1844 8.Januar

Ernstlich, Levin, ich erkenne Ihre Güte herzlich an, und sie ist mir gottlob nichts Neues, bin auch jetzt selbst der Ansicht, dass es für alle Parteien am Besten sein möchte, wenn meine Unterhandlungen mit Cotta durch Sie gehen. Laßberg ist hierin mit mir einverstanden; er hat sich anfangs sehr freudig angeboten, und nun kömmt’s ihm wie ein Riesenwerk vor – Sie kennen seine Umständlichkeit, er liest schon seit acht Tagen an dem Manuskripte, und mir kömmt’s vor, als blieb sein Zeichen, eine fladdrige „Karlsruher Zeitung“, die fast mit dem Hefte fortfliegt, immer auf derselben Stelle; und doch sagt er: „Ich beeile mich bestens, aber nachher wollen wir das Ganze etwas umständlicher durchgehn.“ Sie sehn, es wird mir gehn wie den Heiligen, die erst nach dem Tode zu Ansehn kommen; zudem wird ihm der Gedanke, Cotta’n Geldforderungen zu machen, jede Stunde beklemmender – kurz, er paßt miserabel zu seinem Amte und wirds so gern niederlegen wie Sancho Pansa seine Statthalterschaft.

Daß mir dann auch besser geholfen ist, versteht sich von selbst, und Ihnen, mein guter Levin, wollen wir suchen, die Sache möglichst vorteilhaft zu stellen, und ich möchte um Ihretwillen herzlich wünschen, dass Cotta recht große Lust zu dem Handel hätte, d. h. nicht nur zu diesem, sondern auch zu den westfälischen Gemälden, woran ich nun gleich fortarbeiten werde, und was mir sonst noch prädestiniert ist. Sie könnten dann immer für denjenigen gelten, durch den ich allein mobil zu machen wäre, und ich würde jederzeit – und will auch jetzt – auf Bedingungen eingehn, wie ich sie mir von keinem andern würde gefallen lassen; d. h. solange Ihr Schicksal von Cotta abhängt, sonst, gestehe ich Ihnen, bin ich um einen Verleger gar nicht verlegen, und war mir unter gegenwärtigen tristen Umständen der Meistbietende der liebste.

Machen Sie ihm, Cotta, also gemäßigte Forderungen, und geht er nicht darauf ein, so sagen Sie ihm, aber erst hintennach, dass ich nicht der Art wäre, dergleichen unvernünftiger Weise übel zu nehmen – einen plausiblen Vorwand wird er ja schon stellen – und deshalb seinem „Morgenblatt“ nach wie vor Beiträge schicken würde; kurz, erhalten Sie ihn möglichst bei guter Laune und sich in dem Ansehn einer höchst einflußreichen Person. Laßberg will jetzt, dass ich seinen „Liedersaal“ – heißt’s nicht so? – verhochdeutschen soll, und zwar unter seinen Augen, wo er dann für die Richtigkeit und ich für die Harmonie zu stehen hätte; dies könnte dann Cotta auch bekommen, d. h. wenn ihn darnach gelüstet, sonst nimmt’s ein anderer, oder ich lasse die ganze Arbeit, die mir doch nicht sonderlich ansteht, auf der langen Bank liegen.

Sie sehn, Levin, ich möchte gern alles für Sie tun, was ich kann; nun geben Sie mir dagegen aber auch ein Versprechen, und zwar ein ernstes, unverbrüchliches, Ihr Ehrenwort, wie Sie es einem Manne geben und halten würden, dass Sie an meinen Gedichten auch nicht eine Silbe willkürlich ändern wollen. Ich bin in diesem Punkte unendlich empfindlicher, als Sie es noch wissen, und würde grade jetzt, nachdem ich Sie so dringend gewarnt, höchstens mich äußerlich zu fassen suchen, aber es Ihnen nie vergeben und einer innern Erkältung nicht vorbeugen können.

Habe ich bei Ihrem „romantischen und malerischen Westfalen“ über manches weggesehn, so traten dort Umstände ein, die besondere Berücksichtigung verlangten: wir waren uns noch um vieles fremder; Sie, ein angehender Schriftsteller in unbequemen Verhältnissen, der seine ganze Hoffnung auf diese Arbeit setzte, hatten mich um die Balladen gebeten – von den prosaischen Notizen spreche ich nicht, das waren eben nur Notizen, zu beliebigem Gebrauch – und waren nun, sobald sie Ihnen mißfielen, in der verzweifelten Lage, aus Höflichkeit mit blutendem Herzen Ihr eignes Werk, nach Ihrer Ansicht, verderben zu müssen. Fühlen Sie nicht, dass, sobald ich dies einsah, meine Lage noch viel epinöser war als die Ihrige und ich meinen Schultern um keinen Preis eine solche Verantwortung aufladen durfte?

Sie können also keine Parallele von damals zu jetzt ziehn, und wenn Sie es dennoch tun, so täuschen Sie sich auf eine für unser so liebes und fruchtbringendes Verhältnis höchst traurige Art. Haben Sie mir aber Ihr Ehrenwort gegeben, so stelle ich Ihnen alles mit dem vollsten Vertrauen zu und will Ihnen dann die Sache möglichst erleichtern. Sie mögen mir nämlich, da ich sämtliche korrigierte Brouillons bewahrt habe, nur Gedicht, Strophe und Zeile bezeichnen, wo Sie Veränderungen durchaus nötig finden – eine Arbeit, die sich beim Durchlesen auf einem zur Seite liegenden Blatte schnell und leicht macht – und ich schicke Ihnen dann mit der nächsten Post wo möglich mehrere Lesarten zur Auswahl.

Diese Korrekturen dürfen aber nicht von Ihrer Hand gemacht werden, d. h. im Manuskript, was Cotta geschickt wird, sondern eine fremde muss es tun. Den Grund begreifen Sie: hat Hauff seinen Glauben an meine Scharlatanerie so weit getrieben, Ihnen meine „Judenbuche“ zuzuschreiben, so würde er hiernach keinen Augenblick zweifeln, dass Sie meine Gedichte erst durcharbeiten, eh sie sich dürfen sehn lassen, und einen so kränkenden und, wie Sie am besten wissen, so durchaus ungerechten Argwohn werden Sie doch nicht auf Ihr Mütterchen bringen wollen.

Es mag mir mitunter schaden, dass ich so starr meinen Weg gehe und nicht die kleinste Pfauenfeder in meinem Krähenpelz leide; aber dennoch wünschte ich, dies würde anerkannt. Es wäre mir deshalb lieb, Sie könnten Kolb, der ja doch so oft zu Ihnen kömmt, auf eine ungezwungene Weise meine eingeschickten Varianten zeigen; sonst bleibt es doch immer verdächtig, dass eine fremde Hand drüber her gewesen ist.

Nun sagen Sie mir noch, wie ich bei Cottas schönem Geschenke zu benehmen habe! Die Herren Verleger sind zwar keine Freunde von überflüssigen Zuschriften, aber hierauf gehört doch wohl eine Antwort? Und schreibe ich in diesem Falle an den Herrn v. Cotta selbst oder an seine Buchhandlung? Wird der Brief den Gedichten fürs „Morgenblatt“ – die ich Ihrer Auswahl überlasse – beigelegt oder, da die Redaktion des „Morgenblatt“ etwas Getrenntes ist, einzeln abgeschickt? Hierin, wie in allem, was zum literarischen Verkehr gehört, überlasse ich mich gänzlich Ihrer Leitung und mache durchaus keinen Anspruch auf Gedankenoriginalität.

Meersburg, 8. Januar 1844

Mehr zum Adressaten: Levin Schücking
Hintergrund: Die Befürchtungen der Droste, Schücking könne in ihre Texte eingreifen, kommt nicht von ungefähr. Aus ihrer Ballade "Der Graue" hatte er eigenmächtig sieben Strophen gestrichen.

1 Anmerkung

  • # Levin Schücking:
    Levin Schücking

    Mein liebes und teures Mütterchen, soeben erhalte ich Ihren prächtigen Brief, und eile nun auf der Stelle zu antworten, obwohl mir von der Kälte die Hände klamm sind. Also das Manuskript ist fertig? Viktoria und nochmals Viktoria! Ich habe solche Freude drüber, dass ich’s gar nicht sagen kann! Ich muss jetzt nur rasch Ihre Befürchtungen stillen, also: Wenn Sie mir das Manuskript schicken, lese ich’s durch und notiere mir, was ich vielleicht fürzutragen hätte als untertänigstes Bedenken. Dann geht auf der Stelle das Manuskript, wie es aus Ihren Händen kommt, nach einem Tage an Cotta ab; er lässt es drucken, vielleicht hier, jedenfalls besorge ich die Korrektur, und wenn Sie dann unterdes über Korrekturen mit mir einverstanden geworden sind, so mache ich diese in die Korrekturbögen. Da letztere nun in niemands Hände, als meine kommen, so wird auch niemand sagen, ich hätte irgend an Ihren Gedichten etwas getan, überhaupt eine ganz kuriose Befürchtung bei Ihrer die meinige so anerkannt, zweifellos und entschieden überragenden poetischen Begabung. Ich werde auch Kolb Ihre Varianten zeigen. Nur die Kommas und Punkte et cet. müsste ich wohl auf eigne Gefahr in die Korrekturbögen machen?

    Dass die Sache durch mich an Cotta geht, möchte wohl schon deshalb besser sein, weil er mein, als seines Kritikers an der Allgemeinen Zeitung Urteil, dann als das Urteil eines Dritten (nicht Verwandten) gewiss anzuerkennen und darauf zu bauen geneigt ist. Die Honorarforderung will ich höher stellen; jedenfalls so, daß Sie erfreut die Früchte Ihrer Mühen besser in Ähren stehen sehen, als Sie gedacht. Mich freut das alles so, was ich hierin für Sie tun kann!

    Mit Schreibereien belästigen Sie sich nicht. Wollen Sie auf das Geschenk antworten – erwartet wird es nicht –, so schreiben Sie ein paar Zeilen an „Hrn. Baron Georg von Cotta zu Stuttgart“ selbst, kurz und wie an den Mann von Stande, nicht wie an den Buchhändler, was Ihre Gedichtsammlung angeht, nur andeutend, dass ich ihm das dahin Gehörende vortragen würde. Sie müssten dann nur gleich direkt schreiben, aber wie gesagt, erwartet wird es nicht! Was wollen Sie sich mithin plagen? Seine Briefe an mich über den Antrag Ihrer Gedichte will ich Ihnen später gleich zukommen lassen. Mit dem Namen „Freiin v. Droste“ ist bei ihm schon von vornherein viel gewonnen. …

    Nun zum Schlusse also noch das geforderte Ehrenwort, daß ich nichts korrigiere, ändere, flicke, und ich bin, wenn ich einmal mein Wort gegeben, so gewissenhaft, dass Sie mir dagegen versprechen müssen, sobald Ihnen doch im Abdruck Ihrer Gedichte etwas geändert vorkommt, mir es grade heraus gleich zu erklären, damit ich durch Ihr eigenes Manuskript, das ich dann einfordere, mich rechtfertigen kann. Es könnte das leicht geschehen. … Ich bin, was immer, das treueste Pferd, so je gewesen.

    Wir müssen eilen mit Ihren Gedichten, da Cotta daran gelegen sein wird, sie noch zur Ostermesse bringen zu können.

    Den Liedersaal übersetzen? Das kann nicht Ihr Ernst sein! Ich bitte Sie!!!
    Augsburg, Januar 1844