Dem Glücke nachschieben

Von Annette von Droste-Hülshoff
25. August 1844

Werden Sie meiner auch immer gedenken, Philippa? Auch wenn wir auf längere Zeit getrennt würden? Ich weiß, dass ich Sie nie vergessen, Ihnen immer schreiben und, wenn Sie nur nicht gar zu weit von meinem Wege verschlagen werden (etwa nach Wien, London et cet.), Sie auch immer aufsuchen und ein paar Tagereisen nicht achten werde. Ihre Liebe ist mir ein frischer, wohltätiger Strahl in meinem abnehmenden Leben; bewahren Sie mir dieselbe so getreulich, wie ich Ihnen die meinige bewahren werde, so kann es nicht fehlen, dass ein fester Wille von beiden Seiten uns auch wieder zusammenführt. …

Wie ist Ihnen alles so sehr gelungen, Handzeichnungen, Gedicht und Komposition! Ach, Sie wissen selbst noch nicht, welche Grundlage zukünftigen friedlichen Glückes Sie an Ihren Talenten besitzen, und wie sie Ihnen Ihre späteren Jahre erheitern werden! Ich bin in dem Alter, wo man schon seine Lebenserfahrungen gemacht hat, habe wenig ganz gesunde Stunden und dabei, wie alle, die nicht jung sterben, schon manchen Verlust tragen müssen; so weiß ich, was es wert ist, eine Beschäftigung zu lieben, die den Geist ausfüllt und uns weder die Freuden der Jugend noch das Konversationsgeschwätz entbehren läßt. Und Sie sind so reichlich versehen! Musik, Malerei, Poesie, zu allen dreien haben Sie entschiedenes und fast gleich großes Talent. Vernachlässigen Sie, ich bitte, keines derselben über das andere; sie sind alle nicht zu jeder Zeit anwendbar, und wer nur ein Talent besitzt, oder nur eins ausbildet, wird immer Zeiten erleben, wo ihm dasselbe seine Tröstung versagt. Z.B. Musik ist nur für ein fröhliches oder mindestens nicht angegriffenes Gemüt und macht Traurige nur noch trauriger, dann tritt die Poesie an ihre Stelle und weiß zu erheben und zu trösten. Malerei ist wohl zu allen Zeiten und in jeder Stimmung erheiternd, wenigstens zerstreuend, aber den meisten Menschen sind fast bei jedem Übelbefinden die Augen mehr oder minder angegriffen, und derartiges allgemeines Unwohlsein, ohne eigentliche Krankheit, stellt sich nur gar zu leicht ein, sooft uns etwas Unangenehmes betroffen hat, wo wir dann doch der Zerstreuung und Ablenkung unserer Gedanken grade am bedürftigsten wären.

Zürnen Sie nicht, liebe Philippa, dass ich in den dogmatischen Ton verfalle, ich habe Sie so sehr lieb, da möchte ich an Ihrem Glücke nachschieben, so gut ich es vermöchte. …

Liebe Philippa, Sie hängen in mancher Hinsicht doch an Wartensee, und es ist recht schlecht von mir, dass es mir jetzt gar nicht leid mehr wäre, wenn Sie es verlassen müßten. Aber ich kann mir nicht helfen, Sie als nahe Nachbarn oder gar im neuen Schlosse zu Meersburg ist mir ein gar zu lieber Gedanke! Wenn’s dazu käme, wie wollten wir zusammen arbeiten! Dichten, zeichnen, musizieren! Da würde in meinen alten Tagen noch etwas Ordentliches aus mir, aus bloßem Ehrgeiz, um nicht ganz dahinten zu bleiben. Es geht mir wie Ihnen, Philippa, ich habe niemanden, der mich zum Wetteifer anregt … der sich so recht für meine Arbeiten interessiert, wenigstens keinen, der sie mit mir treibt, denn Laßberg arbeitet in einer ganz andern Richtung, und meine Schwester, seit ihr Haus und Kinder zu schaffen machen, gar nicht mehr.

Hintergrund: Die Pearsalls - Vater Robert und Tochter Philippa - hat Annette von Droste im Februar 1844 kennengelernt. Sie leben auf Schloss Wartensee, auf der Schweizer Seite des Bodensees, nachdem sich der ursprünglich geplante Kauf des Neuen Schlosses in Meersburg zerschlagen hat. Die Pearsalls und das Ehepaar Laßberg haben sich angefreundet und besuchen sich gegenseitig mehrfach. Zwischen Annette und der 27 Jahre jüngeren Philippa entwickelt sich eine enge Beziehung, die auch auf dem gemeinsamen Interesse für Literatur gründet. So liest die Droste ihrer Freundin aus ihren Werken vor und gibt ihr einen Teil des Manuskripts von Bei uns zulande zum Lesen mit nach Wartensee.