Zu meinem Gedichten ist noch manches recht Gelungene hinzugekommen, und die Pastete bald gar. Dann habe ich aber einen Plan damit, den ich Dir nur im Vertrauen mitteile, und über den ich voraussehe, sehr ausgeschumpfen zu werden. Liebes Herz, die arme – freilich nicht besonders schätzbare – Bornstedt ist sehr, sehr unglücklich, von jedermann verlassen, in eine Melancholie versunken, dass man allgemein für ihren Verstand fürchtet, von ihrem Liebhaber fortwährend schändlich betrogen und geplündert – während man in ihrem jetzigen Zustande es nicht wagen darf, eine Aufklärung herbeizuführen – und gewiss in großer Geldnot, vielleicht hungernd, obwohl sie alle dergleichen Andeutungen mit stolzer Empörung zurückweist; aber sie hat keine einzige Stunde mehr. Nähern werde ich mich ihr nie wieder, aber ich müßte ein Stein sein, um kein Mitleid zu fühlen. Zum letzten Mittel, dem Erwerb durch Schriftstellerei, ist sie jetzt auch unfähig, obwohl sie sich noch einmal zusammengerafft und bei Anwesenheit des Königs ins Unterhaltungsblatt ein gar nicht schlechtes Lobgedicht hat rücken lassen, auf das sie die glänzendsten Luftschlösser von Gnade, Pension et cet. baute, was ihr aber nichts eingebracht hat als Spott und einen dummen, unverdienten Ekelnamen vom Publikum.

Nun hat sie sich, gewiss mehr aus Not als Eitelkeit, an Velhagen & Klasing um eine zweite Auflage ihrer “Pilgerklänge” gewendet – durch Nanny Scheibler – und die furchtbar demütigende Antwort erhalten, “dass er dieses nicht anders übernehmen könnte, als wenn sie ein Empfehlungsschreiben von mir beibrächte.” (Ich bitte Dich, Levin, sei jetzt nicht malitiös, sondern setz Dich einmal in ihre Lage und was sie leiden muss.) Nanny hat ihr dieses getreulich wieder gesagt, und es versteht sich, dass die Bornstedt lieber erfriert und verhungert, als mir darum ankömmt.

Was meinst Du nun, liebes Herz? Du bist doch gottlob auch einer von denen, die den glimmenden Docht nicht verlöschen und das geknickte Rohr nicht zerbrechen. Soll ich nicht unter Forderung der strengsten Verschwiegenheit Velhagen meine Gedichte umsonst anbieten, falls er der Bornstedt ein ordentliches Honorar zukommen läßt, ohne ihr den Grund anzugeben?

Da mir dieses Rettungsmittel einmal eingefallen ist, glaube ich es nach meinem Gewissen nicht zurückweisen zu dürfen und gewissermaßen verantwortlich zu sein für alles, was aus einem Übermaß von Bedrängnis entstehn könnte. E[lise] und Schlüter, in deren Gegenwart mir der Einfall kam, wissen darum und billigen ihn, haben aber die gewissenhafteste Verschweigung gelobt und auch so nötig gefunden, dass E[lise] meint, ich dürfe selbst Dir nicht sagen; das geht aber nicht anders, da Du die Sache unter Händen hast, und ich bitte Dich nur dringend, Dich gegen sie nichts merken zu lassen.

Velhagen scheint seinem Briefe nach zwar mir selbst nichts geben zu wollen, Cotta gibt mir aber gewiss nichts, und von Velhagen denke ich, er wird sich schon dazu herbeilassen; denn aus bloßer Liebe zur Literatur verlangt kein Buchhändler so demütig einen Verlag. Wenigstens kann ich es versuchen und, weigert er sich, dann immer noch zu Cotta übergehn; ich brauche ja Velhagen auch nur die erste Auflage zu überlassen, und jedenfalls wird mein Buch über Westfalen schnell nachfolgen, was dann Cotta bekommen kann.

Ruf, oder wie Du es lieber nennst, Ruhm bekomme ich doch, dessen bin ich jetzt sicher; denn ich habe ihn schon zum Teil, dank dem von mir so verachteten “Morgenblatt”, und es ist mir seit Deiner Abreise in dieser Hinsicht viel Angenehmes passiert.

Rüschhaus, 12. September 1842

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