Kategorie: Briefe an Elise Rüdiger



aus: 1846, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Junkmann soll in Bonn sehr vergnügt sein. Er hat mir kürzlich geschrieben, und ich zögere mit der Antwort, um es weniger auffallend zu machen, wenn ich auf keinen seiner Briefpunkte eingehe. Ich fürchte, er kömmt oder ist bereits in schlechten Händen, ich meine denen der Demagogen, der eine Redakteur der “Kölner Zeitung”, Brüggemann (ein berüchtigter Demagog, unter dem das Blatt bereits eine sehr böse Richtung soll genommen haben) ist sein intimster Freund, und in seinem Briefe steht: “Schaffen Sie sich das Vorurteil aus dem Kopfe, als hätte ich politische Vorurteile; Ja! politische Einsicht habe ich, und politischen Spott, mehr als man in Westfalen vertragen kann, und die sogenannte katholische Partei. Aber was kann man dafür, wenn man klüger ist als andre? Ich habe das durch Leiden, durch Studien, durch ausgebreitete Bekanntschaft mit allen Parteien mir erworben.” Erkennen Sie unsern frommen Junkmann darin wieder?

Nehmen Sie dazu, dass ich ihm, seit er fort ist, nicht geschrieben, folglich zu dieser Verwahrung nicht die mindeste Veranlassung gegeben habe. Ich fürchte, das böse Gewissen spricht aus ihm, und er weiß sich bereits als den Verfasser des einen oder andern anrüchigen Aufsatzes. Für die schlesische katholische Zeitung scheint er schon mal gar nicht mehr zu passen. Auch sonst deutet Manches darauf hin. Sein Hauptumgang ist (außer Simrocks) im Kinkelschen Hause. (Für einen Stockkatholiken doch nicht grade passend.) Sein Briefstil ziemlich burschikos und impertinent. Ich habe ihm ein Exemplar meiner Gedichte versprochen und müsse es ihm schicken, denn er habe kein Geld, und es sei mir ein Leichtes, in Deiters Laden zu gehn (er nimmt also an, ich müsse das Buch kaufen). Auch “eine Perle aus meinem in den Kaisergräbern gefundenen Rosenkranze” verlangt er, und “wolle ich dem Buche meinen Namen einschreiben oder ein Brieflein beifügen, so werde ihm das um so angenehmer sein, jedoch, mit oder ohne Brief, solle ich ihn nicht zu lange warten lassen.” Diese sind zwar die auffallendsten Sätze, und es steht noch allerlei dazwischen, wodurch sie getrennt und deshalb weniger auffallend, aber sonst nicht besonders gemildert werden. Klagen über Schücking, der ihn an seinem ins “Rheinische Jahrbuch” aufgenommenen Gedichte vieles verändert, et cet.

Mir hat der ganze Brief einen höchst unheimlichen Eindruck gemacht. Großer Gott! dass alle Dichter doch so wandelbar sind! Daß man auf nichts bei ihnen bauen kann! Keine jahrelange Kenntnis ihres Charakters! Ich fürchte, und wahrlich mit großer Betrübnis, dass Junkmann über kurz oder lang auch zu denen gehören wird, die ich wünschen muss, nicht so genau gekannt zu haben.

Für jetzt werde ich ihm noch alles Verlangte schicken, mit Übergehung seiner Briefpunkte von allen Bekannten erzählen, aber mich schon streng hüten, eine Meinung auszusprechen. Das alte Vertrauen ist hin! Wer hätte das noch vorm Jahre gedacht!

Rüschhaus, 30. Januar 1846

aus: 1846, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Sie wissen, Lies, ein bißchen miserabel bin ich immer, sticht’s mich hier nicht, so kneipt’s mich dort, z. B. jetzt seit drei Wochen im Ohr, macht einen Lärm wie drei Pulke Kosaken und mich nebenbei so dumm, dass man Mauern mit mir einrennen könnte. Wahrhaftig, Lies, Sie würden mich nicht wiedererkennen – ein kompletter Wechselbalg! Stocktaub auf einem Ohre, und hat man mir endlich das Nötigste eingeschrieen, so begreife ich es noch nicht mal, weil mir immer wie unter dem Schaffhauser Wasserfalle ist. Man sagt, die Geschwulst werde nun bald durchgehn, proficiat! Mag sie’s tun, heimlich oder öffentlich, ich werde ihr keinen Steckbrief nachschicken! …

Ich war aber auch übel daran. Krank und voll Herzensangst, denn Werner war von einem Hunde gebissen, den man für toll hielt, und von unserm Heinrich war die Nachricht aus München gekommen, dass er so schwer am Schleimfieber erkrankt sei, dass man ihn habe ins Hospital bringen müssen. Das war doch wohl genug um einen so kranken Kopf wie den meinigen total konfus zu machen! Acht Tage lebten wir so in der Angstschwebe, dann kamen von allen Seiten Erleichterungen, einige Zeilen vom Heinrich selbst, der zwar noch im Hospital, aber bedeutend besser ist. Auch der famose Hund wurde endlich eingefangen und ist gottlob nur ein ordinärer bissiger Köter; am selben Tage wurde auch die Geschwulst in meinem Ohr entdeckt, mir zum großen Trost, denn bis dahin glaubte ich an ein Kopfübel und phantasierte von Schlagfluß und Verrücktwerden. Und wie denn Gutes wie Schlimmes immer zu Haufen kömmt, so segelte am selben Tage ihr liebes liebes Briefchen mit seiner niedlichen Fracht ein, spät und einsam. … mein Lies, wie wohl tun sie mir durch Ihre Briefe! Das ist die rechte und in diesem Regenwinter einzige Abendröte, die zuweilen in mein Stübchen fällt, das über Tag jetzt gar nicht heimlich, sondern recht düster und grau ist, abends dagegen, beim Ofengeflacker und Lampenlicht, wieder so wohnlich, dass ich meine, Sie könnten nirgends besser sitzen, und auch nirgends lieber. Ach! kommen Sie nur bald, bestes Herz! Ich freue mich nicht allein so ungemein darauf, sondern auch Mama von ganzem Herzen, und ist schon jetzt daran, alle andern uns annoncierten Besuche durch Briefe, bongré malgré, in den Februar und März hinein zu nötigen, damit schöner langer freier Raum für Sie bleibe. Auch den Reiseplan hat sie mit einer Art Begeisterung ergriffen und ist sehr angenehm gespannt auf die Bekanntschaft Ihrer lieben Mutter! Ich verspreche mir himmlische Freuden von dieser Reise, aber die Hauptsache ist und bleibt mir doch immer Ihr Aufenthalt hier.

Kommen Sie nur recht zeitig, Mama rechnet auf ein langes Stück Besuch, deshalb messen Sie mit der möglichst längsten Elle, die Münsterschen Freunde werden doch nur zu viel herunterzwicken …

Rüschhaus, 26. Januar 1846

aus: 1845, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

… ich habe doch einen Brief vom 2ten Oktober zu beantworten, wo mir Schücking die “neue Wendung seines Schicksals” ankündigt, und sich so hin und her dreht, dass ich denken soll, er habe erst jetzt, auf Dumonts Antrag, Cottas Dienst verlassen, während dies doch ganz gewiss schon im Frühling der Fall, und sein ganzer Aufenthalt in Bonn bloß auf die Bewerbung um Püttmanns Stelle berechnet war. Ob gegenseitige Unzufriedenheit im Spiele war, weiß ich nicht, Schücking ist seiner Stellung aber offenbar völlig überdrüssig gewesen – er ist wieder so eilig und läßt Luisen seinen Brief beenden, und sie schreibt mit einiger Bitterkeit: “Der Abschied von Augsburg und unsern dortigen Freunden tut uns beiden schwer leid! einen so angenehmen Zirkel, eine so herzliche Aufnahme finden wir nicht wieder; Levin sieht das jetzt erst recht ein, ich habe es immer gefühlt, und mit dankbarem Herzen anerkannt.” Dann schreibt sie von ihrer schönen großen Wohnung in Köln, die aber allerdings auch, wie alles dort, sehr teuer sey. Junkmannen findet sie höchst liebenswürdig und originell, auch sehr heiter, nach Levins Versicherung viel heiterer als in Münster; und die Lombard, mit der sie verschiedene Landpartien gemacht, höchst gebildet und artig.

Wegen Paulinens solle ich mich nicht ängstigen (schreibt wieder Schücking). Sie sei reichlich mit Gelde versehn, obwohl sie alle Welt in Briefen anbettele, er habe auch noch vierzehn Taler für sie in Köln bezahlt, obgleich er wisse, dass sie mindestens 60 Reichstaler in der Sparkasse stehn habe et cet. Ich fürchte, er steckt selbst in Schulden; denn er spart nirgends. Zuerst die Reisen! dann sein glänzendes Auftreten in Bonn, wo, wie ich höre, ihn jedermann für steinreich hält! und nun wieder der neue Anlauf zum großen Leben in dem großen teuren Quartier, wie soll das von 1000 Reichstalern kommen? d.h., wenn nicht der Frau Vermögen allmählig drein geht.

Die 1000 Reichstaler selbst sind mir noch ein bischen problematisch. Mir schreibt er auch “1000″, seiner Tante Padberg aber nur “600″ – hat er bei mir, aus Prahlerei oder um meinen Vorwürfen zu entgehn, übertrieben? oder bei der Padberg sich zu klein gemacht, um nicht seine münsterschen Schulden bezahlen und für Paulinen sorgen zu dürfen? oder hat er bei mir alles zusammen gerechnet, Feuilleton, Rheinisches Jahrbuch und vielleicht noch den mutmaßlichen Ertrag seiner Aufsätze? Möglich sind die 1000 Reichstaler übrigens allerdings, da, wie mir Annchen Junkmann sagt, ein Freund ihres Bruders, Brüggemann, der jetzt die Redaktion der Kölner Zeitung übernimmt, dafür “2000″ von Dumont erhalten wird.

Könnte Schücking nun nur seine Veränderlichkeit bezwingen und sich etwas nach der Decke strecken, so wäre er geborgen, aber ich fürchte, Köln wird ihm noch eher alt wie Augsburg, und mit dem Hin-und Herlaufen und Leben en grand seigneur geht es endlich doch auf seines Papas Schicksal los. Mama fürchtet dies auch …

Rüschhaus, 14. November 1845

aus: 1845, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Lieb Lies, ich plage mich wie ein armer Hund mit meinen schlechten Stahlfedern und habe schon ein ganzes Kästchen durchprobiert, aber alle wollen entweder die Dinte nicht lassen, oder haben immer von Neuem Haare im Schnabel, als wenn ihnen ein Bart nachwüchse. Glückselig, wer mit Gänsekielen schreiben kann! ich kann’s nicht, denn ich verstehe sie nicht zu schneiden, und Mama ebensowenig.

Rüschhaus, 14. November 1845

aus: 1845, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

In meinem Weinberge hat es heuer wenige und essigsaure Trauben gegeben. Alles verregnet! Doch elf Ohm Wein gemacht, gleich von der Kelter den Ohm zu 17 Gulden verkauft und somit, nach Abzug aller Kosten des Jahres, doch noch gegen sechzig Taler reinen Überschuß. Immerhin noch ein schöner Zins von 400 RT.! Und zwar in einem völligen Mißjahr. Ein gutes oder nur leidliches habe ich noch nicht gehabt. Das vorige war bekanntlich auch sehr schlecht, aber doch besser und hat mir 95 RT. reinen Ertrag gebracht. Wenn das am dürren Holze geschieht, so sind mir wirklich einige sanguinische Hoffnungen auf das grüne wohl zu verzeihen.

Zwar habe ich eigentlich nichts davon, da ich, etwas voreilig generös, mich sogleich aller Vorteile begeben, zum Besten der Zwillingsmädchen, denen das kleine Besitztum dereinst zufallen soll. So sind Verwaltung und Ertrag gänzlich in Jennys Händen, die letzteren zur Verbesserung und Vergrößerung des Grundstücks verwendet, eine zwar nur mündliche, aber doch selbstgemachte Anordnung, von der es mir, außer im höchsten Notfalle, doch etwas sehr schimpferlich wäre, abzugehn.

Den einzigen Vorteil für mich könnte mir vielleicht dereinst das Häuschen bringen, wenn eine traurige, aber doch endlich unausbleibliche Veränderung meiner Lage mich nötigen sollte, Rüschhaus zu verlassen, wo ich dann jedenfalls zu alt und krücklich sein würde, um mich zwichen dem jungen Schwärm in Hülshoff heimisch zu fühlen.

Rüschhaus, 13. November 1845