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Meine Freundschaft ist drückend

(…) meine gute Schwester schreibt oft und sehr zufrieden. Ihr Mann trägt sie auf den Händen und überhäuft sie mit solchen Geschenken, die ihr Freude machen, z. B. mittelalterlichen Seltenheiten und Treibhauspflanzen. Die Gegend ist unvergleichlich, die Nachbarn zuvorkommend. Dabey hat sie Schwäne, die aus der Hand fressen, Pfauen, die weiß, und Vögel, die gar zu zahm und lieb sind; und dennoch, o Himmel! wie jammert sie nach uns!

Ich habe wohl gedacht, daß es nachkommen würde; warum ist sie mit dem fremden Patron fortgegangen? Nun müssen wir aufpacken und durch gute und böse Wege hinrumpeln, damit die armen Seelen Ruh bekommen, d. h. die ihrige und die unsrige dazu.

Doch seit einigen Wochen sind Umstände eingetreten, die unsrem ganzen Reiseplan den Hals brechen können. Mama will nämlich durchaus nicht ohne männliche Begleitung reisen und dann müßt’s ihr Sohn oder ein Bruder sein. Da nun ersterer ihren Wünschen immer gern zuvorkömmt und sie mit letzteren gut versehn ist, so wurde ihr die Wahl schwer, wem sie ihren Wunsch mitteilen sollte, und nun findet sich’s, daß auch nicht einer von diesen kann, mit dem besten Willen nicht. Mama ist wie aus den Wolken gefallen und ich – gebe mich in Gottes Willen, es mag kommen, wie es will. Meine Schwester säh‘ ich gewiß gern, aber jedenfalls reisen wir jetzt nicht vor dem Ende Juli, bleiben dann den Winter über aus; im Frühlinge, wo die Schweiz am schönsten ist, wird man uns auch nicht ziehn lassen.

Kurz, ein Jahr wird hingehn, eh wir wieder münsterischen Boden fühlen. Ach! Ein Jahr ist eine lange Zeit! Ich bin nie ein Jahr abwesend gewesen, ohne merkliche Lücken zu finden, wenn ich wiederkam! Und habe ich nicht selbst, zweymahl in jedem Jahr, in den Frühlings- und Herbstäquinoktien einen ganz fatalen Zeitraum, voll Schmerzen und Hinfälligkeit?

Ich weiß, daß ich in Gottes Hand stehe, und bin nicht töricht verliebt ins Leben, aber die Überzeugung, die ich seit sechs Jahren hege, daß ein Äquinoktium[1]Äquinoktium: Tag- und Nachtgleiche mich einmahl, eh man’s denkt, fortnehmen wird, mag doch viel zu meiner ersten Stimmung beytragen. Glauben Sie mir, lieber Schlüter, ob ich gleich leicht aufzuregen bin, so sind doch meine einsamen Stunden ernst, oft schwer, und sie nehmen den größten Teil meiner Zeit hin (…) Stören Sie sich nicht an meine lamentablen Reden, es geht vorüber und ich verdiene, daß Sie Geduld mit mir haben, da ich sie in gleichem Falle ganz gewiß mit Ihnen haben würde. … Ich habe es Ihnen ja vorausgesagt, meine Bekanntschaft sei angenehm, meine Freundschaft aber drückend; bald wird’s besser, in 14 Tagen etwa, dann kömmt die Erde wieder gehörig schief zu stehn. (…)

References
1 Äquinoktium: Tag- und Nachtgleiche