Wie die Bornstedt nie schreiben wird

Von Annette von Droste-Hülshoff
27. Januar 1839

Die Bornstedt überschüttet mich fortwährend mit Briefen und Gefälligkeiten, und ich sehe sie, wenn ich mal (sehr selten) nach Münster komme, obgleich sie mir, unter uns gesagt, immer weniger gefällt. Ich fürchte, ihre Frömmigkeit ist großenteils Poesie und Phantasie, obgleich sie wirklich den besten Willen hat, aber sie steckt voll halb berlinischer, halb französischer Schwächen und erinnert mich unzähligemal an die Gauthier.

Schücking möchte ich gern wohlwollen, da ich weiß, dass er mich seiner seligen Mutter so ähnlich findet, was ihm in seiner Verlassenheit ein großer Trost ist und mich rührt, und da er zudem ein so rein moralischer, gescheuter und gelehrter Mensch ist, aber es wird mir schwer, er ist mir gar zu lapsig, weibisch, eitel, erinnert mich zu oft an August Wilhelm Schlegel, dessen Karriere er auch wohl machen wird, wenigstens im kleinen, da er bereits ein gesuchter Mitarbeiter an allen kritischen Blättern ist und seine Rezensionen in andern …

Bei der Rüdiger habe ich noch eine Person kennenlernen, die mir sehr gefällt und zum Besuch dort ist, ein altes Täntchen, Schriftstellerin aus früherer Zeit, verwachsen und so schwächlich, dass, wenn sie mit in der Gesellschaft sein will, sie sich erst mehrere Stunden vorher hinlegen muss, sehr klug, sehr blöde und demütig, die Freundlichkeit und Güte selbst, hält sich für nichts, nimmt überall den geringsten Platz ein und ist doch die Verständigste von allen. Die Rüdiger hat sie überaus lieb und geht sehr nett und kindlich mit ihr um. Die Bornstedt aber verachtet sie als ein altes Hutzelchen und eine Person von veraltetem, schlechtem Geschmack, was sie in ihrem Übermut und Duselei auch gegen die Rüdiger geäußert und sich dadurch, wie ganz billig, eine schlechte Note gemacht hat. Die Bornstedt bat mich, eigentlich aus reiner Mokerie, die alte Dame doch zu bitten, mir ihr Bändchen Erzählungen (das einzige, was sie geschrieben) zu leihen, das mache ihr solche Freude. Ich tat es, weil ich sie wirklich zu lesen wünschte, und fand sie so gut, wie die Bornstedt nie schreiben wird.

Jenny hat kürzlich geschrieben. Sie ist wohl mit den Ihrigen und freut sich sehr auf unsern Besuch, den Mama ihr angekündigt hat, aber, liebe Sophie, da liegen noch große Steine im Wege. Vorerst habe ich dieses Jahr gar kein Geld. Ich stand doch schon schlecht mit meinen Finanzen, und nun ist das Porträt ein Kniestück geworden und hat mir acht Louisdor gekostet, was mir arg im Beutel klappern würde, wenn nur etwa darin wär‘, was klappern könnte. So aber klappert es in dem Gelde, was ich in Zukunft erst bekommen werde, und ich kann im nächsten Quartal nicht mal meine Rechnungen bezahlen, viel weniger das Kostgeld an Mama. Gegen den Mai bin ich noch nicht aus meinen Schulden, wovon soll ich denn reisen?

Rüschhaus, 27. Januar 1839

Hintergrund: Zur Jahreswende 1838/39 gründet Elise Rüdiger in Münster einen literarischen Zirkel, dem Luise von Bornstedt, Levin Schücking, Carl Carvacchi, Hermann Besser, Wilhelm Junkmann und die Droste angehören.
Ein Kniestück ist die Wiedergabe einer porträtierten Person bis zu den Knien.