1844 4.Januar

Was kommen Sie mir denn mit meiner steinalten, seit 25 Jahren begrabenen Koketterie? Ich habe Ihnen ja schon früher erzählt, wie wir sämtlichen Cousinen haxthausischer Branche durch die bittere Not gezwungen wurden, uns um den Beifall der Löwen zu bemühn, die die Onkels von Zeit zu Zeit mitbrachten, um ihr Urteil danach zu regulieren, wo wir dann nachher einen Himmel oder eine Hölle im Hause hatten, nachdem diese uns hoch oder niedrig gestellt.

Glauben Sie mir, wir waren arme Tiere, die ums liebe Leben kämpften, und namentlich Wilhelm Grimm hat mir durch sein Mißfallen jahrelang den bittersten Hohn und jede Art von Zurücksetzung bereitet, so dass ich mir tausendmal den Tod gewünscht habe. Ich war damals sehr jung, sehr trotzig und sehr unglücklich, und tat, was ich konnte, um mich durchzuschlagen.

Das sind (den nächsten Zeitpunkt angenommen) 25 Jahre hin, und Sie, mein Liebchen, sollten diejenige nicht sein, die dem Paulus den Saulus vorwirft! Sie sind ja mit uns gereist und haben leider selbst gesehn, welchen Einfluß noch jetzt dergleichen Äußerlichkeiten auf eine sonst so vortreffliche und verehrte Person haben, und wie ich in nichts zusammengeschrumpft bin, als wir uns Meersburg näherten. Leider gelten ihr literarische Erfolge gar nichts, aber das Urteil und die Ehrenbezeugungen der nächsten Umgebung haben sie ganz in ihrer Gewalt. Bitte, verbrennen Sie diesen Brief! Ich möchte um alles nicht, dass diese letzten Worte in der Welt blieben.

Daß ich jetzt noch kokett sein sollte, ist einer von den Gedanken, wo nicht weiß, ob man darüber lachen oder weinen soll. Aber ich mein Äußeres so gänzlich verkommen lassen, dass ich mich, so wie ich gewöhnlich bin, gar nicht kann sehn lassen, und mit der ungewohnten Kleidung ziehn bei mir gleich einige Reminiszenzen von feinerem Benehmen und Gesellschaftston ein, so dass ich selbst merke, wie ich im blauen Kleide gleich eine ganz andre Person bin wie im dicken schwarzen Rocke.

Nette (liegt auf einem charmanten Zimmer in einem wohlkonditionierten Bett; auf dem Tisch zeigt sich die Figur eines Hasen, der sich im Spiegel betrachtet. Sie schlägt ein Paar große matte unbedeutende Augen auf, wozu sie sich in Ermangelung anderer ihrer eigenen bedient)

Nette (reckt sich graziös) Ach wie ist die Nacht verschwunden.
Doch für mich ist sie noch da,
Denn vor zwei geschlagnen Stunden
Stand erst auf die Frau Mama
(sie legt sich wieder)
Will mich noch ein wenig hegen
Und mein jammerndes Gebein
Noch in Ruh ein wenig pflegen
Denn die Glocke schlug erst neun
Ist doch heute nichts zu machen.
Ich bin reine ausgespannt
Ganz konträr stehn meine Sachen
Und ich sitz‘ auf drügem Sand.

Amelunxen (zärtlich): Kleine Nette!
Nette: Dummer Junge!
Werner (zu Amelunxen): Mäßige doch deine Zunge –
Zwar sie läßt sich vieles sagen,
Aber dies darfst du nicht wagen,
Nenn‘ sie Hexe und Kokette,
Aber nur nicht kleine Nette.

Aus: Szenen aus Hülshoff

Der „Hexe und Kokette“ wegen, bin ich mir doch selbst schuldig, Ihnen einige Erläuterung zu geben. Ich habe dergleichen nie gesagt, aber einmal des Reims wegen bei einem Spaße meinem Bruder in den Mund gelegt. Ich war damals etwa 17 Jahr und passioniert darauf, in Knittelversen zu improvisieren, je dummer je besser. So forderte einmal, als ich mit meinen Eltern und Geschwistern ganz allein war und einige am vorigen Tage in unsrer gewöhnlichen Gesellschaft vorgekommenen komischen Vorfälle besprochen wurden, meine Mutter mich auf, dies in Reime zu bringen, ich stellte mich gleich vor sie hin und erregte durch meinen geglückten Vortrag eine solche Lustigkeit, dass ich innehalten, Jenny Schreibzeug holen und ich ihr in die Feder diktieren musste. Es wurde, wie Sie denken können, miserabel, amüsierte aber, da es lauter bekannte Gegenstände betraf, doch alle sehr.

Ein gewisser langer Amelunxen (Klementinens Bruder und Jennys seufzender Courmacher) glaubte mir sehr zu schmeicheln, wenn er mich „kleine Nette“ nannte, was mich immer spinnengiftig machte, weshalb die andern ihn immer dazu reizten. Dies brachte ich auch an. Die Stelle heißt: Amelunxen (süßlich): „Kleine Nette!“ Nette: „Dummer Junge!“ Werner (lachend): „Schweig und mäß’ge deine Zunge, Zwar du kannst ihr manches sagen, Aber dies darfst du nicht wagen, Nenn sie Hexe und Kokette, Aber nur nicht kleine Nette!“ – (Zweifeln Sie daran, dass unter diesen Umständen mich etwas anderes wie der Reim verleitet hat?)

Des Lachens war kein Ende, Jenny musste den Wisch „Szenen aus Hülshoff“ überschreiben, und er sollte, der vielen Angegriffenen wegen, sehr geheim gehalten werden. Mama hatte aber so große Freude daran, dass sie ihn einer ihrer Schwestern lieh, aus deren Händen wir ihn nie zurückbekommen und bald ganz vergessen haben. So muss auch Hanne Hassenpflug mal ihre Nase hinein gesteckt haben´. Das ist das Kurze und Lange von der Sache …

Meersburg, 4. Januar 1844

Mehr zum Adressaten: Elise Rüdiger
Hintergrund: Mit den Löwen sind die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm sowie die Studenten Heinrich Straube und August von Arnswaldt gemeint – sie gehörten zu den Sommergästen, die von den Onkeln ins großelterliche Gut Bökendorf eingeladen wurden. Das getrübte Verhältnis zu Wilhelm Grimm hat seine Ursache wohl in einem Vorfall im Jahr 1813 in Bökendorf, als die Droste dessen Namen verballhornt hatte.

3 Anmerkungen

  • # Jenny von Laßberg:
    Jenny von Laßberg

    Wilhelm küsste Nette die Hand, sie machte einen langen Schmier, und ich war ihr recht böse, dass sie ihm so viel Worte abzwang, da er wohl wusste, dass ihr diese Herzlichkeit nicht natürlich war und sie ihn nicht leiden konnte.
    Tagebuch vom 20. August 1818


  • # Amalie Hassenpflug:
    Amalie Hassenpflug

    Dass ich ihr (der Droste) sehr gut bin, trotz allem Schmutz und widrigem, das ihr anhängt, hab ich nie geleugnet, wenn es dir auch nie hat gefallen wollen, aber dass sie mir den Kopf verdreht und so einen zauberischen Vergessenheitstrank eintrichtern sollte, das wüsst ich nicht, wie es zugehn sollte.
    Brief an Anna von Arnswaldt, 8. November 1838


  • # Wilhelm Grimm:
    Wilhelm Grimm

    Von Fräulein Nette hat’s mir neulich recht wunderbar und ängstlich geträumt: Sie war ganz in dunkle Purpurflamme gekleidet und zog sich einzelne Haare aus und warf sie in die Luft nach mir; sie verwandelten sich in Pfeile und hätten mich leicht blind machen können.
    An Ludowine von Haxthausen, 12. Januar 1814