Schücking führt ein Leben en grand seigneur

Von Annette von Droste-Hülshoff
14. November 1845

… ich habe doch einen Brief vom 2ten Oktober zu beantworten, wo mir Schücking die „neue Wendung seines Schicksals“ ankündigt, und sich so hin und her dreht, dass ich denken soll, er habe erst jetzt, auf Dumonts Antrag, Cottas Dienst verlassen, während dies doch ganz gewiss schon im Frühling der Fall, und sein ganzer Aufenthalt in Bonn bloß auf die Bewerbung um Püttmanns Stelle berechnet war. Ob gegenseitige Unzufriedenheit im Spiele war, weiß ich nicht, Schücking ist seiner Stellung aber offenbar völlig überdrüssig gewesen – er ist wieder so eilig und läßt Luisen seinen Brief beenden, und sie schreibt mit einiger Bitterkeit: „Der Abschied von Augsburg und unsern dortigen Freunden tut uns beiden schwer leid! einen so angenehmen Zirkel, eine so herzliche Aufnahme finden wir nicht wieder; Levin sieht das jetzt erst recht ein, ich habe es immer gefühlt, und mit dankbarem Herzen anerkannt.“ Dann schreibt sie von ihrer schönen großen Wohnung in Köln, die aber allerdings auch, wie alles dort, sehr teuer sey. Junkmannen findet sie höchst liebenswürdig und originell, auch sehr heiter, nach Levins Versicherung viel heiterer als in Münster; und die Lombard, mit der sie verschiedene Landpartien gemacht, höchst gebildet und artig.

Wegen Paulinens solle ich mich nicht ängstigen (schreibt wieder Schücking). Sie sei reichlich mit Gelde versehn, obwohl sie alle Welt in Briefen anbettele, er habe auch noch vierzehn Taler für sie in Köln bezahlt, obgleich er wisse, dass sie mindestens 60 Reichstaler in der Sparkasse stehn habe et cet. Ich fürchte, er steckt selbst in Schulden; denn er spart nirgends. Zuerst die Reisen! dann sein glänzendes Auftreten in Bonn, wo, wie ich höre, ihn jedermann für steinreich hält! und nun wieder der neue Anlauf zum großen Leben in dem großen teuren Quartier, wie soll das von 1000 Reichstalern kommen? d.h., wenn nicht der Frau Vermögen allmählig drein geht.

Die 1000 Reichstaler selbst sind mir noch ein bischen problematisch. Mir schreibt er auch „1000“, seiner Tante Padberg aber nur „600“ – hat er bei mir, aus Prahlerei oder um meinen Vorwürfen zu entgehn, übertrieben? oder bei der Padberg sich zu klein gemacht, um nicht seine münsterschen Schulden bezahlen und für Paulinen sorgen zu dürfen? oder hat er bei mir alles zusammen gerechnet, Feuilleton, Rheinisches Jahrbuch und vielleicht noch den mutmaßlichen Ertrag seiner Aufsätze? Möglich sind die 1000 Reichstaler übrigens allerdings, da, wie mir Annchen Junkmann sagt, ein Freund ihres Bruders, Brüggemann, der jetzt die Redaktion der Kölner Zeitung übernimmt, dafür „2000“ von Dumont erhalten wird.

Könnte Schücking nun nur seine Veränderlichkeit bezwingen und sich etwas nach der Decke strecken, so wäre er geborgen, aber ich fürchte, Köln wird ihm noch eher alt wie Augsburg, und mit dem Hin-und Herlaufen und Leben en grand seigneur geht es endlich doch auf seines Papas Schicksal los. Mama fürchtet dies auch …

Mehr über die Adressatin/den Adressaten: Elise Rüdiger
Hintergrund: Am 1. November 1845 tritt Levin Schücking seine Tätigkeit für das Feuilleton der "Kölnischen Zeitung" an, er folgt dort dem Redakteur Hermann Püttmann.
Schückings Vater Paulus Modestus hatte 1837 seine Ämter als Richter und Amtmann verloren - wohl aufgrund seiner selbstherrlichen Art.