Mein Patenjunge!

Von Annette von Droste-Hülshoff
5. März 1845

Ich habe eine lange recht schwere Zeit verlebt, krank, sehr betrübt und gänzlich unfähig zum Schreiben, was mir auf der Stelle Erbrechen zu Wege brachte. Wie oft habe ich an Euch Lieben gedacht und mich abgesorgt um Luise und das Kindchen, von denen mir auch niemand etwas sagen konnte. Ihr Brief an Hutterus gab mir die erste und einzige indirekte Beruhigung, da doch wohl alles gut stehn musste, wenn Sie an die Herausgabe Ihrer Gedichte denken konnten. Gott segne Mutter und Kind und lasse was Gutes wachsen aus dem kleinen dicken Fresser! Levin, schreiben Sie mir doch, wie der Junge jetzt aussieht. Ich muss den Schlingel sehen, wenn ich nach Meersburg komme, auf die eine oder andre Weise – Sie zu uns oder ich zu Ihnen. Mein Patenjunge! Sobald ich soweit zu Verstande komme, will ich ein schönes großes Gedicht auf den Jungen machen, der wird mal besungen werden! Papa, Mama und Patin gegen einander an. Ich will ihm auch ein Patenstück schenken, etwa einen hübschen silbernen Becher oder dergleichen; aber dazu muss er erst etwas größer sein, dass er wenigstens die Hände ausstrecken und danach zappeln kann, sonst macht es mir nur halbes Vergnügen. Ich wollte, der Junge gliche mir ein klein wenig mit; aber da wird wohl nichts aus werden, er möchte denn auf seine Großmutter kommen. Schreiben Sie mir nur fleißig von ihm, es wird mir nie zuviel. …

Ihre Rezension über die Paalzow ist mir noch nicht zu Augen gekommen; aber auf Ihre Gedichte bin ich äußerst begierig, ich kenne eigentlich erst höchstens ein Dutzend derselben. Und wie heißt denn der dicke Roman? Wie weit sind Sie? Wes Inhalts? Wer verlegt ihn? Sie müssen nicht so kurzab sein; schickt sich das für einen kleinen Jungen seinem Mütterchen gegenüber? Aber jetzt denkt der kleine Junge an nichts als an den allerkleinsten Jungen! Adieu, lieb Kind, tausend Liebes an Luisen. Mama läßt Euch beide herzlich grüßen; sie ist gottlob sehr wohl, ihr Herzklopfen viel geringer als in Meersburg. Nochmals Adieu, und nehmen Sie beim Antworten meinen Brief zur Hand. Gott segne Euch alle Drei. Antworten Sie bald.

Ihr treues Mütterchen.

Sagen Sie mir doch, wer mein Anteil am Taufgelde ausgelegt hat und wie viel es macht; vergessen Sie aber doch nicht.

Mehr über die Adressatin/den Adressaten: Levin Schücking
Hintergrund: Carl Lothar Levin Schücking, der Sohn von Levin Schücking und Luise von Gall, wurde am 19. Dezember 1844 geboren. Ein Gedicht auf ihn von der Droste ist nicht bekannt.