Die Feder ist kaum trocken

Von Annette von Droste-Hülshoff
14. Januar 1840

Schücking ist auch noch unversorgt und strengt sich übermäßig an, um zugleich seinen Erwerbszweigen (Sprachunterricht und literarische Arbeiten) und den nötigen Studien für sein ferneres Fortkommen genugzutun. Er sieht elend aus, klagt aber nicht. Sein Verhältnis zur Bornstedt hat übrigens nicht die von Ihnen befürchtete Richtung genommen, vielmehr ist die Rosenfarbe daran immer mehr verblichen und jetzt ein so trocknes freundschaftliches Verhältnis daraus geworden, als man es zu beider Besten nur wünschen kann. …

Von meinem hiesigen Leben kann ich Ihnen wenig sagen, Sie sehen einen Tag, damit haben Sie alle gesehn. Ich schreibe, lese, was mir die Güte meiner Freunde zukommen läßt, stricke ein klein, klein wenig (abends) und bin zur Abwechslung mitunter unwohl. Geschrieben habe ich eine Erzählung, in der mir manches gelungen, aber das Ganze doch nicht der Herausgabe würdig scheint, es ist mein erster Versuch in Prosa, und mit Versuchen soll man nicht auftreten. Dann habe ich den Zyklus der geistlichen Lieder vollendet, die jedenfalls erst nach meinen Tode öffentlich erscheinen dürfen.

Was ich nun zuerst vornehmen werde, weiß ich noch nicht, wahrscheinlich wieder einen Versuch für die Bühne – ob tragisch? ob humoristisch? Soviel habe ich noch nicht drüber nachgedacht. Die Feder ist kaum trocken vom letzten Strich an den geistlichen Liedern, zudem darf ich sogleich noch nicht an Schreiben denken, dieser Brief ist schon außer aller Diät …

Rüschhaus, 14. Januar 1840