1826 25.April

Ich habe mich unbeschreiblich schwer von Köln getrennt; solange der liebe Onkel noch bei mir war, kam es mir vor, als ob ich noch nicht recht fort wäre. Aber am andren Tage, als ich so mit einem münsterischen Fuhrmann immer weiter fortfuhr, da war mir so zumute, dass ich mir immer vorsagen musste: „Du kömmst ja zu deinen Eltern“, um nicht den ganzen Tag zu weinen. Am andern Tage ging es schon durch bekannte Örter, und des Nachmittags um fünf Uhr sah ich meine liebe Mutter wieder, in einem Dorfe eine Stunde weit von Hülshoff, bis wohin sie uns entgegen gefahren; eine halbe Stunde nachher, unterwege, Ferdinand, Caroline und Malchen, dann zu Hülshoff den lieben Papa und heute mittag Jenny, die von Wilkinghege herüber gekommen ist, mich zu sehn, ich habe mich doch nicht wenig gefreut. Ich musste so lange erzählen, dass ich schon fast nichts mehr weiß.

Am Abend fragte mich die Mutter viel und ernstlich darüber, ob ich mich auch gut betragen habe und Dir immer gehorsam gewesen sei; ich sagte, ich hoffe es, aber es war mir äußerst empfindlich, weil ich bedachte, wie oft ich Dir nur Kummer und Unannehmlichkeit gemacht habe. Ich bitte Dich deshalb aufs innigste um Verzeihung. Du kannst nicht denken, wie weh es mir jetzt tut. Ich bilde mir wohl ein, ich würde nun in der Lage ganz anders handeln, und doch kann ich es nicht mit Gewissheit sagen, denn wenn ich an die arme Mertens denke, wie krank und schwach ich sie zurückgelassen habe, und dass ich sie vielleicht nie wiedersehe, so möchte ich um alles in der Welt nicht getan haben, was sie gekränkt hätte; ich wollte, es hätte alles zusammen bestehn können, das ist alles, was ich sagen kann, und dass es mir empfindlich ist.

Liebe Tante, sei mir nur jetzt nicht böse, da ich fort bin, ich habe Dich doch gewiss von ganzer Seele lieb, wie Du es wohl nicht mal denkst, und, ich bitte, mach doch, dass mir der Onkel nicht mehr böse ist. Ich habe ihm so oft, auch in andern Dingen, widersprochen, was ich auch weit besser nicht getan hätte, er hat doch oft so viele Güte und Liebe für mich gehabt. Es ist mir so peinlich, dass meine Eltern so gewiss voraussetzen, dass ich mich immer gut gegen Euch müßte betragen haben, und dass ich mir doch selbst hierüber kein ganz gutes Zeugnis geben kann.

Hülshoff, 25. April 1826

Hintergrund: Mit ihrem Onkel Werner von Haxthausen verstand die Droste sich nicht sonderlich. Er würde sie "bei jeder Gelegenheit auf das schonungsloseste" kränken, erzählt sie 1818 ihrem Bekannten Friedrich Benneke.

1 Anmerkung

  • # Friedrich Beneke:

    Was ich [über Werner von Haxthausen] von ihr [der Droste] wusste, ehe ich [nach Bökendorf] kam, war folgendes: M[inette] ist überaus gescheit, talentvoll, voll hoher Eigenschaften und doch gutmütig; … ist eigensinnig und gebieterisch, fast männlich, hat mehr Verstand wie Gemüt, ist durchbohrend witzig usw.; sie ist jetzt 18 Jahr alt, Autorin und arbeitet an einer Oper. Werner von H[axthausen] ist der einzige, den sie fürchtet, weil er sie bei jeder Gelegenheit demütigt.
    Um 1815