1846 28.August

Ich bin auf dem Punkte, nach Hülshoff auszuwandern. Mein guter Bruder will es so und hat recht daran; denn so verführerisch, ich möchte sagen betäubend lieblich mein Klausnerleben auch ist, so ist es doch allerdings nicht geeignet, jemanden, der sehr an den Nerven und noch mehr an Apprehensionen leidet, wieder zurechtzuhelfen. Also in Gottes Namen!

Ich schicke den „Helmut“ mit vielem Dank zurück; er hat mir viel genutzt; so geschwind er sich von der Sache abmacht; denn mein Wissen war hier wieder gar arges Stückwerk, ohne Ordnung und System, rein Aufgeschnapptes! und es hat mich sehr gefreut, endlich einmal etwas, wenn auch Kurzes, doch Gründliches darüber zu lesen. Die beiden Lateiner nehme ich mit, ich stecke mitten darin in beiden und sage jetzt kein Wort darüber, nur so viel: Beide haben ihren Wert, aber einer derselben macht mich halb närrisch vor Vergnügen. Was für ein liebes liebes Tierchen von einem Buche! Aber welches, sage ich nicht. Sollten Sie es nicht erraten? Ich kann mir nicht denken, dass wir nicht denselben Geschmack hätten.

Liebster Freund, Sie sehen, wie unmöglich es mir ist, ein Paket an Sie ohne einige Worte herzlichen Grußes abgehn zu lassen, mag meine Zeit auch noch so beschränkt und das Schreiben, wie hier, durchaus unnötig sein. Ich schreibe Ihnen, als würden Sie diese Zeilen in einer Stunde lesen, und weiß doch, dass Sie in ihrem verlassenen Zimmer noch 8 — 10 Tage Quarantäne halten und wahrscheinlich mit dem zweiten die Lateiner enthaltenden Pakete zugleich in den Hafen Ihrer Hände einlaufen werden; aber ich wünschte die Bücher vor meiner Abfahrt abzusenden, da in Hülshoff nur wöchentlich einmal (samstags) regelmäßige Gelegenheit und der Bote dann oft schwer bepackt oder doch mit Kommissionen überladen ist; und, wie gesagt, ein Paket an Sie ohne ein beschriebenes Blättchen darin kömmt mir wie ein halber Verrat und eine ganze Unmöglichkeit vor. Adieu, liebster bester Freund, meine Rosse stampfen und schnauben.

Ich befürchte einiges Heimweh nach Rüschhaus, es bleibt hier gar vieles zurück, viel Erinnerungen, viel Träume, mein ganzes liebes Zusammenleben mit mir selbst unter blauem Himmel und Waldesgrün; und dann, was wird aus Thereschens und meinem schönen Zweisiedler-Projekt? und aus dem zweiten Besuche meines Professorchens, auf den ich mich so gefreut? Sie zweifeln wohl nicht, dass, wenn es bei mir gestanden hätte, noch vierzehn Tage zuzusetzen, ich gewiss alle Stricke dazu würde angespannt haben; aber ich habe meinen guten Bruder schon so oft mit Ausflüchten heimgeschickt, dass ich selbst fühlen muss, es gehe nicht mehr ohne wirklich ernstliche Verletzung seiner Liebe und Geduld. Mein Trost ist fortan die fast wöchentliche Fahrgelegenheit nach Münster, wo ich mich denn doch mitunter werde einschmuggeln können.

Rüschhaus, 28. August 1846

Mehr zum Adressaten: Christoph B. Schlüter
Hintergrund: Mit dem Helmut meint die Droste einen Band über Naturgeschichte von Johann Heinrich Hellmuth, den Schlüter ihr geliehen hat. Annette nutzt die Informationen aus dem Buch, um ihre Muschelsammlung zu ordnen.
Apprehension: Reizbarkeit