Probleme mit der neuen Rechtschreibung

Von Annette von Droste-Hülshoff
29. Oktober 1834

Ich lege erst in diesem Moment das beikommende Paket aus der Hand, und die Finger zittern mir noch vom angestrengten Schreiben. Zudem erwarten wir jeden Augenblick unseren weiblichen Spitzbuben, die Madame Bücker, welche dieses zur Post bringen soll. O Himmel, ich habe keinen Gedanken mehr im Kopfe, so habe ich mich zuschanden geschrieben. Laßberg wird sagen, die Hälfte oder das Dritteil sei genug gewesen, aber ich wollte meinem unbekannten Gönner in spe, dem Herrn Doktor Schwab, eine Auswahl lassen. Bitte Deinen guten Laßberg doch, dass er sich der Sache annimmt, ich bin noch nicht im reinen mit mir, wegen der alten und neuen Orthographie, und habe sie hier schändlich durcheinandergeworfen, in vielen Worten das h bald ausgelassen, bald gebraucht, ebenso mit den großen Anfangsbuchstaben bei manchen zweifelhaften Gelegenheiten. Wäre ich nicht so übereilig gewesen, so hätte ich mich doch zu irgendeiner Regel gehalten.

Die Interpunktion hingegen hätte ich nicht besser machen können, weil ich nichts davon verstehe, z.B. niemals weder: noch; brauche weil ich ihren Gebrauch nicht kenne. Ich hoffe, der gute Laßberg ist so freundlich und hilft auch hierin etwas nach, oder der Doktor Schwab tut es, denn so gedruckt werden kann es nicht, und wenn sich, wie mir Laßberg Hoffnung machte, ein Verleger für das Ganze finden sollte, muss ich erst noch irgendeinen Professor, sive Magisterken, da hinterher kriegen. Wenn Ihr in Eppishausen angekommen, erfahre ich wohl, welches Schicksal die bekommenden Blätter gehabt.

Rüschhaus, 29. Oktober 1834

Mehr über die Adressatin/den Adressaten: Jenny von Laßberg
Hintergrund: Der erwähnte Gustav Schwab ist Redakteur beim "Morgenblatt für gebildete Leser" und ein guter Bekannter Laßbergs.