Meine mühsam erkämpfte Freiheit

Von Annette von Droste-Hülshoff
12. Juli 1841

Sie sind mir sehr lieb, Elise, viel lieber, als Sie es wissen, und auch lieber, als ich Ihnen. Ich sage das nicht, um einen zärtlichen Widerspruch aus Ihnen herauszulocken, sondern damit Sie einen Maßstab haben, nach dem sie meine Neigung beurteilen können. Ich bin mir gewiss, dass Ihre Gedanken nicht so oft bei mir sind, als die meinigen bei Ihnen, und dass Sie mein Wohlsein nicht in dem Grade am Herzen tragen. Das soll kein Vorwurf sein, sondern ein unumwundenes Aussprechen meiner Gefühle für Sie. Fragen Sie L[evin], der weiß wohl, wie wert Sie mir sind und wie lebhaft ich wünsche, fortwährend um sie sein zu können. Die Umstände gestatten dies nicht, um so erfreulicher sind mir Ihre Besuche, vor allem wenn ich denken kann, dass sie so recht um meinetwillen kommen.

Diese Woche bin ich nun nicht hier und einen Teil der nächsten nicht, doch werde ich suchen, Montag oder spätestens Dienstag wieder einzutreffen, geradezu gesagt, um den Mittwochen nicht zu versäumen. Sie sehen hieraus, dass Sie mir in Beziehung auf L[evin] unrecht tun, ich weiß den Wert einer solchen Freundschaft sehr wohl zu schätzen und möchte sie um vieles nicht hingeben, und darum lege ich auch Wert auf jeden der vielleicht noch sehr wenigen Tage, wo ich ihrer in diesem herzlichen und ruhigen laisser aller genießen kann. …

… so ist mir der Sommer und Herbst, wenn auch einerseits durch das Wiedersehn meiner Nächsten erfreulich, doch in Beziehung auf meiner Freunde sehr gestört, und das ist mir ein arger Kummer, da die Verwandten uns nahe bleiben, und wohnen sie hundert Meilen weit, weil wir sie jederzeit aufsuchen können. Das findet jeder natürlich und animiert uns dazu, dagegen bedarf es bei Freunden gleichen Geschlechts dringender Gründe und bei denen eines andern gibt es gar keine. So kann eine Trennung von zehn Meilen leicht eine lebenslängliche werden, und wird in der Regel eine jahrelange. Sie fühlen wohl, meine sehr liebe Freundin, dass ich für dieses Mal hauptsächlich in Beziehung auf L[evin] rede, und drücke mich so klar und unumwunden aus, weil mir zuweilen scheint, als dächten Sie, ich betrachte diese in der Tat schöne und rührende Anhänglichkeit wie einen Blumenkranz, an dessen Duft und Farben man sich eine Weile erfreut und ihn dann gleichmütig beiseite legt, wenn uns scheint, dass er anfängt zu welken, oder auch nur, wenn wir uns satt daran gesehn haben. Ich denke, Sie glaubend as jetzt nicht mehr. L[evin] kann auf mich rechnen als eine Freundin fürs Leben und für jede Lage des Lebens, besonders seit mir die sehr seltne Überzeugung geworden ist, dass sein Gefühl (für Freunde) nicht an der ärgsten aller Freundschaftsklippen scheitert, sondern in völliger Reinheit und Kraft daneben hersegelt.

Wenn ich dieses nicht sehr hoch anschlüge, so müßte es mir an Erfahrung oder Gefühl fehlen. Erstere habe ich leider zur Genüge, und letzteres, denke ich, trauen Sie mir doch zu. Auf Sie kann ich auch rechnen, nicht wahr, meine alte Elise? Antworten Sie mir nicht hierauf, ich weiß es doch, wir müssen nur erst so recht gründlich bekannt und unbefangen miteinander werden, worin es immer noch etwas hapert – Ihrerseits meine ich.

Es dünkt mir oft, als liege doch immer noch eine Art von Zwang und Befangenheit auf Ihnen, wenn wir zusammen sind. Ich schreibe das nicht, damit Sie mir darauf antworten sollen, sondern nur, damit Sie wissen, dass ich es fühle und so herzlich gern beseitigen möchte. Antworten würde Sie erst recht beengen und, da Sie vielleicht den Grund selbst nicht wissen, unsicher machen, und da hätte ich meinen Zweck, mich Ihnen so viel als möglich nahezubringen und zum Lohn für meine Neigung die Ihrige einzutauschen, erst recht verfehlt.

Ich reiche Ihnen meine Hand bis nach Münster herüber, mein gutes Herz, und will, wenn ich mal werde meine ganze Person herübergetragen haben, oder Sie die Ihrige hierher, Ihre Verteidigung der B[ornstedt] mit den besten Vorsätzen des Eingehens in Ihre Ansicht anhören, mehr kann ich nicht versprechen, und das ist auch schon, wie mich dünkt, mehr als halb gewonnenes Spiel für Sie. Ich gestehe Ihnen, dass ich neulich auch innerlich arg gereizt war durch die Aussicht auf einen fatalen Klatsch, bei dem für mich mehr auf dem Spiel stand, als Sie wohl in dem Augenblicke übersahen, nämlich nicht nur das Aufgeben eines mir sehr werten Verhältnisses, sondern auch meine ganze so langsam und mühsam erkämpfte Freiheit (insofern ich die passive Nachsicht der Meinigen mit meiner Weise zu sein und mich zu den Menschen zu stellen so nennen darf), die ich vielleicht in oder wenigstens erst nach einer hübschen Reihe von Jahren wieder erlangen würde.

So sagte ich zwar damals nichts, was ich nicht noch heute als meine wirkliche Ansicht wiederholen würde, aber dennoch stellte ich allese auf die Spitze, und mir war weder das Gute gegenwärtig, was sich dagegen in die Wagschale legen läßt, noch die mannigfachen Bedrängtheiten jenes armen Geschöpfs, die nicht nur das Mitleid in Anspruch nehmen, sondern auch die Gerechtigkeit, da eine solche Lage wohl dem Besten einen bittern gehässigen Ton geben könnte und es demjenigen, dessen ganze Existenz von dem Wohlwollen anderer (sowohl des Publikums als einzelner) anhängt, notwendig unendlich schwer werden muss, sich ganz frei von Doppelsinn und einem gewissen mißtrauischen Neide gegen andre zu erhalten. Gott weiß, wie ich selbst in ihrer Lage wäre“ Sie hat eine lange Reihe von Sorgen, Kränkungen, getäuschten Erwartungen durchgemacht und hat doch manchen weichen gutmütigen Augenblick daraus gerettet; ich fürchte, mich hätte so etwas gänzlich abgestumpft und verhärtet. Da haben Sie mein demütiges Bekenntnis. Erinnern Sie mich daran, Elise, wenn mal wieder der Zensor in mir die Überhand gewinnt!

Mehr über die Adressatin/den Adressaten: Elise Rüdiger
Hintergrund: Zwischen November 1839 und September 1841 treffen sich Levin Schücking und Annette von Droste regelmäßig. Der junge Mann wandert etwa einmal wöchentlich (nach seiner Erinnerung nicht mittwochs, sondern dienstags) von Münster zum Rüschhaus, unternimmt mit der Droste Spaziergänge, spricht mit ihr u.a. über Literatur, tauscht Bücher mit ihr aus. In gewissen Münsterschen Kreisen kommen die beiden dadurch offenbar ins Gerede. Schücking ist nicht ganz unschuldig daran, gilt er doch als Frauenheld - er hat während seiner Zeit in Münster eine Affäre mit der verheirateten Elise Rüdiger, und auch über ein angebliches Verhältnis mit Luise von Bornstedt wird heftig getratscht.