Muß ich denn nichts unterschreiben?

Von Annette von Droste-Hülshoff
11. Februar 1844

Sie wundern sich wohl, mein guter Levin, fast zugleich zwei Briefe von mir zu erhalten; aber der von diesem Morgen war mir selbst so unangenehm zu schreiben und muss Ihnen notwendig so unangenehm zu lesen gewesen sein, dass ich es weder mir selbst noch meinem kleinen Jungen zu Leide tun mag, ihn ohne einen verbessernden Appendix zu lassen.

Ach, Sie glauben nicht, wie geplagt man ist, sobald man Laßberg einige Einmischung gestattet hat, gleichviel in welcher Sache – was hier schon durch Annahme seines früheren Anerbietens geschehn war; er meint’s gut, nur zu gut, sieht die Sache dann ganz wie seine eigne an und wird zu einem unerschöpflichen Bronnen unbrauchbaren Rats, den er gleich in praxi sehn will und es nicht leicht vergibt, wenn man ihn auch nur einmal ad acta legt. Doch Sie kennen ihn ja hinlänglich. Heute Morgen war er eigens zwei Stunden früher aufgestanden – sobald er die Cotta’schen Briefe gelesen – um mir dies köstliche Förderungsmittel in meinen Turm zu bringen. Es ist ihm gewiss sauer geworden, da er noch obendrein seit drei Wochen erbärmlich hustet, und hintennach rührt mich dieser Eifer im Grunde; aber er hat mich doch so konfus und verdrießlich geschwätzt, dass ich die ganze Geschichte lieber aufgegeben hätte und, um nur wenigstens vorerst zur Ruhe zu kommen, mich gleich hinsetzte und noch in seiner Gegenwart die erste Seite des vorigen Briefes schrieb; da war er denn zufrieden und ging.

Übrigens sagte Mama heute nachmittag mir zu meinem größten Erstaunen (denn ich glaubte sie durchaus auf Laßbergs Seite), sie würde sich in meiner Stelle gar nicht an Laßberg kehren, sondern Ihnen die Sache unbedingt überlassen; Sie verständen derartige Dinge weit besser als Laßberg, der sich bei seinen literarischen Unternehmungen noch immer selbst in Schaden gebracht hätte et cet. Somit ist mir der schwerste Stein vom Herzen, und ich kann Ihnen nun ganz leichten Mutes sagen: „Machen Sie es ganz nach Ihrem Gutdünken, so weiß ich, dass ich nicht nur treulich, sondern auch verständig versorgt bin“; und da Mama diese Überzeugung teilt und, wie ich jetzt merke, Jenny auch – der die dicken Ballen von Laßbergs „Liedersaal“ im Magen liegen – so sehe ich eben keinen sonderlichen Kämpfen mehr entgegen und fühle mich so leicht wie diesen Morgen beengt.

Mir kommen 700 Gulden als recht viel vor, und ich habe sie nicht erwartet; Mama und Jenny finden es auch ganz honett; und die Verbindung mit einer so bedeutenden Firma hat so große anderweitige Vorteile, dass ich auch mit Cottas Gebot würde zufrieden gewesen sein, dann aber freilich lieber eine sofortige Annahme als Zurücktreten von einmal gemachter Forderung – der 700 Gulden – gewünscht hätte. Sollte indessen Cotta Ihre freundlichen Hoffnungen zuschanden machen und sich weigern, so schreiben Sie mir ungescheut, ohne Beklemmung – denn es wird mich nicht so arg affiziren – und Ihre Ansicht dabei, die ich dann vermutlich zur Richtschnur nehmen werde; denn so eigensinnig ich in Dingen sein mag, die ich zu verstehn glaube, so wenig fällts mir ein mitsprechen zu wollen, wo ich mich als Ignorantin fühle.

Mir ist derweil auch noch eine Variante für eine anstößige Stelle der „Stadt und Doms“ eingefallen, die mir allgemeiner verständlich scheint: O werte Einheit, bist Du eins, – Wer stände dann des Heil’genscheins, Des Kranzes würdiger als Du, Gesegnete, auf deutschem Grund! et cet.“; ist das nicht besser? Wahrscheinlich fallen mir noch andre Aushilfen gegen Ihre Seelenschmerzen über meine Mängel ein; ich war diesen Morgen zu bedrängt und eilig und musste recht eigentlich aus dem Ärmel schütteln. Manches, was mir – und auch den bisher Befragten – verständlich schien, hat doch in Ihnen zu sehr den Repräsentanten einer zu großen und achtbaren Gegenpartei zu respektiren, als dass ich nicht eine Klarmachung wenigstens ernstlich versuchen sollte. Nur müssen Sie berücksichtigen, wie schwer dies ist – zehnmal schwerer als ganz neu. Nun, der Druck geht ja langsam, und die ersten Bogen sind ja nun nach Ihrem Wunsche gesäubert. NB. Wegen des „Schnarchens der Schwäne“ im „Fundator“ habe ich noch nicht geantwortet. Ich ließ hier den Ausdruck „tauschen“ ungern fort; denn er ist sehr bezeichnend. Schwäne haben keine andre Stimme als ein leises Schnarchen, mit dem sie sich einander anrufen, was man im Sommer – zu Hülshoff nämlich – die ganze Nacht durch hört, da sie fast gar nicht schlafen, sondern am Ufer umherziehn, wo sie sich im Dunkel einander verlieren und dann auf diese Weise durch Wechselrufe orientieren, – es lautet hübsch und graulich – und wäre hier „tauschen“ nicht die passende Bezeichnung für Wechselrufe? Das meine ich doch. Sollte aber „Schnarchen“ zu dem Begriffe von Schlaf verleiten, so kann man ja „dumpfes Schnarren“ setzen; da merkt hoffentlich doch jeder, dass es ein Ruf ist – oder meinen Sie nicht? Mich dünkt, Schwäne sind doch so bekannte Vögel, dass man sich nicht scheuen darf, ihre gewöhnlichen Manieren als der Überzahl bekannt anzunehmen.

Ich bin diesen Abend besonders klüftig von Kopf, da fällt mir ein, von wegen des Weidenstumpfen im „zu früh gebornen Dichter“ Str. 4, würde Ihnen mehr zusagen: „Doch ließ man dies als Schwärmerei (krankes Blut) Und Hochmut ihn entgelten; Da musst‘ er wohl mit bittrer Reu (Mut) Sich einen Toren schelten“? Dann käm der Weidenstumpf ganz fort. Ferner von wegen der „Fortun“ in der „besten Politik“, ob man nicht doch zuerst „Glück“ setzen und nachher „Geschick“ substituieren könnte; z. B. „Daß dem das Glück zumeist gewogen, Der es am mindesten gehetzt, Und dass wo Handeln (Wirken) ein Geschick Nach eigner Willkür mag bereiten, Nur Offenheit zu allen Zeiten Die allerbeste Politik“.

So wären ja wohl die ärgsten Steine schon beseitigt, wenn Sie dazu nehmen, was der vorige Brief schon nachgibt; notieren Sie sich’s nur ja zusammen, damit die corpora delicti nicht durch Ihr eignes Versehn über der Erde bleiben. …

Nachmittags. Ich habe Ihren letzten Brief; es ist alles sehr gut und schön so, Laßberg auch hintennach zufrieden – ein wunderlicher Patron, aber doch gut. Also Cotta hat nachgegeben! zwar wie ein schlauer Fuchs, und auch gleich die Auflage verstärkt. Aber es macht nichts, ich raisonniere so: Verkauft sich die Auflage sehr langsam, so hat Cotta doch wenig Profit, und es ist eigentlich eine verunglückte Spekulation für ihn, wo es mich dann freuen muss, dass ich ihn nicht wenigstens gradezu in Schaden gebracht; verkauft sie sich gut, so kömmt’s ja auch wohl zur zweiten, wo mir dann ja ganz freie Hand gelassen ist; und ich finde 700 Gulden viel, besonders da sie mir jetzt so überaus gut zu statten kommen, d. h. im Verlauf des Jahres, auf ein paar Monate kömmt’s hier gar nicht an.

Wissen Sie noch, wie Sie im vorigen Winter meinten, ich solle dem Cotta, wenn er nichts biete, mein Manuskript umsonst geben, nur um in seinen Verlag zu kommen? Wie soll ich mich denn nun nicht freuen, wenn er mir 700 Gulden gibt, wo ich sie grade so nötig brauche? Ich freue mich – und freue mich sehr, und niemand soll’s mir wehren. Aber es wehrt’s mir auch niemand; tout le monde ist hintennach zufrieden.

Aber jetzt dürfen wohl ohne Cottas bestimmte Einwilligung keine Gedichte aus der Sammlung genommen werden? Will er z. B. den „Spekulanten“ als sein Portrait nicht umkommen lassen, meinetwegen! Aber es ist sein eigner Schade, wenn das schlechte Zeug drinnen bleibt. NB. Wenn ich so etwas über Cotta sage, was mehr cavalièrement als höflich gesagt ist, so hüten Sie sich, es jemanden, z. B. dem Kolb, mitzuteilen. Kolb mag ein ganz guter Mann sein, vielleicht eine Perle von einem Manne, aber er bleibt immer Cottas rechte Hand, und man kann niemanden stechen, ohne dass die Hand, wenigstens heimlich, mitzuckt. Ein Mann, der sich zwischen so vielen Leuten und ihren korrupten Grillen durchwinden muss, kann seiner Stellung nach unmöglich das Herz auf der Zunge tragen, obwohl ein scheinbares Eingehn auf die Ansichten anderer ebenso notwendig ihm zur andern Natur werden muss. Ich zweifle nicht, dass Kolb den Cotta im Grunde gern hat, wenigstens sehr empfindlich für dessen Ehre ist, und möchte Sie dringend bitten, dieses, selbst in den freundschaftlichsten Verhältnissen, nie zu vergessen; jedenfalls gebrauchen Sie in Rücksicht auf meine etwaigen Äußerungen der Art die größte Vorsicht, wenn nicht aus Überzeugung der Notwendigkeit, doch mir zu Liebe, weil ich es wünsche und Sie darum bitte. Es liegt für mich etwas Schimpfliches in jedem, selbst einem bloßen Geschäftsverhältnisse, wo nicht jeder Teil von der Achtung des andern überzeugt zu sein glaubt, und ich würde mich auf eine solche Veranlassung augenblicklich herausziehn, so weit mir Freiheit gelassen wäre. Zwar habe ich gar keinen Grund, Cotta’n nicht zu achten, aber ich möchte doch nicht genötigt sein, jedes Wort gegen Sie auf die Goldwage zu legen. Sagen Sie mir, um noch einmal auf das Geschäft zurückzukommen: muss ich denn nichts unterschreiben? Haben Sie für mich unterschrieben? Und ist die Handlung damit zufrieden?

Mehr über die Adressatin/den Adressaten: Levin Schücking
Hintergrund: Levin Schücking, der nun doch die Verhandlungen mit dem Inhaber der Cottaschen Verlagsbuchhandlung, Johann Georg Cotta von Cottendorf, über die zweite Gedichtausgabe führt (als Verleger des "Morgenblatts" sowie der Augsburger "Allgemeinen Zeitung" ist Cotta auch Schückings Chef), erhöht die Honorarforderungen mehrmals. Seinen ersten Vorschlag (vier Louisdor pro Bogen) ersetzt Schücking durch ein Pauschalhonorar von 700 Gulden, das sind 400 Reichstaler. Dieser Betrag wird vor allem von Annettes Schwager Laßberg als zu gering verworfen; bei einem Umfang von 35 Bogen läge das Honorar bei nur zwei Louisdor pro Bogen, gibt er zu bedenken. Auch hält Laßberg die Auflage für zu hoch, der Abverkauf würde entsprechend lange dauern; üblich seien 750 Exemplare.
Die Autorin selbst wäre mit 700 Gulden, also 400 Talern, zwar durchaus einverstanden, Schücking verhandelt dennoch erneut mit Cotta und führt dabei andere Verlage an, die ebenfalls Interesse an der Herausgabe des Buches angemeldet hätten. Cotta gibt schließlich nach. Das schließlich vereinbarte Honorar beläuft sich auf 500 Reichstaler, das sind 875 Gulden, auf eine Auflage von 1200 Exemplaren sowie zwölf Freiexemplaren für die Droste.
Der Louisdor (eigentlich Louis d'Or) ist eine französische Goldmünze, die damals bereits nicht mehr geprägt wird. Der preußische Reichstaler ist bis 1907 gültig (Wert: 3 Mark). Der in Europa weit verbreitete Gulden (Abkürzung fl) ist vor allem im Süden Deutschlands und im Rheinland im Umlauf, er gilt bis 1876. Zum Vergleich: Das Honorar, das die Droste schließlich für ihren zweiten Gedichtband erhält, liegt deutlich über dem Jahresgehalt eines Oberlehrers - der verdient (im Jahr 1862) 677 Gulden.