Der Adel nimmt blutwenig Notiz von mir

Von Annette von Droste-Hülshoff
20. Dezember 1844

Ich hoffe, Cotta hat keinen Schaden an mir; wenigstens sind einige Stimmen von Gewicht für mich aufgetreten, in der „Allgemeinen“ Zedlitz (Du kennst von ihm die „Nächtliche Parade“), und jetzt schreibt mir Schücking, dass nächstens eine von Kühne (wohnt in Weimar) eingerückt werden würde. Dieser ist jetzt der berühmteste unter den Rezensenten und sehr streng, deshalb würde ich nichts besonders Gutes erwarten, aber Schücking kündigt es mir doch so vergnügt an! Man muss sehn, was es gibt!

In unserm „Merkur“ bin ich nun gar über alle Berge herausgestrichen worden und dachte sicher, es hätte ein Freund getan; jetzt weiß ich aber, wer es ist, ein schlesischer Literat, Kynast, der sich seit einigen Wochen in Münster aufhält. So habe ich wenigstens, was mir zuteil wird, von keiner Seite persönlicher Vorliebe zu danken. In Berlin scheinen die Gedichte sehr gut fortzukommen; Onkel Fritz sagt, August habe geschrieben, sie machten dort Furore. Du weißt aber, wie August die Taschen immer voll Mandeln und Rosinen hat, und ihm wird auch jeder das Beste darüber sagen; doch scheint’s jedenfalls gut zu stehn, wenn man auch zwei Drittel subtrahiert.

Wie es hier steht, weiß ich nicht recht. Die Preußen sind allerdings auf meiner Seite, aber das sind arme Teufel, die sich ein Exemplar durch die ganze Stadt umleihen, und somit wenig profitabel für Cotta, und der Adel nimmt, wie ich glaube, noch immer blutwenig Notiz von mir und liest überhaupt niemals Gedichte.

Doch sind die in allen Buchhandlungen hier noch vorhanden gewesenen Exemplare bereits vergriffen, aber die Herren haben wahrscheinlich auch miserabel wenig kommen lassen, z.B. Deiters, wie ich weiß, nur acht Exemplare. Indessen wird wenigstens Coppenrath wohl einen größeren Vorrat gehabt haben, da dieser das Buch als bei ihm in Niederlage angekündigt hatte. Man muss abwarten, wie früh oder spät eine zweite Auflage nötig wird; dies ist der einzige Probierstein, der nicht täuschen kann.