1821 2.Dezember

Ich möchte wohl wissen, ob es jetzt auch bei Ihnen so ganz seltsam in der Natur aussieht wie hier, es sind in diese Woche schon zwei Gewitter gewesen — das eine so heftig mit Donner und Hagel wie mitten im Sommer (gestern Abend) und in dieser und der vorigen Woche dreimal ein Nordlicht, was ich noch nie gesehn hatte, ich habe es auch jetzt zweimal nicht gesehn, weil es sehr spät war und unsre Leute nichts davon sagten, erst das letzte Mal, vor etwa vier Tagen, riefen sie mich dazu, und ich, Tony und Elise, die andern haben es gar nicht gesehn, und auch wir kamen zu spät, so dass es nicht mehr aussah wie Feuer, sondern wie der Abendschein, der noch wohl nach Sonnenuntergang eine Stunde bleibt, doch habe ich noch ein paarmal gesehn, wie es über den ganzen Himmel fuhr, wie wenn es ausgegossnes Wasser war, und dann wieder zurück und zuletzt in lauter lange weiße Streifen, wie die Milchstraße, auseinanderschoss. Es sieht sehr wunderlich aus und anfangs soll es sehr schön gewesen sein.

Das Gras ist hier überall so grün wie mitten im Sommer und vorgestern hat Werner ein Vergissmeinicht gebracht und gestern, da er nach Havixbeck ging, ein völlig blühendes Veilchen gefunden, was wir aber nicht gesehn haben, da er es der Frau von Twickel geschenkt hat. …

Leben Sie wohl, beste Großmutter, ich küsse ihre lieben Hände und bitte dem lieben Großvater und allen übrigen Angehörigen zu empfehlen
Ihre gehorsame Enkelin Nette

Hülshoff, 2. Dezember 1821