Alte Billa, Du machst mich gesund

Von Annette von Droste-Hülshoff
24. Mai 1843

Du wirst aus meinem langen Schweigen schon geschlossen haben, lieb Herz, dass es mit der Besserung sehr langsam zugegangen ist. Warum ich Dir nicht durch andre habe Nachricht geben lassen? Weil ich gern zu Dir wollte, lieb Kind, und dachte: „Habe ich erst durch eine fremde Hand aufschreiben lassen, so ist’s rein aus damit.“ Du weißt, wie es mit diesen Nervenübeln geht, zuweilen so gute Tage, dass man denkt: „Noch eine Woche crescendo, und ich kann Wind und Wetter ein Schnippchen schlagen“, und dann ist mit einem Male wieder alles nichts! Du begreifst, dass unter diesen Umständen, bei meiner großen Schwäche, die Meinigen (denen sonst, auf Ehre! die Sache ganz recht gewesen wäre) mich nicht fortlassen wollten, da mir ohnedies noch die Anstrengung zweier Reisen bevorsteht, und begreifst auch, dass ich ihnen nicht die Gelegenheit geben wollte, alles rein abzumachen.

Jetzt muss ich dies leider selbst tun, denn die Zeit ist hin, und wir müssen gleich nach Pfingsten nach Bökendorf. Sei meinem Mütterchen nicht böse, liebe Billa, sie hat Dich jetzt sehr lieb, hätte mich sehr gern zu Dir gelassen, aber es ging wirklich nicht, ich wurde immer empfindlicher gegen die äußere Luft; jede Veränderung der Atmosphäre machte mich hundekrank, und noch jetzt, bei der Bökendorfer Reise, wird große Rücksicht darauf genommen werden; wir reisen keinenfalls als bei ganz beständigem Wetter.

Ich kann nicht sagen, Billchen, wie es mich freut, dass Du so gern hier warst; die Leute verdienen es aber auch um Dich. Alles denkt Deiner mit Liebe und einer Art Sehnsucht, alles läßt Dich grüßen, Tony, die Wrede, Heindorf, das ganze Landsberger Personale, Grävenitzen. Alle vereinigen sich in dem Wunsche, Dich auf längere Zeit in Münster zu haben. Ich denke, Du richtest Dich auch noch mal danach ein. Glaub mir, solche einfache Menschen, die weder Dein Geld noch selbst eigentlich Deine Talente suchen, sondern Dich nur persönlich so gar gern haben, sind gewiss die zuverlässigsten, und Du kannst nie in den Fall kommen, durch eine noch glänzendere Erscheinung in Abnahme zu geraten. Das macht mir meine Landsleute grade so lieb, dieser Mangel an arrière-pensées, an sogenanntem „Aufschlagen“ mit brillanten Gestalten, was nur bis zum Aufgang der nächsten Sonne Stich hält, gibt ihnen in meinen Augen einen unschätzbaren Wert.

Darum komm, mein Liebchen, sobald Italien Dich losläßt! Auch meine Hoffnungen auf Wiedersehn müssen sich zunächst hierauf gründen. Ach Gott! Das ist eine endlos lange Zeit, und ich zerbreche mir fortwährend den Kopf, wie sie abzukürzen wäre. Wenn ich nach Bonn komme, bist Du nicht da, weder auf der Hin- noch Rückreise. Wenn ich in Meersburg bin (etwa vom Ende Septembers bis zum nächsten Mai oder Juni), steckst Du wahrscheinlich in Rom oder Neapel, oder kömmst Du vielleicht im Frühjahr, wo es dort doch überheiß ist, nach Mailand, Genua, Florenz zurück? In diesem Falle gelänge es mir vielleicht, Dich auf 8 – 14 Tage besuchen zu können, notabene wenn Du häuslich eingerichtet wärst, sonst geht es natürlich nicht an, und ich würde nach zwei bis drei Tagen wieder zurückkehren müssen, was doch, nach so weitem Wege, eine allzu kurze Lust wäre.

Liebes Herz, laß uns dem Glück vertrauen; wir verleben beide die nächsten zwölf Monate en voyageur, da wird man oft wunderlich verschlagen, und kann karambolieren, eh man’s denkt. Laß nur unsern Briefwechsel nicht einschlafen, damit wir immer wissen, wo wir uns zu suchen haben! …

Alte Billa, wie froh bin ich, dass jetzt alles zwischen uns wieder rein und fest ist, ich habe Deine Liebe so schwer und bitter verloren gegeben, soll ich mich denn jetzt nicht freuen? Indessen ist uns doch eine schöne unwiederbringliche Zeit darüber verlorengegangen, und dergleichen darf nicht wiederkommen. Es kömmt auch nicht, diese Überzeugung trage ich in mir, und Du gewiss auch. Wenn nur die schwarzen Südländerinnen meine blonde Figur nicht all zu sehr verschatten! Indessen ich denke: „Da bin ich mal was Extra’s – variatio delectat.“

Lieb Herz, mir liegt fortwährend die Frage nach Deinem Befinden auf der Zunge, und die Scheu, Dich unangenehm zu berühren, drängt sie zurück; aber ich muss doch wissen, wie es steht. … muss fortan wieder alle Deine Sorgen und Freuden teilen, wie früher.

Wahrlich, Billa, unser Verständigen miteinander, das Wiedereintreten des alten innerlich belebenden Verhältnisses hat mir so wohl getan, dass ich ihm allein die bessere Wendung meiner Krankheit zu verdanken glaube. Vorher ließ ich mich sinken, jetzt kämpfe ich gegen den Strom, und werde seiner, wenn auch langsam doch sichtlich, Meister. Ich bin zwar heitern leicht befriedigten Gemüts, aber doch zu einer gewissen Apathie geneigt, die mich dann auch körperlich erschlafft, und Du hast mir die liebste und heilsamste aller Aufregungen gegeben, die auch nachhaltig wirkt, und, in diesem Grade, nur von Dir ausgehn konnte. Alte Billa, freut’s dich auch, dass du mich wieder gesund machst?

Mehr über die Adressatin/den Adressaten: Sibylle Mertens-Schaaffhausen
Hintergrund: Im März 1843 hat sich die Droste aufgerafft und Sibylle Mertens nach langem Schweigen geschrieben, "wie elend ich sei, daß ich deshalb nicht geschrieben et cet." Die Bonner Freundin, einst selbst in schwerer Krankheit von Annette gepflegt, entschließt sich daraufhin - allen vorangegangenen Verstimmungen zum Trotz - zu einem Spontanbesuch. Vom 28. März bis 30. April 1843 hält sie sich in Münster auf, besucht Annette täglich im Rüschhaus.
Offenbar haben die beiden Freundinnen einen Gegenbesuch der Droste verabredet, den diese aus mit Hinweis auf bevorstehende Verwandtschaftsbesuche in Abbenburg und Meersburg absagt. Sibylle Mertens zieht etwa im August 1843 nach Italien, wo sie drei Jahre - bis Juli 1846 - bleiben wird.