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Die Folgen einer Verwechslung

(…) Wir haben binnen wenigen Monaten viel Angst ausgestanden, doch ist gottlob nur ein Schlag niedergefallen: wir haben den guten Onkel Fritz Haxthausen verloren, ein recht betrübender Verlust, jedoch einer, wie viele im Leben vorkommen und womit man sich abfinden muß. Aber daß Mama und ich, seine einzigen Pfleger – denn er war zuletzt hier in Münster – zwey Monate voraus wußten, er sterbe an Magenkrebs und werde wahrscheinlich zuletzt verhungern, das war sehr hart und überstieg zuweilen, wenn er so geduldig und voll Hoffnung war, wirklich unsre Kräfte. Der Himmel ließ es nicht zum Aeußersten kommen, ein Schlagfluß[1]Schlagfluss: Schlaganfall trat früher hinzu. Wohl ein Glück, aber doch ein mit vielem Schrecken verbundenes.

Seitdem – auch schon früher – waren Mama und ich Beyde sehr unwohl und konnten uns auch nicht erholen, da das Unglück es förmlich auf uns gemünzt zu haben schien und ein Schlag nach dem andern drohte, jedoch, wie gesagt, gottlob keiner mehr niederfiel. Manches nimmt sich hintennach fast lächerlich aus, z. B. daß Werner glaubte, von einem tollen Hunde gebissen zu seyn. Das Biest hatte ihn ohne zu bellen und mit hängendem Schwanze angefallen, ihm förmlich ein Stück aus der Wade gerissen, war dann, den Schwanz zwischen den Beinen, von seinem Bauernhofe herunter getrottet und seitdem verschollen. Das sah doch verdächtig aus! Werner ließ sich die Wunde ausbrennen, die natürlich dadurch sehr schlimm und schwärend wurde. Das halbe Dienstpersonale war immer auf der Jagd nach dem verschollenen Hunde; Wunde und Angst brachten Fieber mit ungeheuren Wallungen, der Arzt war selbst nicht wenig beängstet und unsicher.

Mit einem male stellt sich der Bauer ein, seinen ganz gesunden Hund am Stricke (der am vorigen Abende wieder gekommen war) und stammelt ganz verlegen von des gnädigen Herrn großem Barte und wunderlichem Hut und Rock (Tirolerhut und Paletot), und daß der Hund alle Bettler beiße. Werner machte ein Gesicht wie Bürgers Kaiser, als Hans Bendix ihn zu neunundzwanzig Silberlingen anschlug, und damit war die Sache zu Ende, wir aber drei Wochen lang mehr tot als lebendig gewesen. (…)

Und haben Sie in der „Allgemeinen“ die verrückte Anzeige von meines armen Onkels Tode gelesen, wo Mama und ich und Laßberg bey den Haaren hineingezogen sind? (…)

References
1 Schlagfluss: Schlaganfall

1 Kommentar im Kontext dieses Briefes

  1. Augsburger Allgemeine Zeitung sagt:

    Bei zunehmender Kränklichkeit hatte er die Freude, während mehrerer Monate des vergangenen Sommers seine geliebte Schwester, die verwitwete Freifrau v. Droste-Hülshoff, in Begleitung ihrer Tochter, der Freiin Annette, in nächster Umgebung bei sich zu haben. Diese unsere westfälische Dichterin trug durch ihre liebenswürdige Persönlichkeit in dem Umgang mit diesem, ihr besonders teuern Oheim viel Aufheiterung seiner letzten Lebenstage bei. Der Verstorbene, gleich den Droste-Hülshoff ein naher Verwandter des Frhrn. v. Laßberg, der als Gelehrter und Schriftsteller rühmlichst bekannt, war mit demselben innigst befreundet.
    Nekrolog auf Friedrich von Haxthausen, 14. Dezember 1846

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