1846 13.April

Sie wissen nicht, was ich in den letzten Tagen gelitten habe, und welche durchdringende Erquickung mir ihre treue vertrauensvolle Freundschaft gerade jetzt sein muss. Ich habe Schückings scheußliches Buch gelesen, ich habe es von wahrhaft wohlmeinender Hand erhalten, mit dem Zusatze, ich müsse es leider lesen, da ich in dem allgemeinen Verdachte stehe, ihm das Material zu seinen Giftmischereien geliefert zu haben. Sie haben es nicht gelesen, und hätten Sie es gelesen, so würden Ihnen doch hundert Anspielungen (die leider andernorts nur zu wohl verstanden werden) unverständlich bleiben und Sie nicht halb begreifen, wie mir zumute sein muss.

Schücking hat an mir gehandelt wie mein grausamster Todfeind und, was unglaublich scheint, ist sich dessen ohne Zweifel gar nicht bewußt.

Gottlob darf ich mir keine Indiskretionen vorwerfen, aber mein Adoptivsohn! jahrelanger Hausfreund! O Gott, wer kann sich vor einem Hausdiebe hüten! Er hat mich über manches, was mir Nahestehende betraf, befragt, über Intentionen, Handlungen, die einen Schatten auf sie zu werfen schienen, und meine warme Verteidigung benutzt, um kleine Umstände daraus zu stehlen, die den von nächster Hand Unterrichteten bezeichnen, und sie dann nicht nur mit alle den Flecken, von denen ich sie mit Recht zu reinigen suchte, sondern auch mit allen Zutaten einer des Juif errant würdigen Phantasie an den Pranger gestellt. Dies ist mein direktester Anteil an seiner Schuld, mein indirekterer, aber noch schädlicherer ist, dass ich ihn in mehrere Familien und bei so manchem einzelnen Freunde, den ich für sein Fortkommen zu Interessieren wünschte, eingeführt, mich für seinen Charakter verbürgt und ihm dadurch Gelegenheit gegeben habe, sich die pikantesten für einen Roman brauchbarsten Persönlichkeiten zu merken und zu diesem Zwecke anderwärts sie betreffende Partikularitäten aufzulesen, natürlich je krasser und unwahrscheinlicher, desto mehr Hoffnung auf literarischen Erfolg! Schlüter! ich bin wie zerschlagen.

O Gott, wieweit kann Schriftstellereitelkeit und die Sucht, Effekt in der Welt zu machen, führen! selbst einen sonst gutmütigen Menschen, denn das bleibt Sch[ücking], die Gerechtigkeit nötigt mich, dies selbst in diesem schweren Moment anzuerkennen. In seinem letzten Briefe konnte er mir Geld für einige Gedichte im Feuilleton schicken. Seine Zeilen strahlten von Freude hierüber, und das war kein Betrug. Er liebt mich, er liebt Sie, er liebt Westfalen überhaupt und hat bei seinem Buche an nichts gedacht, als dem Eugene Sue den Rang abzulaufen; aber er ist verloren, denn er hat die einzige Stütze fahren lassen, an der wir uns von unsern Fehlern und Schwächen aufrichten können.

Man hat Ihnen die Wahrheit gesagt, er schlägt vor der Kirche die Zunge aus, und hier findet keine Entschuldigung statt, höchstens eine: „Herr vergib ihm, er weiß nicht was er tut“. Lassen Sie uns für ihn beten. Christi Blut ist auch für ihn geflossen, und Gott hat tausend Wege, die Verirrten zu sich zurück zu führen, oft durch Not und Kummer, und die sehe ich, bei Sch[ückings] Lust am Glänze und der Unhaltbarkeit seines Talents in nicht zu weiter Ferne voraus. Ich bin sehr bewegt und mag für jetzt nicht weiter schreiben.

Dienstag, 14ten. Ich habe mit meinem Bruder gesprochen und bin jetzt viel ruhiger. Er hat eher als ich um Buch und Gerücht gewußt und mich nur nicht damit betrüben wollen, da er sich den Zusammenhang sehr leicht selbst heraus gefunden. Ob er sich anfangs geärgert hat, weiß ich nicht, jetzt ließ er sich nichts merken, meint: eben das überwiegend Krasse und Unwahre darin könne nur allgemeine Indignation erregen und keinem der Angegriffenen schaden, ebensowenig könne, wenn auch einzelne harmlose Umstände als von mir erzählt erkannt würden, ein vernünftiger Mensch diesen Glauben auf die übrigen entstellten und ehrenrührigen ausdehnen, eine Ungerechtigkeit könne leider nur zu lange standhalten, aber eine Albernheit zerfalle in sich selbst, und dieses sei eine Albernheit.

Ich kann die Sache nicht so leicht nehmen, bin aber doch viel ruhiger, nun es von dieser Seite ohne Verdruß abgegangen ist, denn Werner kränkelt seit Monaten, und ich fürchtete sehr den Einfluß des Ärgers. Übrigens warnte er mich vor auffallenden Schritten, selbst vor weitläufigen Erörterungen gegen Freunde. Stillschweigen und den Nebel verrauchen lassen sei das Beste, er, der Nebel, werde schon von selbst sinken, wogegen ein einziges, am unrechten Orte wiederholtes Wort mir eine giftige Feder auf den Hals hetzen könne, eine Lage, der ein Frauenzimmer sich nie aussetzen dürfe. Wo man nicht von dem Buche rede, solle ich auch nicht davon anfangen, wo ich aber darnach gefragt werde, mein Urheil als Christin und Westfälingerin frei und streng aussprechen und im übrigen jedes Verhältnis zu Schücking so schnell und vollständig als möglich, aber nicht gewaltsam auflösen.

Ich werde sonach unsre ohnedies fast entschlafene Korrespondenz völlig liegen lassen, keine Beiträge mehr ins Feuilleton schicken und bei unsrer Reise nach Meersburg ein Dampfboot wählen, was in Köln nicht anhält, so ist die Auflösung von selbst da, und die Verjährung folgt ihr auf der Ferse.

So muss ich Sie auch bitten, liebster Freund, den Inhalt dieses Briefes niemanden mitzuteilen. Selbst Ihre geprüfte, achtungswerte Freundin, die Räthin Lombard, kann ich hiervon nicht ausnehmen, obwohl ich sie sonst für verschwiegen wie das Grab halte, aber sie kömmt oft nach Bonn, und ich halte ihr Rechtlichkeitsgefühl für zu stark, um sie nicht der äußersten Versuchung auszusetzen, wenn es dort über mich herginge, und Bonn ist sehr nahe bei Köln, bei dem jetzigen Verschwinden alles Raumes fast wie derselbe Ort. Selbst Münster ist von Köln jetzt nicht entfernter als früher Telgte. Vergessen Sie das nicht, liebster Freund.

Was ich selbst nötigenfalls, d. h. wenn ich direkt mit Fragen angegriffen werde, über diesen Punkt sagen werde, ist mir selbst noch nicht recht klar, jedenfalls die Wahrheit, aber wahrscheinlich nicht weiter als die Frage gradezu verlangt. Ich habe eine 75jährige Mutter zu schonen und bin deshalb entschlossen, jedem Anlasse zu Klatschereien (und der liegt in jedem Hin- und Herreden) möglichst aus dem Wege zu gehn.

Nachmittags. Ich komme von einem Spaziergange, die Luft ist so blau, die Vögel so fröhlich, Gottes Segen quillt so reichlich aus den Schollen, wer sollte sich da nicht beruhigt und in seiner Hand wohlgeborgen fühlen! Nichts mehr von Odiosis! Ich würde Sie sehr um Verzeihung bitten, Sie damit belästigt zu haben, wäre dies nicht grade der eigentlichste Kern der Freundschaft, dass sie auch das Leid des Freundes nicht missen will, so wenig wie seine Freuden, oder wenn nicht der Kern, doch die ihm zunächst liegende, ihn umschlingende Faserhülle; der Kern heißt freilich anders, ein Glauben, ein Hoffen, ein gemeinsames Wirken.

Hülshoff, 14. April 1846

Mehr zum Adressaten: Christoph B. Schlüter
Hintergrund: Bei dem "scheußlichen Buch" handelt es sich um "Die Ritterbürtigen", einen adelskritischen Roman von Levin Schücking in drei Bänden, erschienen 1846. Das Werk löst einigen Wirbel in Münster aus, man hält allgemein Annette von Droste für Schückings Informantin.

4 Anmerkungen

  • # Eugen Christoph Benjamin Kühnast:

    „Die Ritterbürtigen“ von Schücking machen viel Sensation. Schon Donnerstagabend bei Bodelschwinghs teilte Nanny mir mit, dass man (Lombard) sage, Schücking habe die Geschichten von Ihnen, ich stellte es in Abrede. Selbst die Lombard suchte ich zu überzeugen. In diesen Tagen erhalte ich den Roman – und sende ihn auf die Gefahr hin, dass Sie schon ein Exemplar haben.
    Münster, 6. April 1846


  • # Christoph B. Schlüter:
    Christoph B. Schlüter

    Schücking hat einen elenden Roman, „Die Ritterbürtigen“, in drei Bänden geschrieben; er verletzt darin Pietät und religiöses Gefühl, zeigt sich auch als ein erbärmliches, altes Klatschweib, das dem Pöbel des Zeitgeistes die Füße leckt. Mag er laufen, ich werde an ihn schwerlich je wieder schreiben und womöglich auch nicht mehr denken.
    Münster, 2. April 1846


  • # Levin Schücking:
    Levin Schücking

    [Valerian von Schlettendorf vor dem westfälischen Adel:] Es ist ein großer Trieb im Menschen, sich in die Klientel Mächtiger zu begeben. Benutzen wir ihn. Die Regierung hält das Volk in Ordnung, aber sie hat kein Ohr für das Gemüt, für die Poesie und das innere Leben der Nation. Bemächtigen wir uns dieses Gebiets. Vertreten, schützen wir es, machen es geltend, wo die Bürokratie es unterdrückt. O, Sie sollten sehen, zu welcher Macht im Staate uns das erheben würde! Man würde sich um uns scharen, man würde uns zujauchzen, ganze Gaue würden unter uns sich ihre Schutzherren wählen. Wie konstitutionelle Häuptlinge würde jeder von uns ein ganzes Volk hinter sich haben, das ihm vertraute. Es käme nur darauf an, dem Volk zu zeigen, daß wir für seine Zwecke, seine Sympahtien tätig seien, daß wir unserer Gutseingessessenen Wohl vor allen Dingen im Auge hätten, dass wir begriffen auf ihrer Wohlhabenheit, ihrem Reichtum beruhe der unsere; ferner dass wir den Gebildeten zeigen, wir vertreten eine Idee im Staate, wir wären uns einer edlen Aufgabe bewußt gworden; dass wir endlich allen zeigen, wir hätten unsern irrenhauswürdigen Hochmut abgelegt, und dass wir jeden unter uns aufnähmen, der sich bis zu uns zu erheben weiß […] Der Bürokratie oder einer radikalen Opposition könnten wir mit einer Macht entgegentreten, die beide Feinde niederhielte. Mein Gott, welche Kräfte stehen uns nicht zu Gebot. Welcher materielle Reichtum, den wir nur halb ausbeuten, welche Intelligenz, die wir nicht zum Viertteil in unseren Köpfen ausbilden, welche unabhängige, edle, kernhafte, zum Wirken im größten Kreis geschaffene Naturen sind nicht unter uns!
    Aus: Die Ritterbürtigen, S. 84 – 85


  • # Christoph B. Schlüter:
    Christoph B. Schlüter

    Kaum hatte ich begonnen, die Annehmlichkeiten einer einseitigen Korrespondenz zu kosten, und war eben im Begriff, eine solche durch ein neues Briefchen an Sie fortzusetzen, als Sie mir mit Ihrem lieben sehr langen, aber auch, trotz allen Leides, sehr erfreulichen Brief in die Quere kamen, aus dem Ihr ganzes früheres Vertrauen und Ihre mir so teure warme Freundschaft mir wieder einmal entgegen atmet. Es ist doch angenehmer, zu antworten als ins Blaue hineinzureden, was einem in den Mund kommt; ich tue daher das Erstere, wenn auch in Eil, höchstens zum Teil das Letztere.

    Liebes Fräulein, das gedruckte Ereignis, worüber Sie klagen, ist auch uns, d.h. mir, Theresen, Vater und Mutter sehr nahe gegangen, und es hat uns indigniert; es ist aber kein welthistorisches, selbst nicht im literarischen Sinne; es wird schneller spurlos verschwinden, als Sie denken und sich vergänglicher erweisen, als alles Fleisch und des Grases Blume. Um etwas dauerndes zu schreiben, fehlen dem Schreiber, der wohl Esprit, aber eigentlich keinen Geist hat, die Form, mehr der Gehalt, und so ist es mir ein ästhetisch aufgestutztes, grandioses Geklatsch, das er auf den Jahrmarkt bringt, zum Scherz zu viel, zum Ernst zu wenig.

    Von Herzen hab ich mich daher gefreut und auch die Meinen haben es durchaus gebilligt, wie Sie und Ihr guter und edler Bruder die Sache betrachten und Sie nehmen wollen; so ist es gut, und so ist es zugleich klug, und, wie mir scheint, einzig recht. Kein graues Haar also fortan darüber sich wachsen zu lassen!
    Münster, 19. April 1846