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Ablenkung für die geistig verwirrte Freundin

Unser lieber Werner, der Ihnen, liebste Grosmutter, diesen Brief überbringt, wird Ihnen sagen, wie sehr wohl wir uns gottlob jetzt hier alle befinden; ich kann sagen, daß mir jetzt gottlob körperlich nichts fehlt, und ich habe die Aussicht, noch wohl gar eine recht feste Gesundheit zu bekommen, was ich nie mehr gehofft. Auch Ferdinand hat jetzt schon lange über nichts mehr geklagt; und unsre lieben Eltern, die ich zuerst hätte nennen sollen, wie auch Jenny und überhaubt alles hier im Hause genießt der besten Gesundheit, so daß ich glaube, daß dieses schlechte Wetterjahr vielleicht desto besser für die Gesundheit gewesen ist, selbst der alte Gärtner Franz, von dem wir im vorigen Winter glaubten, er werde den Frühling nicht erleben, hat sich so herausgemacht, daß er wieder die beste Hoffnung hat (oder haben könnte, denn er selbst wünscht es nicht), hundert Jahr alt zu werden, er ist bereits im zweiundneunzigsten, wie uns eine Nichte von ihm neulich ausgerechnet hat (…)

Von meiner lieben Thielemann habe ich lange keinen Brief erhalten, da ich ihr in meinem letzten Schreiben Hoffnung gemacht habe, sie noch diesen Herbst zu besuchen, und sie mich vielleicht noch immer erwartet. Auf künftiges Frühjahr habe ich die sichere Aussicht, diese liebe Freundin zu sehn, da der gute Onkel Fritz mir versprochen, mich alsdann auf einige Wochen zu ihr nach Coblenz zu bringen. Ich freue mich außerordentlich darauf, obgleich ich wohl wenig oder Nichts von dem, was man gewöhnlich Vergnügen nennt, dort zu erwarten habe.

Die Thielemann soll, wie ich von andern höre, jetzt weit gefaßter sein, Gott erhalte sie dabey und bessere es noch täglich, ein solcher Zustand der Dürre und Trostlosigkeit ist etwas sehr schreckliches und es läßt sich so wenig dagegen machen, da er gewöhnlich von Nervenschwäche herrührt, und selbst das Nachdenken über tröstliche Wahrheiten der Religion ist nicht gar zu viel anzurathen, weil es, besonders in einem solchen gereizten Zustande, gar zu sehr rührt.

Ich muß gestehn, daß ich glaube, daß nur in Augenblicken der höchsten Spannung, wo nichts anderes mehr wirken will, man diese Frau durch ernste und erhebende Tröstungen muß zu beruhigen suchen, übrigens aber unschuldige und erheiternde Zerstreuungen, bey denen Kopf und Phantasie nichts zu tun haben, anwenden muß, z. b. Spazierenfahren oder -gehn bey schönem Wetter, wo man sie dann auf die schöne Gegend aufmerksam machen, und selbst Freude daran zeigen muß.

Erzählungen, was alle gute Bekannten und Freunde jetzt machen, und dergleichen eigentlich gleichgültige und doch sehr erheiternde Dinge; wäre die Thielemann eine Frau von weniger Religion, wie sie ist, oder würde sie von Skrupeln beängstiget, so würde die Sache andre Mittel erfordern. Letzteres glaubte ich anfangs und deutete einmahl, in der Absicht, sie zu beruhigen, darauf hin, sie verstand mich sehr wohl und antwortete „obgleich sie eine große Sünderin sei, die Gott täglich beleidige, und gewiß mehr verdient habe als diese Züchtigung, so möge ich doch nicht glauben, daß sie sich mit Skrupeln quäle und ihren jetzigen Zustand als eine Strafe betrachte, denn sie wisse sich außer den täglichen, freylich leider immer wiederholten Fehlern keines einzelnen Vergehns schuldig, wovon sie diese Leiden als Folge ansähe. Vielmehr halte sie sie für eine Prüfung, aber es fehle ihr leider an Geduld et cet. Ueberhaubt ist sie eine der frömmsten religiösesten Frauen, die ich kenne, und wird sich jetzt wohl nur gar zu sehr mit ergreifenden Lesen rührender religiöser Schriften anspannen. Dass Sie, liebste Grosmutter, sie jetzt so oft in Ihr Gebeth einschließen, hat mich sehr getröstet – von Gott muß doch alle Hülfe kommen wenn man es auch noch so klug einzurichten meint. (…)

Der jüngere, stets schwächliche Bruder Ferdinand (Fente) ist an einer Lungentuberkulose erkankt. Er wird am 15. Juni 1829 sterben.
Die ältere Freundin in Koblenz, Generalin Thielmann, leidet an Demenz.