Das ist doch kläglich!

Von Annette von Droste-Hülshoff
16. Februar 1847

Kinkel war (Ende September) wieder gesund und in voller Tätigkeit, seine Johanna aber hätte man steinigen mögen, weil sie den nagelneuen Streit zweier Frauen aus geachteten und mit halb Bonn verwandten Familien auf die skandalöseste Weise als Novellenstoff verarbeitet hatte. Die Indiskretion des Federviehs ist doch heutzutage wahrhaft scheußlich! Meine Charakteristik im „Jahrbuche“ mag auch ein rares Stückchen sein, da sich der gute Kühnast so daran geärgert hat! Sie können wohl denken, dass ich es nicht gelesen, und wahrlich keine Lust dazu habe. Bädeker hat mir das Buch geschickt, d. h. nach Hülshoff. Werner schickte mir den Brief, behielt aber das versiegelte Paket bis auf weitere Ordre zurück; dort mag es ruhn bis zum jüngsten Tage! Hier ist es gottlob eine Terra incognita, wie überhaupt alles Norddeutsche, was sich nicht durch hervorragendes Talent Bahn brechen kann.

Lieb Lies, mein Entschluss, mich von allen literarischen Bekanntschaften (außer von Ihnen) immer mehr zurückzuziehn, wird immer fester, so wie der, niemals eine Rezension oder kritischen Aufsatz zu lesen. Sie sind, bei der jetzigen Parteiwut und den überhand nehmenden persönlichen Antipathien und Sympathien immer einseitig, parteiisch und sehr häufig nicht einmal im Einklange mit dem eignen Urteile des Schreibers, der nur seinem Freunde zuliebe versucht, ob es ihm gelingen will, irgend einigen dummen Teufeln von Nachbetern Schwarz für Weiß vorzumachen. Das ist doch kläglich! Und doch wird manches sonst gesunde Urteil dadurch für Augenblicke konfus gemacht, obwohl es nicht nachhält, und jeder doch kauft und liest, was ihn freut, und liegenlässt, was ihm, trotz allen Lobpreisungen, nicht zu Gemüte will. …

Sie fragen mich, ob Sie zu einer gewissen Zeitung zurückkehren sollen? Meine Antwort kömmt so spät, dass Ihr Entschluss gewiss jetzt längst gefasst und ausgeführt sein wird, sonst würde ich sagen: „Wenn Sie einen andern Ausweg haben, tun Sie es nicht! Doch ist nicht gar viel mehr dabei.“ Gewisse Spannungen kommen selbst mir jetzt völlig veraltet vor, wieviel mehr einem viel schwächeren Gedächtnisse, dem sie fast antediluvianisch erscheinen werden, doch gibt es ein sehr starkes und feindliches Gedächtnis, das sich vielleicht diese Gelegenheit nicht würde entgehen lassen, sich über Indelikatesse, Taktlosigkeit et cet. halbtot zu wundern. Doch ist Ihnen vielleicht an dem Urteile zweier Menschen nicht viel gelegen, und über ihr Tete-a-Tete hinaus wird die Verwunderung keineswegs reichen.

Und nun adieu, mein teures teures Herz! Sollte ich Ihnen alles Liebe sagen, was mir Mama und Laßberg aufgetragen, so müsste ich wenigstens noch eine Seite Raum haben. Sie bleiben der Liebling, obwohl Ihr Mütterchen und Tante Minna auch sehr gefallen haben, ersteres hat man noch bildschön und beide höchst liebenswürdig gefunden. Adieu, lieb Lies, mit immer gleichem Herzen Ihre treue Nette.

[Am Rand] Meine schönsten Grüße an Rüdiger. Ich ende diesen Brief am Fastnachtsdienstage, und habe doch täglich daran geschrieben — Sehn Sie, wie lieb ich Sie habe!

Meersburg, 4. – 16. Februar 1847

Mehr über die Adressatin/den Adressaten: Elise Rüdiger
Hintergrund: Mit der gewissen ist wohl die „Kölnische Zeitung“ gemeint, mit den zwei Menschen Luise und Levin Schücking.
Antediluvianisch: vorsintflutlich
In Schückings Kurzbiografie der Droste, die „Charakteristik“, erschienen im Jahrbuch „Vom Rhein“, hat Annette offenbar keinen Blick geworfen.