Kategorie: Briefe an Levin Schücking
Ich habe soeben einen Brief zerrissen, weil er sich gar zu kläglich ausnahm, einen bereits fertigen Brief an Sie, mein gutes Kind, worin ich zur Entschuldigung meines Stillschweigens das ganze Heer von Trubeln und wirklichen Unfällen, das uns seit vier Monaten verstört hat, aufmarschieren ließ. Wozu das? Es ist ja jetzt vorüber, manches am Ende nur leere Angst gewesen, und anderes bereits halb verschmerzt. Lassen Sie mich lieber Ihnen danken für Ihr liebes Geschenk. Wie es mich gefreut hat, mögen Sie daraus abnehmen, dass ich es unter Umständen, die wohl geeignet waren, mich allen Interessen, außer den allernächsten, zu entrücken, bereits dreimal durchgelesen habe. Es ist ein schönes Buch, kein einziges schlechtes oder auch nur mittelmäßiges Gedicht darin, und dagegen vieles von überraschender Schönheit …
Warum haben Sie denn über Ihrem Gedichte an Junkmann ihn nicht mit vollem Namen genannt wie ich? Junkmann hat ein zwar abnormes und deshalb nur von wenigen goutiertes, aber sonst doch unbestreitbares Talent. Vielleicht geht er im Strom der Zeiten völlig unter, d. h. wird völlig unsichtbar durch Verlorengehn der sehr geringen Anzahl kursierender Exemplare seiner Gedichte; vielleicht dagegen gräbt man ihn nach einem paar hundert Jahren wieder auf, und er wird dann als höchst merkwürdige Reliquie hoch geehrt. Jedenfalls ist seine völlige Anerkennung erst von der Zukunft zu erwarten; er wird sie nicht mehr erleben, und doch ist grade ihm Anerkennung ein so großes Bedürfnis. Warum haben Sie ihm die kleine Freude nicht gemacht, die wahrscheinlich für ihn eine sehr große gewesen wäre? … Hüten Sie sich aber, diesen Brief nicht etwa aus Vergessenheit des Inhalts Junkmann in die Hände zu geben; diese absichtliche Nachhilfe seines Ruhms würde ihn höchlich empören, und wir wissen ja auch beide, dass er unendlich Besseres wert ist, aber – il faut faire son mieux! Oder ist er am Rhein jetzt bekannter? Hier, in seinem Vaterlande, noch immer kein Prophet.
Rüschhaus, 11. Februar 1846
Wir haben binnen wenigen Monaten viel Angst ausgestanden, doch ist gottlob nur ein Schlag niedergefallen: wir haben den guten Onkel Fritz Haxthausen verloren, ein recht betrübender Verlust, jedoch einer, wie viele im Leben vorkommen und womit man sich abfinden muss. Aber dass Mama und ich, seine einzigen Pfleger – denn er war zuletzt hier in Münster – zwei Monate voraus wussten, er sterbe an Magenkrebs und werde wahrscheinlich zuletzt verhungern, das war sehr hart und überstieg zuweilen, wenn er so geduldig und voll Hoffnung war, wirklich unsre Kräfte. Der Himmel ließ es nicht zum Äußersten kommen, ein Schlagfluss trat früher hinzu. Wohl ein Glück, aber doch ein mit vielem Schrecken verbundenes.
Seitdem – auch schon früher – waren Mama und ich beide sehr unwohl und konnten uns auch nicht erholen, da das Unglück es förmlich auf uns gemünzt zu haben schien und ein Schlag nach dem andern drohte, jedoch, wie gesagt, gottlob keiner mehr niederfiel. Manches nimmt sich hintennach fast lächerlich aus, z. B. dass Werner glaubte, von einem tollen Hunde gebissen zu sein. Das Biest hatte ihn ohne zu bellen und mit hängendem Schwanze angefallen, ihm förmlich ein Stück aus der Wade gerissen, war dann, den Schwanz zwischen den Beinen, von seinem Bauernhofe heruntergetrottet und seitdem verschollen. Das sah doch verdächtig aus! Werner ließ sich die Wunde ausbrennen, die natürlich dadurch sehr schlimm und schwärend wurde. Das halbe Dienstpersonale war immer auf der Jagd nach dem verschollenen Hunde; Wunde und Angst brachten Fieber mit ungeheuren Wallungen, der Arzt war selbst nicht wenig beängstet und unsicher.
Mit einem Male stellt sich der Bauer ein, seinen ganz gesunden Hund am Stricke – der am vorigen Abende wieder gekommen war – und stammelt ganz verlegen von des gnädigen Herrn großem Barte und wunderlichem Hut und Rock (Tirolerhut und Paletot), und dass der Hund alle Bettler beiße. Werner machte ein Gesicht wie Bürgers Kaiser, als Hans Bendix ihn zu neunundzwanzig Silberlingen anschlug, und damit war die Sache zu Ende, wir aber drei Wochen lang mehr tot als lebendig gewesen. …
Und haben Sie in der “Allgemeinen” die verrückte Anzeige von meines armen Onkels Tode gelesen, wo Mama und ich und Laßberg bei den Haaren hineingezogen sind?
Rüschhaus, 7. Februar 1846
Wie gehts Luisen? Wann sieht sie denn ihren neuen Mutterfreuden entgegen? Ich denke sehr viel an Euch und habe immer zwischendurch an Euch gedacht, wenn mir auswärtiges Denken sonst wohl vergehen musste. …
Den 11ten. Soeben erhalte ich Ihren Brief. Also ein Mädchen! Nun, Gott segne Mutter und Kind. Ich bin herzlich froh, dass alles so weit ist. Aber mein Lotharchen kömmt nun ganz drunter, der ist nun fortan “der große Junge” und soll viel verständiger und artiger sein, als er kann. Das leide ich aber nicht. Sie erwähnen des armen Stümpchens gar nicht in Ihrem letzten Briefe; das geht nicht, ein Brief ohne meinen Patenjungen! Versucht er schon, sich auf seine Beinchen zu stellen? Wie geht’s mit dem Zahnen? Und wie mit dem Sprechen? Das nächste Mal muss ich einen ordentlichen Bericht haben, oder die Freundschaft hat ein Ende.
Wie gern wäre ich in Köln und sähe Ihr Lustspiel aufführen! Aber hierhin kömmt nichts; nach Münster schon wenig, und nach Rüschhaus – ich meine Bücher und Zeitungen – gar nichts, seit alle meine Eliasraben fortgeflogen sind. …
Dass Sie Ihre Gedichte nicht wohl nach Meersburg schicken können, sehe ich ein; doch wäre es sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie dem alten Laßberg mal schrieben und dies anführten. … Wir gehn diesen Sommer wieder hin. Diese öftere Wiederkehr ist doch merkwürdig! Bei meinem ersten Aufenthalt dort habe ich wahrlich auf keinen dritten zu rechnen gewagt. Sie werden sich erinnern, wie oft ich gesagt, man müsse die Gegend recht genießen, die Wahrscheinlichkeit des Wiedersehns verhalte sich wie eins zu hundert.
Das sind ein paar eiserne Naturen, mein Mamachen und der Laßberg! Die eine würde, mit ihren dreiundsiebzig Jahren, noch vor keiner Reise nach Amerika erschrecken, und der andre hustet sich zwar jeden Winter halbtot, aber es schadet ihm nichts. Gott erhalte beide noch lange so rüstig! Ich weiß nicht, wie Mama sich darin finden will, wenn endlich das gar zu hohe Alter sie weniger mobil macht.
Rüschhaus, 7. Februar 1846
Im Frühling gehn wir wieder nach Meersburg; ich freue mich recht darauf, dort bin ich immer viel gesünder und kann auch viel mehr und leichter arbeiten; Ruhe, poetische Umgebung und besseres Befinden wirken dann zusammen. Auch in Ihrer Nähe bin ich dann, höre oft von Ihnen und kann es vielleicht möglich machen, Sie zu besuchen und mein lieb Patenjüngelchen zu sehn – lauter Dinge, wonach ich mich herzlich sehne, aber in diesem Augenblicke lange nicht Kraft und Mut genug habe, es recht lebendig zu hoffen. Sie glauben nicht, wie konfus mich diese Lebensweise macht; ich bin so schwindlig wie eine Eule – nicht metaphorisch, sondern wirklich, körperlich; es klingelt mir seit lange fortwährend in den Ohren, und ich sehe alles doppelt. Wie würde es mich interessieren, die mir von Ihnen bezeichneten Aufsätze zu lesen; aber, lieb Kind, hierhin kommen keine Journale und auch keine Zeitungen außer der Kölner und dem Merkur; ich muss schon noch vier Wochen warten und dann in Münster jemanden aufzutreiben suchen, der mir ab und an etwas zukommen läßt.
Aber, lieber Levin, soll ich fortan alle Briefe an Sie nach Köln schicken? Sie schreiben mir: “Bis zum 20sten ist meine Adresse Ostende et cet, Ihre späteren Briefe bitte ich nach Köln, Adresse et cet zu schicken.” Dazu Ihre lange Abwesenheit von Augsburg – der Plan, den Winter in Paris zuzubringen: Sind Sie vielleicht aus der Verbindung mit Cotta getreten? Bitte, antworten Sie mir doch hierauf; Sie können denken, wie es mich interessiert.
Nun habe ich noch einen Auftrag von meinem Onkel August, d. h. einen Auftrag für mich, für Sie nur eine Anfrage. Er hat mir die Hauptpunkte notiert, und ich lege den Zeddel bei, da er mir hinlänglich ausführlich scheint, um Ihnen, mit einigen Erläuterungen von mir, klar zu machen, was er zu wissen wünscht. Er hat nämlich erstens ein bereits sehr vorgeschrittenes Werk über russische Zustände unter der Feder, das Ergebnis seiner auf Kosten der Regierung gemachten Reisen in Rußland; er will es auf eigene Kosten herausgeben, in deutscher und französischer Sprache, und wünscht nun den Betrag dieser Kosten und dann ferner zu wissen, ob vielleicht Cotta oder sonst eine Ihnen bekannte bedeutende Buchhandlung geneigt sein dürfte, beide Auflagen in Kommission zu nehmen, und wie die Verhältnisse des Herausgebers zu dem Kommissionär (Prozente und sonstige Verbindlichkeiten) zu sein pflegen, oder noch besser – wenn Sie sich entschließen könnten, direkt anzufragen – grade in diesem Falle sein würden. Das Buch beschäftigt sich mit den verschiedensten Interessen, bald politisch, bald wissenschaftlich, mitunter hochpoetisch, wenn es auf die Sitten, Gebräuche, Volksglauben, Volkspoesie kömmt. Ich habe hier und dort darin gelesen; es ist gut geschrieben, nicht sehr fließend, aber lebendig und mit vielem Geist. Die Illustrationen sind unbedeutend, meistens Häuser, Geräte et cet. der verschiedenen Stämme, vielleicht ein paar Trachten, alles in sehr kleinem Format, um so an der Seite oder zwischen den Zeilen angebracht zu werden.
Dann hat August zweitens einen einzelnen Aufsatz ähnlichen Inhalts: “Über die freien Kosaken-Gemeinden” – möglicherweise nur als Probe aus dem größeren Werke entlehnt, was ich nicht weiß und ihn jetzt nicht fragen kann –, den er irgendwo einzurücken und zu diesem Behufe die Honorare der verschiedenen bei Cotta erscheinenden Zeitschriften zu erfahren wünscht. Diesen Aufsatz habe ich ganz gelesen und daraus alles anwendbar gefunden, was ich über das größere Werk – so weit ich es kenne – gesagt.
Mit dem Beiblatt zur Allgemeinen ist’s nichts; der Aufsatz läßt sich nicht in kleine Absätze teilen, er muss in einem Stück durchgelesen werden. Desto passender scheint er mir aber für irgend eine politisch-wissenschaftlich-belletristische Vierteljahrsschrift oder Jahrbuch, nur nicht für das Rheinische, dessen Tendenz zu ausschließlich belletristisch ist. Bitte, helfen Sie ihm doch mit einiger Auskunft aus, damit er weiß, wo er sich am Passendsten hinwenden kann; Sie können mir die Antworten schreiben, oder wenn lieber ihm selbst, so ist seine Adresse in den nächsten Monaten “Bökendorf bei Brakel” (liegt sieben Stunden von Paderborn).
Nun Adieu, liebster Levin, ärgern Sie sich nicht über meinen Papiergeiz; ich habe so gar kleine Kuverts und kann selbst keine andern machen. Tausend Liebes an Luisen; zuerst von mir, und dann von Mama. Sie wollen mich rezensieren? Ach, Sie sind gar gut, aber ich bin auch
Ihr treues Mütterchen
Abbenburg, 25. August 1845
Machen Sie damit, was Sie wollen, d. h. drucken Sie es oder nicht; ich mache gar keine Prätensionen mit diesen Gedichten, die in einem Wirrwarr gemacht sind, wie ich desgleichen nie erlebt und nie wieder zu erleben hoffe. Seit zwei Monaten, wo der Onkel so weit hergestellt ist, dass er täglich einige Stunden Besuch ertragen kann, ist’s hier zum Schwindligwerden. Alle Tage 3–4 Besuche und jeder 3–4 Mann stark: neun verwandte Familien, vier benachbarte, nebst diversen Pastoren, die sich alle einbilden, jede Woche wenigstens einmal nachsehn zu müssen, wie die Besserung fortschreitet. Der Onkel hat’s bequem: sobald ihm der Lärm zu arg wird, zieht er sich als Rekonvaleszent in seine Privatzimmer zurück, wohin niemand folgen darf; aber Mama und ich führen ein wahres Schenkwirtsleben – wir liegen oft noch im Bette, wenn schon ein Wagen anrollen kömmt, und alle bleiben bis zum späten Abend. Denken Sie, Mama’n bekömmt dies Leben à merveille; sie ist so kregel wie ein Bienchen geworden, und wenn ich an Rüschhaus denke, wo ihr eigentlich jeder Besuch zu viel war, so steht mir der Verstand still.
Ich hingegen kann’s gar nicht aushalten; ich bin den ganzen Sommer leidend gewesen und muss mich täglich über Nacht aufrappeln. Wenn ich mich darin zugäbe, könnte ich jeden Abend bitterlich weinen. Gegen den 20sten nächsten Monats denkt Mama indessen abzureisen, NB. wenn sie es durchsetzt; der Onkel weiß noch nichts davon, und ich sehe bedeutenden Widerspruch voraus. Schreiben Sie mir also später nicht mehr hierhin, sondern wieder nach unserm guten Rüschhaus, was mir jetzt wie ein Paradies vorkömmt; ein Brief nach unserer Abreise ankommend wäre so gut wie sicher verloren, denn der Onkel ist über die Maßen vergeßlich, und es gibt Eckchen oben auf seinem Schreibtisch, wo er alles hinsteckt, und woraus keine Erlösung zu hoffen ist.
Ich habe die Gedichte abends im Bette machen müssen, wenn ich todmüde war; es ist deshalb auch nicht viel Warmes daran, und ich schicke sie eigentlich nur, um zu zeigen, dass ich für Sie, liebster Levin, gern tue, was ich irgend kann. Zum Durchfeilen ist mir nun vollends weder Zeit noch Geistesklarheit geblieben, doch sind mir, wie Sie sehen, unter dem Schreiben allerlei Varianten eingefallen, unter denen Sie – falls Sie die Gedichte aufnehmen, was ich aber, aufrichtig gesagt, nicht erwarte – wählen mögen.
Am liebsten wäre es mir, wenn in diesem Falle meine liebe Luise die Auswahl träfe. Sie, lieber Levin, sind gar zu sehr mit Arbeiten überhäuft, um lange kreuz und quer zu überlegen, wie sämtliche Abänderungen sich zu einander verhalten müssen, damit sich nicht dasselbe Bild wiederholt oder dasselbe Wort zu schnell wiederkehrt. Und meine Arbeit ist doch schwach genug auch ohne solche Verstöße.
In die späteren Jahrgänge will ich, wenn Sie es wünschen, größere Aufsätze liefern, prosaische, weil Ihnen das am liebsten ist – ich denke, westfälische Sittenschilderungen, entweder in Erzählungen oder Genrebildern. Wenn ich diesen Winter nicht zu krank werde, werde ich tüchtig in Rüschhaus arbeiten können; denn ich habe jetzt niemanden mehr, der mich besucht, da Rüdigers, die nach Minden versetzt sind, schon vor meiner Ankunft fort sein werden, und Schlüter gar nicht mehr über Land geht. Ich hoffe, letzterer hat Ihnen Beiträge geschickt; ich habe es ihm früh genug geschrieben und weiß auch schon, dass er sehr erfreut und bereitwillig gewesen ist.
Abbenburg, 25. August 1845





Gästebuch: