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Es geht hier wie in Münster, alle Leute schenken mir etwas

Ich habe an Mama und Werner geschrieben, und so sollst Du, alter lieber Hans, auch nicht so ganz leer ausgehn. Wenn mir auch nur noch Zeit für ein paar Zeilen bleibt; manches, was eigentlich für Dich gehört, z. B. über Blumen, die ich gern für die Mertens hätte, steht schon in dem langen Briefe an Mama, den, leider, der Professor Vogelsang mitnimmt — ich wollte ich hätte ihn noch, so gäbe ich ihn jetzt an Johannes — aber Vogelsang that, als ob er zwei Tage früher als Johannes abreiste, und da Mama eilig auf meine Antwort war, so gab ich sie ihm mit, — nun erfahre ich, daß er noch hier ist — erst heute mit Johannes abreist, und nicht mal weiß, ob er sich nicht einen Tag in Cöln aufhalten wird — also kommt Mama’s Brief vielleicht später an wie dieser — das ist ärgerlich (…)

Von den Winterplaisirs hier in Bonn habe ich Nichts mitgekriegt – in Gesellschaften und auf Bälle wollte ich nicht gehn – aber ich hatte mich im Theater abonniert, und in einem allerliebsten Studentenkonzert, wo, so wie in der Liedertafel, Stücke bloß von Männerstimmen aufgeführt wurden, und war Ehrenmitglied eines sehr niedlichen musikalischen Kränzchens – da bin ich um das Meiste schändlich drum gekommen, — es kam aber daher, weil ich über sechs Wochen lang, bey der armen Mertens war – darum thut es mir auch gar nicht leid — aber ich will es Dir nur erzählen, was ich alles versäumt habe — im Theater, — die Stumme von Portici – Cortez – Fra diavolo —die Räuberbraut – Faust – Jean de Paris, – und mehreres andre, wo ich mir weniger daraus mache – und denke, alles Umsonst zu hören! weil ich abonniert hatte – von 6 Studentenkomzerten habe ich nur 3 gehabt, und von 12 Kränzchen auch nur 3 — aber ich mache mir nichts daraus! so schlecht bin ich nicht — ich wollte nur du hättest sie indessen, statt meiner, nehmen können – auch ein sehr berühmter Flötenspieler war derweil da, Drouet, und ein sehr berühmter Sänger, Vrugt, und eine dito Klavierspielerin Blaheatka — von allen diesen hätte ich aber doch wohl nichts mitbekommen, — ich wäre nicht hingegangen, weil ich an dem Andern schon genug gehabt hätte, und hierfür hätte bezahlen müssen.

Uebrigens habe ich hier schöne Sachen geschenkt bekommen; habe deshalb auch manches zurückschenken müssen, was meinem Geldbeutel nicht besonders gut bekommen ist. Es geht hier wie in Münster, alle Leute schenken mir etwas. Vorgestern hat mir ein geistlicher Herr eine Vase von Amethyst geschenkt – ist das nicht schön? Aber es ist kein klarer Amethyst, und die Vase ist überhaubt nicht schön von Form, es ist aber doch immer was Merkwürdiges. Auch Muscheln habe ich, aber keine ganz besonderen, und manche hübschen Mineralien und viel schöne Münzen; und die Mertens hat mir zu Weihnachten einen schönen Kasten mit Einsätzen geschenkt, voll geschliffner Steine!

Du kriegst auch was von mir! Ich habe in eine Gemäldelotterie gesetzt – entweder gewinne ich ein Gemälde oder, wenn ich eine Niete ziehe, so bekomme ich, in Steindruck, die Umrisse von allen den Gemälden, die verlost sind – also auf jeden Fall etwas, und das ist vor Dir. Ich hoffe, auch noch irgendwas für Mama zu erwischen, und für Werner und Line.

Du kannst nicht denken, wie mich oft nach Euch verlangt, und doch kann ich jetzt nicht fort, bis die Mertens einigermaßen hergestellt ist. Du kannst nicht denken, wie verlassen die arme Frau in ihrer Krankheit ist. Ich will nichts Uebles von Herrn Mertens sagen – “ich sage man nix, als en Ochs und en Esel in eine Person, und en Elefant dazu”.

Die Mertens schickt Dir auch Sämereien, es sind meistens lauter verschiedene Arten von Canna — kannst Du sie jetzt nicht brauchen, so kann es doch der Domprobst — Johannes nimmt die Sämereien mit, Du wirst sie also mit diesem Briefe erhalten, oder sonst hat er sie an Werner gegeben für Dich.

Sonderlichen Putz habe ich mir hier nicht angelegt, aber einen neuen Mantel habe ich, mit Pelzfutter, das hat mir, diesen Winter gut getan — meinen schwarzen Überrock hatte ich anfangs auch noch gut geschont, aber während den 6 Wochen, das ich bey der Mertens war, hat er, Tag und Nacht, herhalten müssen, nun ist der beste Trost darab —

Adieu, liebstes Herz, Johannes wird, so den Augenblick kommen, die Briefe abzuholen, ich muß also schließen, um so mehr, da heute Sonntag ist, und ich gleich in die Messe muß — Schreib mir doch bald, wie es Euch allen geht — ganz genau, und wenn Vogelsang seinen Brief vertrödeln sollte, was ich jedoch nicht hoffen will, so benachrichtige mich doch gleich davon, denn in diesem Briefe stand allerlei, was ich Euch dann gleich wieder schreiben muß, namentlich wegen Blumen und Sträuchern, die ich gern, wenns möglich wär, für die Mertens und die alte Schopenhauer hätte, adieu, mein alter Hans, 1000 Grüße an Alle, Onkel Fritz, Engel, Felitz, Büninghausens, Onkel Max, Johannes, Rosine, die Landsberg, die Nienberger, Trutchen, Wilmsen, Wenzelo, und wer dir sonst einfällt, — Asseburg reisen heute auch ab, adieu

deine Nette