Eilwagenfahrt durch das Höllental, den Schwarzwald et cet., bis Stockach zur Hand zu nehmen.

Das war aber eine Kreuzigung! Grade um Mitternacht auf der höchsten Höhe des Schwarzwaldes - die Luft dort kalt wie im Dezember - ein Wagen nicht viel größer wie eine Chatouille - höchstens für vier Mann Raum und acht hineingepresst. Wir saßen einander fast auf dem Schoße, und wer vor Schläfrigkeit etwas wacklig wurde, stieß seinem Visavis an den Kopf. Diesem Umstände habe ich es auch allein zu verdanken, dass ich nicht umgefallen bin, denn ich weiß wirklich nicht, wohin ich hätte fallen sollen.

Meine Reisegefährten (wahrscheinlich Leute aus der Umgegend) schienen sich indessen schon völlig in die Anforderungen des Wagens hineingelebt zu haben, sie schliefen alle, in kerzengrader Stellung, und mir allein blieb das Vergnügen, den holden Mond anzusehen, und es jedesmal zu bemerken, wenn die Pferde an einem steilen Hange fast hintenüber schlugen, nicht mehr voran konnten, und der Wagen einige Male um mehrere Schritte zurückrollte.

Endlich erschien der Tag, und endlich endlich! um Zehne das ersehnte Stockach, ein elendes Nest! Das erste, was ich dort hörte, war, dass in jeder Woche ein Tag ausfalle, wo keine Eilpost nach Meersburg gehe, und dass ich grade diesen glücklichen Tag getroffen, somit die schönste Gelegenheit habe, bis zum nächsten Nachmittag die Reize der Stadt zu bewundern, die in dem beständigen Staubregen (mit dem fast meine ganze Reise gesegnet war) genau aussah wie ein altes Weib, das ein Bettlaken um den Kopf gehängt hat. Das war mir aber zuviel! So beging ich denn aus Ungeduld den dummen Streich, nach kaum halbstündiger Ruhe wieder los zu fahren, in dem besten Lohnfuhrwerke der Stadt. Wie nenne ich es? - Cabriolet ist nicht passend. Cabriölchen, einspännig, ohne Verdeck, den Kutscher neben mir, denn von einem Bocke war keine Rede.

So bin ich, abends sechs Uhr, in Meersburg hereintriumphiert; d. h. nicht ganz herein, sondern bis zu einem Wirtshause vor dem Tore, um keine Irrungen zu veranlassen, da der Großherzog von Baden ebenfalls am selben Abende durchpassieren sollte. Der Empfang im Schlosse war äußerst herzlich, mein Mütterchen war zwar von einer Landpartie noch nicht heimgekehrt, aber die Kinder schrieen sich fast heiser, und meine gute Schwester, die noch immer etwas leidend aussah, weinte vor Freude, auch Laßbergen schien meine Ankunft äußerst willkommen.

Er hat viel Sorge um Jenny gehabt, und ihr Zustand ist, wie ich höre, auch entschieden gefährlich gewesen. Drei Monate Husten mit gänzlichem Verlust der Stimme, schleichendem Fieber, Appetit-und Schlaflosigkeit - sie hatte sich schon bedeutend erholt, als ich ankam, erholt sich täglich mehr, und von Gefahr ist gottlob keine Rede mehr, obwohl es noch eine Weile dauern mag, bis sie mit ihren Kräften und gutem Aussehn wieder auf den alten Standpunkt gelangt ist. Gottlob ist sie heiter dabei, nicht im geringsten apprehensiv und das hilft sehr voran.

Mit Mamas Herzklopfen ist es noch beim Alten, doch ist es das letzte Mal um fünf Tage später als gewöhnlich eingetreten, und ich möchte mir nun gar zu gern Hoffnung machen, dass dies bereits Wirkung des Klimas sei, was ihr Übel schon mehre Male gelindert hat, jedoch, leider, immer nicht anhaltend. Mit der völligen Gewöhnung an die hiesige Luft traten auch die alten Zustände wieder ein. Würde es doch einmahl anders! nur Linderung - wie froh wollten wir sein! Aber ich fürchte, Gott hat uns diese Freude nicht bestimmt. Wüsste ich nur gewiss, dass nichts Lebensgefährliches bei ihrem Zustande wäre, so wollte ich mich schon gern zufrieden geben; in ihrem Alter sind sieben Tage voll Kraft und Gesundheit mit einem leidenden nicht zu teuer erkauft, und das ist es ja eben, was uns die Ärzte einreden wollen, dass sie ihre ungemeine Rüstigkeit nur diesen Arbeitern zu verdanken habe, die nie lebensgefährlich werden
könnten. Gott gebe dass es so ist!

Laßberg ist auch ein wahrer Held für seine Jahre, trotz seines halblahmen Beins beweglich wie Quecksilber, sieht viel wohler aus als an seinem Hochzeitstage, und wenn er sich nicht zuweilen durch eigene Schuld einen Husten holte, könnte man sagen, ihm fehle nie Etwas.

Ich habe ihn bis jetzt nur in glänzender Laune gesehn, und hoffe, es sei etwas Haltbares daran, denn da er überhaubt mit zunehmendem Alter sehr an Umgänglichkeit zunimmt, so kann er in den zwei Jahren meiner Abwesenheit hübsche Progressen gemacht haben. So wie er jetzt ist, kann man sehr wohl mit ihm auskommen, und Jenny ist mit ihrer Lage völlig zufrieden, das bleibt doch die Hauptsache!

Meersburg, 14. Oktober 1846

aus: 1846, Briefe an Christoph B. Schlüter, Hülshoff

Ich bin in Hülshoff und recht krank, an allerlei, am plagendsten an meinem nervösen Kopfweh, das seit sechs Tagen völlig Überhand genommen hat. Ich kann Ihnen deshalb für dieses Mal nur die Hand drücken und weiter nichts. Alles andere, Brief und Gedichte, später gern und vollständig. Betet doch ein wenig für mich, Ihr meine Lieben! Der Schmerz nimmt mir so oft die Gedankenklarheit zum brünstigen Gebete, wenn ich es grade am nötigsten hätte.

Hülshoff, 5. September 1846

aus: 1846, Briefe an Christoph B. Schlüter, Rüschhaus

Ich bin auf dem Punkte, nach Hülshoff auszuwandern. Mein guter Bruder will es so und hat recht daran; denn so verführerisch, ich möchte sagen betäubend lieblich mein Klausnerleben auch ist, so ist es doch allerdings nicht geeignet, jemanden, der sehr an den Nerven und noch mehr an Apprehensionen leidet, wieder zurechtzuhelfen. Also in Gottes Namen!

Ich schicke den “Helmut” mit vielem Dank zurück; er hat mir viel genutzt; so geschwind er sich von der Sache abmacht; denn mein Wissen war hier wieder gar arges Stückwerk, ohne Ordnung und System, rein Aufgeschnapptes! und es hat mich sehr gefreut, endlich einmal etwas, wenn auch Kurzes, doch Gründliches darüber zu lesen. Die beiden Lateiner nehme ich mit, ich stecke mitten darin in beiden und sage jetzt kein Wort darüber, nur so viel: Beide haben ihren Wert, aber einer derselben macht mich halb närrisch vor Vergnügen. Was für ein liebes liebes Tierchen von einem Buche! Aber welches, sage ich nicht. Sollten Sie es nicht erraten? Ich kann mir nicht denken, dass wir nicht denselben Geschmack hätten.

Liebster Freund, Sie sehen, wie unmöglich es mir ist, ein Paket an Sie ohne einige Worte herzlichen Grußes abgehn zu lassen, mag meine Zeit auch noch so beschränkt und das Schreiben, wie hier, durchaus unnötig sein. Ich schreibe Ihnen, als würden Sie diese Zeilen in einer Stunde lesen, und weiß doch, dass Sie in ihrem verlassenen Zimmer noch 8 — 10 Tage Quarantäne halten und wahrscheinlich mit dem zweiten die Lateiner enthaltenden Pakete zugleich in den Hafen Ihrer Hände einlaufen werden; aber ich wünschte die Bücher vor meiner Abfahrt abzusenden, da in Hülshoff nur wöchentlich einmal (samstags) regelmäßige Gelegenheit und der Bote dann oft schwer bepackt oder doch mit Kommissionen überladen ist; und, wie gesagt, ein Paket an Sie ohne ein beschriebenes Blättchen darin kömmt mir wie ein halber Verrat und eine ganze Unmöglichkeit vor. Adieu, liebster bester Freund, meine Rosse stampfen und schnauben.

Ich befürchte einiges Heimweh nach Rüschhaus, es bleibt hier gar vieles zurück, viel Erinnerungen, viel Träume, mein ganzes liebes Zusammenleben mit mir selbst unter blauem Himmel und Waldesgrün; und dann, was wird aus Thereschens und meinem schönen Zweisiedler-Projekt? und aus dem zweiten Besuche meines Professorchens, auf den ich mich so gefreut? Sie zweifeln wohl nicht, dass, wenn es bei mir gestanden hätte, noch vierzehn Tage zuzusetzen, ich gewiss alle Stricke dazu würde angespannt haben; aber ich habe meinen guten Bruder schon so oft mit Ausflüchten heimgeschickt, dass ich selbst fühlen muss, es gehe nicht mehr ohne wirklich ernstliche Verletzung seiner Liebe und Geduld. Mein Trost ist fortan die fast wöchentliche Fahrgelegenheit nach Münster, wo ich mich denn doch mitunter werde einschmuggeln können.

Rüschhaus, 28. August 1846