1837 24.Oktober

Schlüters waren hier, und Junkmann auch. Es geht ihnen wohl. Sie wollen durchaus, ich solle den Barry in Münster bei Hüffer herausgeben. Ich habe wenig Lust dazu. Hast Du jemals gewußt, dass Hüffer, derselbe demagogische Hüffer, seines Zeichens ein Buchhändler [ist]. Ich habe gedacht, er wäre Regierungsrat oder so etwas, aber er hat die Aschendorffsche Buchhandlung. …

Es ist jetzt ein Sohn der Katharine Busch in Münster, Du weißt wohl, derselbe Levin, der früher bei Specht war. Er ist in einer übelen Lage. Sein Vater, der immer ein mauvais sujet war und, wie die Jungblut uns wohl sagte, bloß seiner Frau zuliebe noch nicht abgesetzt war, ist es jetzt wirklich und auf dem Punkte, nach Amerika zu gehn. Levin will ihn nicht begleiten, weil er für das, was er gelernt hat, dort kein Brot finden würde. So sitzt er in Münster, wartet auf Gottes Barmherzigkeit und gibt seine letzten Groschen aus, aber was soll er machen? Er läuft genug um eine Stelle als Hofmeister, ist aber schon zweimal abgefahren, erste bei Erbdrosten (von denen wieder einer fortgeht, mit demselben Streit und Aufsehn wie die vorigen) und dann bei Westphalens. Er ist betrübt, er soll sehr brav sein und ausgezeichnete Kenntnisse besitzen, aber er sieht aus und hat Manieren wie ein Stutzer oder vielmehr wie Theodor Murdfield in seinem Alter, dem er jetzt ungeheuer gleicht. Es freut mich, dass seine Mutter das nicht mehr erlebt.

Rüschhaus, 24. Oktober 1837

Mehr zum Adressaten: Therese von Droste
Hintergrund: Levin, der 1814 geborene Sohn der verstorbenen Katharine Schücking, kehrt nach seinem Jura-Studium 1837 nach Münster zurück und nimmt Kontakt zur Droste auf. Kennengelernt hatten sich beide bereits 1830.

1 Anmerkung

  • # Levin Schücking:
    Levin Schücking

    Annette von Droste war etwa zweiunddreißig Jahre alt, als ich sie zum ersten Male sah. Es war im Frühjahr 1830. Aus den Heiden- und Sandsteppen des nördlichsten Westfales, die wie eine schauerliche Wüste die grüne Park-Oase meines Heimathauses umgeben, war ich, mit fünfzehn Jahren, von meinen Eltern auf das Gymnasium der Landeshauptstadt gesandt und hier einem geistlichen Herrn in speziellen Obhut anvertraut worden. Ein Brief meiner Mutter, deren Geistesleben und nicht gewöhnliches, in jener Zeit unsrer engern Heimat hochgestelltes dichterisches Talent in den vom Minister Fürstenberg in Münster versammelten Kreisen oder durch deren Einfluss geweckt war, empfahl mich der ihr befreundeten Dichterin. Beider Freundschaft war durch M. Sprickmann, den Genossen des Hainbundes, Verfasser der berühmten Münsterschen Schulordnung usw. vor Jahren vermittelt. …

    So wanderten wir an einem schönen Frühlingsnachmittage zum Tore hinaus – in nordwestlicher Richtung … Durch ein Gehölz endlich führte der Weg, dann durch eine kurze Eichenallee, zuletzt an ein hohes hölzernes Gittertor, das den Übergang über einen schmalen Graben abschloss, welcher letztere den kleinen Edelsitz „Rüschhaus“ umgab. Das Gebäude hatte etwas Eigentümliches; es hatte wenig gemein mit den anderen adeligen Häusern, wie sie gewöhnlich in unserem Lande aussehen; es war ein Bau, vollständig wie das echte altherkömmliche sächsische Bauernhaus, nur mit dem Unterschiede, dass es größer und ganz massiv von Steinen aufgeführt war, und dass es an der entgegengesetzten Seite, an seinem Ende, zu einer sehr hübschen, wenn auch kleinen, herrschaftlichen Wohnung ausgebaut war. Dieser Seite schloss sich ein Garten von mäßigem Umfange an, den einige alte Steinfiguren schmückten. Eine hohe Treppe führte aus diesem, von Wasser und Gehölz umgebenen Garten in den Gartensalon mit seinem Lambrisgetäfel aus braunem Eichenholz, mit seinem Rokokokamin, über dem das lebensgroße Bildnis eines unserer früheren Landesfürsten hing; an der Wand rechts schien eine große Doppeltüre ein Büfett oder irgendein Hausgeheimnis zu verbergen – ein solches steckte in der Tat dahinter, aber kein Büfett, sondern ein hübscher Altar; an Sonn- und Feiertagen ließ sich so der Gartensalon in eine Hauskapelle verwandeln.

    Wir fanden die Frau vom Hause und ihre beiden Töchter daheim in einem Wohnzimmer neben dem Salon versammelt; die jüngere von diesen, eine kleine, zart und leidend aussehende Dame mit merkwürdigen blauen Augen, im einfachsten hellen Hauskleide, nahm mit einer gehaltenen Freundlichkeit meinen Brief entgegen und heftete dann ihre großen, redenden Blicke eine stumme Pause hindurch forschend auf den etwas blöde vor ihr stehenden Gymnasiasten, dessen Bekanntschaft ihr durch dies Schriftstück vermittelt wurde – Vielleicht dachte sie, dass unsere Sitte, sich unbekannte Individuen beiderlei Geschlechts mit Empfehlungsbriefen zuzusenden, ohne vorherige Anfrage um Erlaubnis, ihre bedenkliche Seite habe. … Was sie aber auch denken mochte, sie schien die Verpflichtung zu fühlen, etwas für die Unterhaltung des jungen Menschen zu tun, und zu dem Ende, da ein ernsthafterer Gedankenaustausch nicht das zweckmäßigste Mittel scheinen mochte, zeigte sie mir eine höchst kunstreiche Arbeit, die sie kürzlich gemacht hatte.
    Aus: Annette von Droste. Ein Lebensbild. 1862