Briefe zum Schlagwort Familie
Für Dich allein zu lesen
Wegen der Präbenden von meinem und Mamas Vermögen habe ich mit Wernern gesprochen. Er ist mit allem zufrieden, sagt, wegen der meinigen Wünsche und könne er ja auch keine Schwierigkeiten machen, da ich ja völlig Herr darüber sei; Mama aber scheine kein Testament machen zu wollen, sondern habe ihm ihre Dispositionen gesagt und er ihr sein Wort gegeben, alles so auszuführen, wenn wir es zufrieden wären, was sie für ausgemacht annahm. Diese Dispositionen sind aber ganz anders, wie ich sie erwartet, und so, dass Werner und Du jeder 1000 Taler erhalten sollten, von dem übrigen aber, was etwas mehr ist, so dass es statt 40 50 Taler Zinsen bringt (zu 4 Prozent berechnet), sollte ich die Nutznießung haben; wo es dann nach meinem Tode hinfallen würde, erinnere ich mich nicht recht mehr, mich dünkt aber nach Hülshoff zurück.
Diese Disposition ist mir nun keineswegs angenehm, da es keinem von Euch recht hilft und vollends für die Zukunft gar nichts Dauerndes davon bleibt. Werner ist ganz zufrieden, wenn ich Mama zu der andern, mit dir abgesprochenen Anordnung berede, und wünscht nur, dass dann für den Fall einer Vormundschaft alles fest und bündig gemacht werde. Obwohl ich nun jene Anordnung sehr wünsche, bin ich doch verlegen und zweifelhaft, bestimmt dazu zu raten, namentlich Dir, weil ich fürchte, es könne Dich gereuen.
Was mich anbelangt, so bin ich entschlossen, die 50 Taler gern und willig herzugeben, wenn etwas Dauerndes daraus entstehn kann. Ich habe gottlob geringe Bedürfnisse; Du hingegen entsagst für deine beiden den Kinder, einer bestimmten Summe, um einer dafür ein freilich dagegen sehr großes Einkommen zu sichern, was aber für das andre mit Kapital und allem gänzlich verloren wäre, wenn, was der Himmel verhüten möge, Gott das Kind zu sich nähme.
Auch Werner seinerseits könnte, falls ich vielleicht früh stürbe und ihm also nach der alten Disposition (wie ich wenigstens meine) auch mein Anteil und somit das meiste völlig zufiele, in trüben Stunden, wo er um die Zukunft seiner Kinder sorgte, denken, er hätte einen dummen Streich gemacht, und es würde ihm leicht gewesen sein, die fehlenden 1000 Taler noch dazu zu sparen und einem seiner eigenen Kinder damit ein kleines Auskommen zu sichern. Es ist hier sehr schlimm zuzureden; ihr seid leider beide nicht in dem Falle, sehr die Generösen machen zu können. Du hast wahrscheinlich nicht viel und Werner eine täglich wachsende Last auf dem Rücken; denn ich zweifle jetzt, da dieses neue Kind so schnell auf das vorige folgt, gar nicht, dass noch ein halbes Dutzend dazukommen.
Kurz, überlege es dir selber und antworte mir noch nicht darauf, denn ich merke jetzt unter dem Schreiben erst recht, dass mir über viele Punkte auch noch die Auskunft fehlt; zum Beispiel weiß ich nicht gewiss, was mit meinem Anteil nach meinem Tode wird. Ebenso fällt mir ein, dass, wenn früher zwischen Werner und mir von einer Familienpräbende die Rede war, es immer hieß “bis zur Verheuratung” und ich nicht sicher weiß, ob ich ihm gesagt habe, dass für dein Kind natürlich eine Abänderung “für Lebenszeit” gemacht werden müßte. Ich werde also nochmals mit ihm darüber sprechen und Dir dann schreiben.
Wollte Gott Mama hätte von selbst alles so gemacht, wie sie früher willens war, nur mit der Bedingung, dass eins Deiner Kinder die erste Nutznießung haben sollte; dann wäre jeder zufrieden und das ganze ein dauernder Segen für die Familie gewesen. Ich denke immer, es kömmt noch dazu, aber Ihr müßt es beide wohl überlegen: hättest Du nur ein Kind, so wäre die Sache (auf Lebenszeit nämlich und sogar bloß bis zur Versorgung) offenbar vorteilhaft für dasselbe, nun aber ist das andre auch mit 500 Talern dabei interessiert, die sonst sein Eigentum geworden wären. Es macht mich ganz niedergeschlagen, dass ich nicht ordentlich raten kann, da der beste Rat nach den Umständen jedem von Euch zum Nachteil oder Vorteil ausfallen kann. Kömmt es nicht zur Präbende, so bleibt mir nichts übrig, als (wenn Gott will dass ich meine Mutter überlebe) jene 50 Taler jährlich anzulegen und zu sehn, ob ich so und durch Schriftstellern etwas zusammenbringe, woraus ich dann unter denselben Bedingungen die zweite Präbende selbst stiften kann. Vorläufig, genug hiervon, bis ich Wernern wieder gesprochen. Meinen 50 Talern entsage ich auf jeden Fall, und Werner müßte sie mir dann gleich zu dem bewußten Zwecke anlegen.
Rüschhaus, 10. September 1842 (?)
Ich schreibe Dir unter Kanonendonner, unter Pauken- und Trompetenschall. Die Bürgermiliz hat sich vor der Pfarrkirche aufgepflanzt und läßt ihr Geschütz, wirklich ordentliche Kanonen, seit vier Uhr Morgens, sechs Messen lang, so unbarmherzig zu Gottes Ehre knallen, dass fast in jedem Hause ein Kind schreit; und wir auf dieser Seite haben alle Fenster aufsperren müssen, damit sie nicht springen. In den Schwaben ist doch mehr Lust und Leben wie in unsern guten Pumpernickeln! Stiele hat sich in eine Uniform gezwängt, die aus allen Nähten bersten möchte, und maltraitiert die große Trommel mordmäßig. Als ich aus der Kirche kam, salutierte er höchst militärisch und sagte dabei höchst bürgerlich: “Guten Morgen, gnädiges Fräulein!”
Meine Mutter hatte bei unserer Abreise ein Unwohlsein, Schwindel, plötzliche Übelkeiten, die mich doch sehr besorgt machten, so dass ich nur sehr ungern und halb gezwungen ging. Seitdem war die letzte Nachricht von Haus der plötzliche Tod unrer Anna (meines Bruders Töchterchen), und auf diesen Schrecken nun seit anderthalb Monaten keine Zeile! Sie können sich meine Angst nicht denken. Ich stand morgens im Finstern auf und wartete stundenlang an der Treppe auf den Postboten, damit man mir keinen Brief mit übeln Nachrichten unterschlagen könne, und ich glaube, wenn es länger gewährt hätte, wäre ich krank oder verrückt geworden. Gottlob! Der Brief ist da und alles gut. …
Übrigens geht es Sch[ücking] sehr gut. Er ißt, was ihm schmeckt ohne Magendruck, läuft stundenweit, bergab, bergan, ohne dass seine Brust es spürt, und hat alle Aussicht, mit einem Gesichte so rund und rot wie ein Apfel heimzukehren. …
Ich habe mein Buch über Westfalen (was den Titel “Bei Uns zu Lande auf dem Lande” führen soll) bereits angefangen, und ein ziemliches Stück hinein geschrieben – es schien mir gut, und doch verlor ich auf einmal den Mut, da ich meine lieben Eltern so deutlich darin erkannte, dass man mit den Fingern darauf zeigen konnte, – das war eigentlich nicht meine Absicht, ich wollte nur einzelne Züge entlehnen, und übrigens mich an die allgemeinen Charakterzüge des Landes halten, – nun fürchte ich, wird es jedermann gradezu für ein Porträt nehmen.
Rüschhaus, 20. Juli 1841
Ich werde in Zukunft in die Briefe an Dich immer ein loses Blatt einlegen, um darauf zu schreiben, was nicht jedermann lesen soll. Denn ich weiß wohl, dass Mama sie der ganzen Welt vorlesen wird, nicht allein die an sie, sondern auch die an Dich, und dass es sie verdrießen würde, wenn Du sie ihr verweigertest. Ich sehe ja, wie es mit Deinen Briefen geht, und Du hast ganz recht, dass Du so vorsichtig schreibst; aber an mich hättest Du immer gleich ein Blatt einlegen können; und jetzt kannst Du mir schreiben was Du willst; ich zeige Deine Briefe niemandem und erzähle nur etwas daraus. …
NB. verbrenne diesen Brief doch oder lege ihn gut fort; es steht so vieles darin, was nicht für Mama paßt. Sprich lieber, wenn sie da ist, gar nicht oder nur ganz oberflächlich davon, sonst will sie ihn sehn, und das geht doch nicht. Am besten ist’s Du verbrennst ihn.
Rüschhaus, 23. September 1840





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