1845 2.August

Von Schücking habe ich vor etwa acht Wochen einen Brief, wie immer sehr freundlich, aber ungeheuer flüchtig – keine Nachfrage nach irgend jemanden, keine meiner Fragen (die meistens meine schriftstellerischen Interessen betrafen) beantwortet, überhaupt gar keine Teilnahme an meiner Laufbahn mehr, nur einmal flüchtig hingeworfen: „Ihre Pyrenäengedichte sind schön – was machen Sie? sind fleißig?“, um dann gleich weitläufig auf seine eignen Ruhmes- und Erwerbplane zu kommen.

Dreierlei soll in diesem Jahre heraus, ein Roman und zwei Sammlungen seiner zerstreuten Gedichte und Novellen; auch dreierlei Plaisiers hatten sie vor: erstlich eine Rheinreise (muss schon vorüber sein, der Brief war vom 16ten Juni), dann einen Monat Badekur in Ostende (auch wohl schon vorüber) und endlich den nächsten Winter in Paris. (Wie verträgt sich das mit dem Geldbeutel, und vollends mit seinem Amte?) Das Kind ist ein Wunder der Natur; von Paulinen weiß er nichts, und scheint sehr unbekümmert darum. Nach einer Person erkundigt er sich dann doch, nach Adelen, deren Roman „Anna“ seine Luise gelesen und sehr schön gefunden. Voila tout!

Abbenburg, 2. August 1845

Mehr zum Adressaten: Elise Rüdiger

1 Anmerkung

  • # Levin Schücking:
    Levin Schücking

    Mein liebes Mütterchen!

    Es ist ’ne wahre Schande, dass ich Ihnen bis jetzt auf zwei liebe freundliche Briefe noch nicht geantwortet habe. Erst war’s Mangel an Zeit und seitdem Aufschub, da ich Ihnen gern genau den Zeitpunkt sagen wollte, wann wir an den Rhein kommen werden. Dies ist jetzt festgesetzt, nämlich in den ersten Tagen des Juli. Könnten Sie dann nicht nach Köln oder Bonn kommen? Es wäre gar zu schön! Am liebsten wäre es mir, wenn ich Sie dann ganz mitnehmen könnte, nämlich nach Ostende, wo wir einen Monat zu bleiben gedenken. Wenn Sie auch nicht Seebäder nehmen wollten, so denk‘ ich, müsste Ihnen doch die Seeluft allein wunderbar gut tun!

    Von Ostende haben wir stark vor, nach Paris zu gehen und dort die Herbstmonate zu bleiben, nur ist da der große Umstand: das Kind, das wir nicht gern zurücklassen und doch auch nicht mitnehmen können. Obwohl Luise Verwandte in Hanau hat, denen sie es mit gutem Vertrauen lassen kann, so fürchtet sie doch alles Vergnügen der Reise vergällt, wenn der Junge nicht da ist.

    Was diesen selbst angeht, so danken wir Gott täglich dafür und bitten, ihn uns nur so zu erhalten, denn bis jetzt macht er uns nur Freude. Er ist dick und stark und lacht den ganzen Tag, wenn er nicht schläft, heißt das, was seine Hauptbeschäftigung ist. Abends um halb acht schläft er seit fünf Monaten schon ein und in einem Stück fort, bis am andern Morgen um sechs Uhr, was, wie alle Welt sagt, etwas Unerhörtes ist. So hat er uns bis jetzt noch keine Sorge und Last, sondern nur Freude gemacht. Er ist sehr lebhaft, sehr hochmütig und sehr gefräßig und gleicht mir auf ein Haar, sagen die Leute. Jetzt leidet er etwas am Zahnen, und merkwürdigerweise kommen, scheint es, die Augenzähne zuerst.

    Ich bin den Winter sehr fleißig gewesen und habe nicht allein meine Aufsätze für die Allgemeine Zeitung und die Ergänzungsblätter derselben geschrieben, sondern auch einen Band Gedichte fertig gemacht, der nun bei Cotta im Herbst erscheint, und ferner einen Roman geschrieben, der im Herbst bei Brockhaus herauskommt und „Die Ritterbürtigen“ heißt; er hat drei Bände, war also ein hübsch Stück Arbeit. Er spielt in Westfalen; eine ehrgeizige, politische Dame steht im Vordergrunde; der Roman ist überhaupt halb politischer Roman, halb Intrigenstück. Na, Sie werden sehen.

    Jetzt bin ich beschäftigt, zwei Bände Novellen zusammenzustellen, die gegen Weihnachten erscheinen. Der Roman „Die Ritterbürtigen“ beginnt den Reigen eines Zyklus von Romanen unter dem Gesamttitel „Zeiten und Sitten“; nach ihm, sehr bald, wird kommen: „Eine dunkle Tat“, ein andrer Name für das Stiftsfräulein, das ich wieder abdrucken lasse.

    Das Juniheft der Monatblätter zur Ergänzung der Allgemeinen Zeitung enthält einen Aufsatz über Gutzkow von mir, den Sie lesen müssen. Haben Sie auch den Stifter gelesen, den ich in der Allgemeinen herausgestrichen habe? Das ist ein Buch, welches Ihnen Vergnügen machen würde, liebes Mütterchen – eine merkwürdige Naturmalerei. Eben lese ich den „Paul“ von Sternberg, der fürchterlich langweilig ist. „Anna“ von der Adele Schopenhauer hat Luise gelesen und lobt es sehr.

    Von Ihnen habe ich in der Kölnischen Zeitung die Pyrenäengedichte gelesen, die samt und sonders sehr schön sind! Sind Sie hübsch fleißig? Und wie geht es Ihnen jetzt? Wenn Sie irgend angegriffen sind, faulenzen Sie ja und tun sich einen rechten guten Tag an, liebes Mütterchen – das Schreiben greift doch gewaltig die Nerven an!

    Was hören Sie von Laßbergs? Und wie geht es Schlüterchen und Junkmann? Grüßen Sie sie recht herzlich von mir.

    Auf Ihre Fragen, liebes Mütterchen, ob Sie Gedichte, die Sie Dräxler-Manfred oder E. Boas in Berlin für sein Album geben, auch später wieder drucken lassen können, antworte ich Ihnen schon gar nicht mehr!

    Bis den ersten Juli treffen Briefe mich noch hier, dann ist meine Adresse während des Juli: Ostende, royaume des Belgiques.

    Gute Nacht, liebes Mütterchen – ich bin totmüde, ich bin ein Faulenzer im Briefschreiben, aber halten Sie nicht weniger lieb darum

    Ihren alten treuen Levin.
    Augsburg, 15. Juni 1845