1840 26.April

Warum ist man wohl so ungeneigt zu poetischen Arbeiten in so höchst poetischen Momenten? Ich denke wohl, weil der Genuß den regelrechten Gedanken nicht aufkommen läßt. Ich tue gar nichts; seit Beendigung des geistlichen Jahres, also seit drei Monaten, sind zwei Balladen das einzige, was ich geschrieben; doch liegt dies wohl zum Teil daran, dass ich, des seit zwanzig Jahren bis zum Ekel widerholten Redens über Mißkennung des eignen Talents müde, mich zu etwas entschlossen habe, was mir im Grunde widersteht, nämlich einen Versuch im Komischen zu unternehmen. So dränge ich dann jeden Trieb zu anderm gewaltsam zurück und scheue mich doch vor jener gleichsam bestellten Arbeit wie das Kind vor der Rute.

Nicht dass ich meine, sie werde völlig mißlingen. Es fehlt mir allerdings nicht an humoristischer Ader, aber sie ist meiner gewöhnlichen und natürlichsten Stimmung nicht angemessen, sondern wird nur hervorgerufen durch den lustigen Halbrausch, der uns in zahlreicher und lebhafter Gesellschaft überfällt, wenn die ganze Atmosphäre von Witzfunken sprüht und alles sich in Erzählung ähnlicher Stückchen überbietet. Bin ich allein, so fühle ich, wie dieses meiner eigentlichen Natur fremd ist und nur als reines Produkt der Beobachtung unter besonders aufregenden Umständen in mir aufsteigen kann. Zwar, wenn ich einmal im Zuge wäre, würde meine Gesellschaft auf dem Papiere mir vielleicht die Gegenwart wirklicher und die bereits niedergeschriebenen Scherze die Anregung fremder ersetzen; aber eben zum Anfange kann ich nicht kommen und fühle die größte Lust zum Gähnen, wenn ich nur daran denke.

Zudem will mir noch der Stoff nicht recht kommen, einzelne Szenen, Situationen, lächerliche Charaktere in Überfluß, aber zur Erfindung der Intrige des Stücks, die diesen bunten Kobolden festen Boden geben muss, fehlt mir bishin, ich weiß nicht, ob die Lust oder das Geschick. Wenn ich darüber nachdenken will, so überschwemmt mich eine Flut von tollen Szenen, die an sich gut genug wären, auch nützlich sein könnten, aber sich untereinander reimen wie: „Ich heiße Hildebrand und setze meinen Stock wohl an die Müüre“. Muß ich nun daraus schließen, dass es mir an „Schanie“ fehlt? So schlecht will ich doch noch nicht gleich mit mir umgehn, man sagt ja, dass Erkenntnis immer Anfang der Besserung ist; nun, da kann die Besserung bei mir nicht weit sein, Ich fühle mich doch heute weit aufgelegter als seit lange, und es kann treffen, dass ich mich nach Beendigung dieses Briefes flinkweg an die Arbeit mache. …

Vorerst kann ich, wie jeder Schriftsteller (wenigstens sollte), nur schreiben, was ich, wenn auch unter andern Verhältnissen und in andern Formen, gesehn. So werden meine Personen immer Westfalen bleiben und sich, trotz aller Vorsicht, hier und dort individuelle Züge einschleichen, d. h. nicht gerade Geschehenes, aber manches, wobei einem dieses oder jenes Individuum unwillkürlich einfällt. Daß ich dieses aufs äußerste zu vermeiden suchen würde, brauche ich Sie, liebster Freund, nicht zu versichern; aber ich glaube, dass darin niemand für sich stehn kann, da das wirklich Gehörte und Gesehene seinen Einfluß notwendig geltend macht, gegen unsern Willen, und in der Tat auch das einzige ist, was zu solchen rein objektiven Arbeiten befähigt.

Dann sind die Schwächen der gebildeten Stände selten ganz harmlos, sondern haben zumeist einen Zusatz von Verkehrtheit, der mich leicht Bitteres könnte sagen lassen, was doch ganz gegen meine Absicht ist, da ich nur dem Humor und keineswegs der Satire zu opfern gedenke, obwohl das letztere, wenn es aus den echten Gründen und mit dem echten Ernste geschieht, wohl das edlere ist, weil das nützlichere; doch schließen mich sowohl mein Charakter als meine persönliche Lage von dieser Art zu wirken aus.

Soll ich mich nun den niederen Klassen zuwenden? Das Landvolk zum Stoffe wählen mit seinen duseligen Begriffen, seltsamen Ansichten, lächerlichen Schlußfolgen und anderseits praktischem Verstande in manchen Dingen, Schlauheit und nationellem Humor? Obwohl sich hierbei außer dem Vergnügen des Lesers nicht wohl ein andrer Zweck absehn ließ, so wäre dieser Stoff nicht nur der bei weitem reichere und frischere, sondern auch der sowohl meinem Talente als Erfahrungen angemessenere, da ich zwischen Bauern aufgewachsen bin und selbst eine starke Bauernader in mir spüre. Auch ganz harmlos wäre dies, da sich niemand den Kopf zerbrechen wird, ob ich Klas oder Peter gemeint; nur meine ich, mit dem Dialekte schwinde das Salz aus der Speise; denn der Bauer paßt nicht seine Gedanken der Sprache an, sindern er hat gemodelt und modelt fortwährend die Sprache nach dem augenblicklichen Bedürfnisse, und grade das gibt ihr das unnachahmlich Naive, was in der Übertragung einem wie Schnee unter den Händen zerrinnt, was man mit Verdruß innewird, sooft man versucht, einem Ausländer eine echt vaterländische Anekdote verständlich zu machen, wo einem der Kabliau allemal zum Stockfisch wird.

Dennoch muss ich die Idee meiner Onkel Haxthausen, ein Lustspiel im väterländischen Dialekte zu schreiben, gänzlich verwerfen; wer wird es verstehn? Nicht mal der Eingeborne, da ihm die Buchstabenfügung zu fremd und manche Laute mit den vorhandenen Mitteln gar nicht wiederzugeben sind; viel weniger der Ausländer, der sich doch keinen Sprachstudien ergeben wird, um das Lustspiel einer obskuren Skribentin zu lesen.

Doch paßt alles Gesagte nur auf den Dialog, folglich zunächst die dramatische Behandlung. Zur bloßen Beobachtung und Darstellung durch einen Dritten, z. B. wie in Bracebridgehall, geben jene Volksklassen gewiss den frischesten und auf keine Weise hindernden Stoff, doch vom Dramatischen ist ja eben die Rede.

Ich gestehe Ihnen, lieber Freund, dass meine Neigung mich auch in diesem Fach weit mehr zu einer, wenn nicht tragischen, so doch ernsten und tiefern psychologischen Zweck im Auge haltenden Behandlung triebe, aber ich habe es mir mal anders vorgenommen; mißlingt der Versuch, so haben meine Plagegeister ja den Beweis in Händen, dass der Irrtum auf ihrer Seite war.

Rüschhaus, 26. April 1840

Mehr zum Adressaten: Christoph B. Schlüter