Meine eigentliche Liebhaberei

Von Annette von Droste-Hülshoff
27. Oktober 1845

Ich werde diesen Winter sehr einsam verleben. In meinem Alter nimmt die Lust, neue Bekanntschaften zu machen (und Du weißt, diese war bei mir nie groß), gewaltig ab, und mein früherer Zirkel ist gänzlich aufgelöst, auseinander gestäubt wie ein Haufen Flaumfedern. Die gute Rüdiger war mir noch zuletzt geblieben, ist aber seit vierzehn Tagen auch fort, nach Minden, wohin ihr Mann mit gleichem Range, aber einer Gehaltsverbesserung versetzt ist. Die Einsamkeit wird mich nun zwar eben nicht genieren (Du weißt, sie ist eigentlich meine Liebhaberei), aber doch vermisse ich einige der alten Bekannten sehr ungern, namentlich eben die Rüdiger, eine Frau, auf die ich mich in jeder Beziehung verlassen, und immer ihrer wärmsten Teilnahme gewiss sein konnte. Doch Du kennst sie ja, und sie hat Dir, wenn mir recht ist, auch wohl gefallen.

Von Adelen weiß ich nur, dass sie noch fortwährend in Rom bei der Mertens und ihre Gesundheit jetzt leidlich sein soll. Mit ihrem Privatvermögen mag es schlimm genug aussehn, doch muss sie durch ihre Pension vom Weimarischen Hofe (300 Reichstaler) immer vor eigentlicher Not gesichert bleiben, freilich ein schmales Einkommen! aber ein einzelnes Frauenzimmer, der schon ihr Alter Zurückgezogenheit als das Passendste vorschreibt, kann sich doch damit einrichten, dass kein eigentlicher Mangel fühlbar wird.