1843 15.Dezember

Lachen Sie nicht über die wahrscheinlich ungehörige Aufschrift dieses Briefes, mein guter Levin; Sie haben vergessen, mir Ihre Augsburger Adresse zu geben, und da ich nicht denken kann, dass nach so kurzem Aufenthalte der „Levin Schücking“ allein ausreichen sollte, muss ich versuchen, ob der „Redakteur“ mir durchhilft.

Warum ich Ihnen so lange nicht geschrieben? Liebes Kind, zwischen Ihren zwei ersten und dem letzten Briefe liegen zwei Reisen, zwei Krankheiten und Geschäfte so ernster und anhaltender Art, wie ich nie daran gewöhnt und deshalb doppelt ungeschickt und von ihnen beschwert war. Nehmen Sie dazu, dass ich schweren Herzens Sie an der Katastrophe Ihres Schicksals sah, mit dem Gefühl, bei meiner durchaus oberflächlichen Kenntnis aller äußern und innern Verhältnisse, kein Wort – weder pro noch contra – sagen zu können, was mich nicht vielleicht nachher bitter gereut hätte, d. h. falls es berücksichtigt worden wäre, was freilich unter diesen Umständen kaum zu erwarten war. So schwieg ich lieber und überließ alles der Fügung des Himmels und dem Urteile derer, die die Sache in der Nähe sahen – Ihnen, Ihrer lieben Braut und den vielen Freunden und Verwandten, deren Rat Ihnen so nahe zur Hand wie ihre Teilnahme unbezweifelt war. …

Von Ihrer lieben Frau habe ich die „Reisebilder“, die „Maske“ und die „Primadonna“ gelesen und mich an allen sehr gefreut. Ich sollte es vielleicht nicht sagen, dass ich der „Maske“ den Vorzug gebe, da die letzte Arbeit, als noch im Gemüte nachklingend, uns vorläufig die liebste zu sein pflegt; aber die Fabel dieser Geschichte ist einfacher, anspruchloser als die der andern, so auch der ganze Gang, deshalb spricht sie mich vorzugsweise an.

Sie sehn, mein Privatgeschmack macht sich wieder laut, man kann nicht aus seiner Haut hinaus; doch habe ich mich durch diese dreifache Lektüre überzeugt, dass aus der Feder Ihrer Frau nur Ausgezeichnetes kommen kann. Gott erhalte Sie so glücklich, wie Sie es jetzt sind, und ich habe gottlob allen Grund, dies zu hoffen.

Sie können vermuten, dass ich mir alle Mühe gegeben, über Ihre Lage klar zu werden, und der Erfolg hat meinen wärmsten Wünschen entsprochen; ich bin über Luisens Fähigkeiten, mein liebstes Kind glücklich zu machen, durch unparteiische Zeugnisse völlig beruhigt, und dazu gehört nicht wenig für das Herz einer Mutter.

Sagen Sie der lieben Frau, dass ich ihr für jede frohe Stunde, die sie Ihnen macht, tief dankbar bin und unsrer persönlichen Bekanntschaft mit freudiger Spannung entgegensehe. Sie können mir nichts Lieberes erzählen als von ihr und überhaupt Ihrem häuslichen Leben, was, wie Sie wissen, mir unendlich höher steht als alle äußern Verhältnisse, so ruhmvoll und glänzend sie sich je gestalten möchten. Für Ehleute gibt’s nur einen Himmel und eine Hölle im eignen Hause, alles andre ist fortan nur Zugabe – selbst die bestgemeinte Liebe anderer. Das ist die Ehe in ihrer vollen Heiligkeit, und wer nur um ein Haar davon ändern möchte, kennt sie nicht oder hat nicht nachgedacht.

Meersburg, 15. Dezember 1843

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1 Anmerkung

  • # Levin Schücking:
    Levin Schücking

    Ich habe bis jetzt aufgeschoben, Ihnen zu schreiben, liebes Mütterchen, aus allerlei Gründen, die ich hier unangedeutet lasse. Nun aber – nachdem ich so lange nichts von Ihnen gehört, drängt mich’s, Sie recht von Herzen um einige Zeilen zu bitten, wie es Ihnen geht?

    Was mich betrifft, mir geht’s gut, wie es nicht anders kann! Ich bin ganz glücklich und so gesund und wohl wie seit Jahren nicht mehr; wenn mich etwas drückt, so ist’s nichts anders, als nicht zu wissen, was Sie machen, und ob Sie noch mein gut Mütterchen sind? Gelt, ja? Sie verlassen Ihren Jungen nicht, der Sie so lieb hat! Wie oft sprach ich nicht von Ihnen, es vergeht kein Tag – und wenn ich’s nicht noch mehr tue, so ist es nur die Furcht, dass man mir doch nicht glaubt, wenn ich so voll von Ihnen bin, bis Sie mal siegreich Ihre Gedichte losgelassen haben. …
    Mit dem Warten auf eine Resolution von Kassel ward’s mir endlich zu lange. Von Augsburg wurde ich gedrängt, und so entschlossen wir uns, diesem provisorischen Verweilen in Darmstadt, wo ich zu nichts kam, ein Ende zu machen, zu heiraten und abzureisen. Meine nötigen Papiere dazu kamen an, und so ließen wir uns denn am 7ten Oktober mittags um ein Uhr trauen, in der katholischen Kirche durch den Oberschulrat Lüft, der eine treffliche Rede dabei hielt. Meine Zeugen waren zwei Vettern Luisens, ein Kammerherr v. Gall und ein Hofgerichtsanwalt Sues; eine Menge Leute waren in der Kirche, der preußische Gesandte und seine Frau „und andre Exzellenzen“, von der Literatur Duller und Frau, Justizrat Buchner und Professor Felsing. Vor allem war Buchner über die Maßen gerührt.

    Meine Braut sah, kann man sagen, ideal schön aus, in einfachem Kleide von ostindischem Musselin und weißem Atlas darunter, den reichen Myrthenkranz à la Ceres. Nach der Trauung – das Ganze erfüllte mich mit einer douce émotion, einer sehr angenehmen Aufgeregtheit, und ich sage seitdem, es tut mir leid, dass ich mich nicht noch mal trauen lassen kann – gab uns der Oberstjägermeister, der Guteste, bei dem ich auch die Zeit in Darmstadt zwar nicht logierte, aber doch den ganzen Tag zubrachte, ein kleines Diner, und danach reisten wir fort. Die drei nächsten Tage brachten wir bei Justinus Kerner zu, wo auch Geibel war.
    Augsburg, 2. November 1843