Sehnsucht nach dem alten Ding

Von Annette von Droste-Hülshoff
11. November 1845

Annette von Droste-Hülshoff, Daguerreotypie Daß ich etwas krank und furchtbar apprehensiv gewesen bin, werden Sie schon durch Nanny und Luischen wissen; doch das ist jetzt vorüber, und ich will das gute Papier nicht mit all den Übeln, die ich hätte haben können und gottlob nicht gehabt habe, verderben, sondern Ihnen lieber danken, so gut ich kann, aber lange nicht so gut ich möchte, für die Treue, mit der mein altes liebes Lies mir seine Brieftäubchen zuflattern läßt. Altes Ding! Wie sie so brav ist, und wie lieb ich sie habe! Ich will mir auch gar keine neuen Freundinnen wieder anschaffen, außer Nanny und Luischen, mit denen ich von Ihnen phantasieren kann. Das tun wir denn auch dermaßen, dass ich zuweilen meine, die Pferde gingen mit uns durch.

An Elise in der Ferne
Mit meinem Daguerrotyp
 Zum ersten Mal im fremden Land
 Sucht dich mein Geist an diesem Tag
 Muß ängstlich spähen, scheu und zag
 Eh er die liebe Schwelle fand.
 Das stille Zimmer kenn ich nicht
 In dem zu dir mein Schatten tritt
 Mit leisem luftgem Geisterschritt
 Und dämmernd wie ein Elfenlicht,
 Du schaust ihn an, er schaut seitab
 Als such in ungeborner Zeit
 Für seiner Treue Seligkeit
 Er sich den frommen Zauberstab
 Der aus dem Keim die Blüte ringt
 Erweckt den Nachtigallenschlag
 Und auch den lieben warmen Tag
 Der ihm sein Liebstes widerbringt.

Luischen war zweimal hier, und das letzte Mal Nanny mit ihr; es ging prächtig. Mama war rayonnante vor Vergnügen und hat mir diese beiden Damen dringend zum Umgang empfohlen, ist das nicht himmlisch? Nanny gestand mir, dass sie Manschetten vor mir gehabt, aber sie jetzt völlig abgelegt habe. Wir waren seelenvergnügt, ein Kleeblättchen wie an einem Stiele gewachsen. Notenblätter, die Elisentrios zum Besten gaben, dass Ihnen in Minden die Ohren müssen davon geklungen haben. Vor uns mein brauner Tisch, blank von Daguerreotyps; drei von Ihnen, eins von Nanny und zwei von mir (eins en profil, das andre en face). Beide Freundinnen stimmten für das erste, und so schicke ich es Ihnen denn, damit ich an unserem Namensfeste doch auch bei Ihnen bin wie Sie bei mir.

Ach Lies, wie wunderlich kömmt es mich doch an, dass ich mein kleines Geschenk nach Minden adressieren muss! wo ich nichts kenne, weder Zimmer, noch Aussicht, noch irgendeine von den Menschenseelen, die Ihnen heute mit mir Glück wünschen! Nanny und Luise brachen beinahe in Tränen aus, als sie Ihre Bilder durch die Lupe ansahen: „Ach Gott, nun ist sie es erst recht! Das sind gerade ihre Augen! und der Mund!“´- Das ist ganz ihr Gesichtchen!“ Die lieben Kinder waren nachher eine Weile so rot und still, und mir selbst wurde so sehnsüchtig, dass wir fast ein Trio geweint hätten, aber es war noch ein bißchen falscher Scham zwischen uns, und keine wollte dem Anstand so ins Auge schlagen.

Mehr über die Adressatin/den Adressaten: Elise Rüdiger