1846 11.Februar

Ich habe soeben einen Brief zerrissen, weil er sich gar zu kläglich ausnahm, einen bereits fertigen Brief an Sie, mein gutes Kind, worin ich zur Entschuldigung meines Stillschweigens das ganze Heer von Trubeln und wirklichen Unfällen, das uns seit vier Monaten verstört hat, aufmarschieren ließ. Wozu das? Es ist ja jetzt vorüber, manches am Ende nur leere Angst gewesen, und anderes bereits halb verschmerzt. Lassen Sie mich lieber Ihnen danken für Ihr liebes Geschenk. Wie es mich gefreut hat, mögen Sie daraus abnehmen, dass ich es unter Umständen, die wohl geeignet waren, mich allen Interessen, außer den allernächsten, zu entrücken, bereits dreimal durchgelesen habe. Es ist ein schönes Buch, kein einziges schlechtes oder auch nur mittelmäßiges Gedicht darin, und dagegen vieles von überraschender Schönheit …

Warum haben Sie denn über Ihrem Gedichte an Junkmann ihn nicht mit vollem Namen genannt wie ich? Junkmann hat ein zwar abnormes und deshalb nur von wenigen goutiertes, aber sonst doch unbestreitbares Talent. Vielleicht geht er im Strom der Zeiten völlig unter, d. h. wird völlig unsichtbar durch Verlorengehn der sehr geringen Anzahl kursierender Exemplare seiner Gedichte; vielleicht dagegen gräbt man ihn nach einem paar hundert Jahren wieder auf, und er wird dann als höchst merkwürdige Reliquie hoch geehrt. Jedenfalls ist seine völlige Anerkennung erst von der Zukunft zu erwarten; er wird sie nicht mehr erleben, und doch ist grade ihm Anerkennung ein so großes Bedürfnis. Warum haben Sie ihm die kleine Freude nicht gemacht, die wahrscheinlich für ihn eine sehr große gewesen wäre? … Hüten Sie sich aber, diesen Brief nicht etwa aus Vergessenheit des Inhalts Junkmann in die Hände zu geben; diese absichtliche Nachhilfe seines Ruhms würde ihn höchlich empören, und wir wissen ja auch beide, dass er unendlich Besseres wert ist, aber – il faut faire son mieux! Oder ist er am Rhein jetzt bekannter? Hier, in seinem Vaterlande, noch immer kein Prophet.

Rüschhaus, 11. Februar 1846

Mehr zum Adressaten: Levin Schücking
Hintergrund: Das Geschenk, für das die Droste sich bedankt, ist Levin Schückings Buch "Gedichte", 1846 bei Cotta erschienen. Darin ist auch "Auf dem Mondsee" enthalten, das sich an Wilhelm Junkmann richtet. Annette ihrerseits hat ein dem gemeinsamen Freund gewidmeten Gedicht mit "Gruß an Wilhelm Junkmann" betitelt.
Eine abweichende Beurteilung über Levins Gedichtband gibt die Droste in einem Brief an Elise Rüdiger ab.