Für Ihren Charakter fürchte ich nichts

Von Annette von Droste-Hülshoff
10. Oktober 1842

Sie haben doch wohl bei Beendigung des Halbjahrs nicht versäumt, sich bündig fest zu stellen? Ich bitte, antworten Sie mir hierauf, denn ich bin in großer Unruhe deshalb; ohne dieses könnten Sie um alles kommen, und selbst ein schriftlicher Kontrakt kann unter Umständen trügen, wie ich Ihnen früher ein Beispiel vom alten Steinmann angeführt. Sind Sie aber noch nicht gebunden und fürchten Veränderungen, die Ihre ohnedies delikate Lage bis zum Bedenklichen, ich wage es zu sagen: bis zum fast Unehrenhaften steigern könnten, so bitte ich Sie, um alle der treuen Sorge und Liebe willen, die ich Ihnen immer bewiesen, sprechen Sie es ehrlich gegen mich aus, und ich will dann mein möglichstes tun, Ihnen durch August, der ja jetzt alle sein Konnexionen wieder im Gange hat, eine gleich gute Stellung aufzufinden; er hat Sie lieb und vermag viel, wenn nicht politisch und im allgemeinen, doch im einzelnen und mündlich durch den klaren bon sens seiner Darstellungsgabe. Die sehr gute Sekretär- und späterhin Justizratstelle bei der Gräfin Stolberg-Stolberg z. B. wäre Ihnen nicht entgangen, wenn die Agnaten nicht mit einem lange vorher gewählten Bewerber durchgedrungen wären. In diesem Falle dürften Sie jedoch den einen Faden nicht loslassen, bis Sie den andern in der Hand hielten, und könnten nur die Saumseligkeit des Fürsten benutzen.

Sind Sie aber schon gebunden, nun, dann muss ich alles in Gottes Hand stellen und hoffen, dass er mir nicht den für meine Kräfte zu schweren Kummer auflegen wird, Sie durch meinen Rat ins Unglück gebracht zu haben. Für Ihren Charakter fürchte ich nichts, einem edlen Gemüte kann diese krasse Verderbtheit nur Ekel erregen, und die Freundin und Stellvertreterin Ihrer Mutter ist Ihnen hoffentlich auch zu lieb, als dass Sie nicht immer gern mit freiem Mute an sie denken möchten.

Mehr über die Adressatin/den Adressaten: Levin Schücking