Peinliche Lage

Von Annette von Droste-Hülshoff
14. Mai 1846

Ich erhielt gestern einen mir peinlichen Brief von Gottfried Kinkel aus Bonn, er beabsichtigt den so oft fehlgeschlagenen Versuch eines „Rheinischen Jahrbuchs“ wieder aufzunehmen, und bittet mich, Westfalen darin vertreten zu helfen, beruft sich auf unser beiderseitiges nahes Freundschaftsverhältnis zu Junkmann, übergeht gänzlich, dass ich seine protestantisch gewordene Frau (die Johanna Mockel) früher sehr genau gekannt habe, und zeigt eben hierdurch, für wie aufgebracht er mich (mit Recht) über diesen Schritt hält. Kurz, sein ganzer Brief ist der Art, dass er einerseits durch dringende Bitte, sehr bescheidene Anforderungen und kräftiges Fürwort mir das Abschlagen fast unmöglich macht, und anderseits den Verdacht katholischer Krassheit, die den Zorn über die Verfehmte auf ihren unschuldigen Mann, der doch rein als literarischer Unternehmer auftritt, ausdehnen könnte, durchscheinen läßt, so dass ich, eben im Interesse unserer religiösen Stellung, ihm ganz gewiss etwas schicken würde, hätte ich mir nicht selbst den Weg verbaut, dadurch dass ich, um mit dem Kölner Feuilleton auf eine unanstößige Art auseinanderzukommen, dem DuMont auf seine Bitte um fernere Beiträge (die nicht unbeantwortet bleiben konnte, da Geld beilag, dessen Empfang angezeigt werden musste) geantwortet, „dass eine größere Arbeit mich vorläufig schwerlich zu kleineren Gedichten oder Aufsätzen, wie das Feuilleton sie verlange, werde kommen lassen“.

Schicke ich nun dem Kinkel etwas, so liegt meine Abneigung gegen das Feuilleton völlig, und die gegen seinen Redakteur wenigstens halb am Tage. Schicke ich nichts, so bin ich, und mit mir die katholische Partei, ebenfalls bittern Folgerungen ausgesetzt, und komme mit meinem größeren Werke (was mich übrigens wirklich beschäftigt) schwerlich durch, da Kinkel leider durch Junkmann Kunde von manchem noch Unedierten erhalten hat? Wissen Sie mir Rat zu geben, liebster Freund?

Rüschhaus, etwa 14. Mai 1846

Mehr über die Adressatin/den Adressaten: Christoph B. Schlüter
Hintergrund: Auf die Anfrage Kinkels, dem Annette kritisch gegenübersteht, lässt sie Elise Rüdiger antworten. Schücking stellt Kinkel schließlich die beiden Gedichte "Der sterbende General" und "Silvesterabend" zur Verfügung.