1838 19.Juli

Mit der äußeren Ausstattung des St. Bernhard bin ich sehr zufrieden, sie ist in der Tat sehr anständig, einen einzigen Druckfehler habe ich gefunden, der aber den Sinn nicht entstellt und mir somit keinen Kummer macht. Er kömmt vor bei der Szene im Grabgewölbe: „So liegen Sie, und keine Träne Rann auf die bleiche Wange noch“, statt dessen steht „Kam auf die bleiche Wange noch“. Dies macht einigermaßen den Eindruck, als erwarte man, dass die Leichen weinen sollten, dahingegen das rann das Hinabträufeln fremder Tränen deutlicher bezeichnet; doch das macht wenig und ist ohne Zweifel meine undeutliche Schrift schuld daran.

Was mich mehr betrübt, ist, dass ich jetzt überzeugt bin, zuviel gestrichen zu haben, geschrieben sieht alles so lang und breit aus, und die Schwierigkeit und Langsamkeit des Entzifferns dehnt es noch mehr; gedruckt steigen sich die Gedanken und Bilder wie einander auf die Schultern, und ich fühle, dass ich manchen Situationen nicht die zeit gegönnt habe, in lebhafte Anschauung überzugehn, brevis esse volo, obscura fio; doch es muss schon so bleiben bis zu einer etwaigen zweiten Auflage. …

Wegen der geistlichen Lieder ist mir ein kleiner Skrupel gekommen, d.h. wegen einer Stelle. Wenn ich mich nicht irre, ist das Lied vom Feste des süßen Namen Jesu mit unter den zum Druck bezeichneten, und jetzt fällt mir hintennach ein, dass in der letzten Strophe ein Ausdruck immer größten Skandal gegeben hat, und zwar unter meinen nächsten Angehörigen, die ich am wenigstens kränken möchte. Es heißt dort, „und ich soll, o lieber Jesu mein, die Gesunkne, treulos aller Pflicht, dennoch deines Namens Erbin sein“ et cet. Den Ausdruck Gesunkne wollten nun alle unpassend und doppelsinnig finden, und nach dem Sinne, den ich beim Schreiben allerdings nicht geahndet habe, sie aber als sehr naheliegend erklärten, kann es ihnen freilich keineswegs angenehm sein, ihn der beliebigen Auslegung eines ganzen Publikums anheimzustellen; ist der Druck also noch nicht soweit vorgerückt, so verändern Sie, ich bitte dringend, die Zeile dahin: „ich, die Arme, treulos aller Pflicht“ oder, wenn Ihnen das nicht gefällt, auf andere beliebige Weise. Ich hasse nichts mehr als Verdruß im Hause. Ist es aber schon gedruckt, nun! in Gottes Namen!

Daß „Die Sterne“ nicht aufgenommen sind, danke Ihnen der Henker; ich habe ja noch in der letzten Stunde unseres Beisammenseins erklärt, dass ich das Lumpending nicht gedruckt haben wollte, aber Sie machen mit mir, was Ihnen beliebt, Sie kecker, übermütiger Patron! Hätte ich Sie nicht so lieb, so wollte ich Ihnen jetzt tüchtig die Haare scheren, die meinigen standen mir zu Berge bei dem Gedanken, wie wenig daran fehlte, dass mich dieses verhaßte Geisteskind, dessen ich mich gänzlich glaubte abgetan zu haben, auf eine so schmähliche Weise wieder an sein Dasein erinnert hatte.

Daß „Die Gräfin“ ebenfalls ausgemerzt ist, steht mir ganz wohl an. Sie werden sich erinnern, dass ich immer behauptet habe, sie stehe dem durchgängig ernsten und einfachen Sinne der ganze Sammlung zu fern, und wahrlich ist dieses der Grund, der auch Sie jetzt bestimmt hat.

Abbenburg, 19. Juli 1838

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1 Anmerkung

  • # Christoph Bernhard Schlüter:

    Ich beginne mit dem wichtigsten, nämlich: mit der neu gegossenen durch Krankheit der Gesellen des Schriftgießers sehr verspäteten 2,5 Zentner wiegenden Schrift, welche Ihnen sofort begreiflich machen wird, warum und mit wie großem Grund und Fug man die typisch meachnische Vervielfältigung eines Autormansukripts schlechtweg Druck genannt hat; so wie die nächste Vorrichtung zu diesem Zweck die Presse oder Preßbengel. Schon gestern Morgen in aller Frühe nun war es, wo die Hände eines geschickten Setzers genannte wunderschöne Typen nach Ihrer Gedanken und Phantasien leicht beweglichem Sinn und Willen in Bewegung zu setzen und zu reihen begonnen hatten, damit etwa am Montag benanntes Erdschweres Blei für den bis dahin Ihren ätherleichten Gedanken geleisteten Gehorsam sich dadurch schadlos halten möge, dass es erstens sich auf den Kopf stellt, zweitens die Verneinung verneinend das Gegentheil von dem sage was ihm, dem nur in der Perversität konsequenten eingeprägt ward, drittens, dass es den Schatz Ihrer ätherischen Ideen und Bilder gleichsam wütend in die Erde vergräbt und Bogen für Bogen vom Haupte schüttelt und mit bleiernen schwarzen Füßen, unwissend was es tut, in den Grund tritt und quetscht, als wollte es sie vernichten. … Ich fahre prosaischer fort, nächsten Montag erfolgt hoffentlich der erste Bogen.

    … was werden Sie sagen, wenn Sie vernehmen, dass weder die Sterne noch die Romanze von der Goldberingten Gräfin in die erste Ausgabe, so wie jene gegenwärtig sind, aufzunehmen uns gut geschienen? Warum das eine und das andere darüber später mündlich. Von den geistlichen Poesien dagegen werden alle uns gestatteten d.i. etwa 10 oder 12 entschieden die Sammlung zieren.
    Münster, 8. Juni 1838

    Postscript
    Ich glaube Ihrem Wunsch und Willen entsprochen zu haben, indem ich meine Sendung an Sie, liebes Fräulein, bis auf das wirkliche Erscheinen des ersten Druckbogens Ihrer Gedichte warten ließ. Junkmann, Hüffer und ich haben es uns angelegen sein lassen nach Kräften Druckfehler zu entfernen und die zu reichlich angebrachte Interpunktion, namentlich Commata und Ausrufungszeichen geziemend zu mindern und zu reduziren; wir hoffen auf ein Zeichen Ihrer Zufriedenheit mit unserer Arbeit …
    Sonnabend den 16. Juni 1838