1828 2.November

Ich habe dir unser Rüschhaus schon öfters beschrieben. Du weißt, dass der Raum beschränkt, unsre ganze Lebensweise höchst einfach ist. Kennte ich mein Minchen nicht so genau, ich dürfte gar nicht sie einzuladen wagen. Aber nun weiß ich, dass ich es darf, und meine noch wohl gar, Du würdest Geschmack an unsrer Art zu sein finden.

Meine Mutter und Schwester sind den ganzen Sommer hindurch abwesend gewesen, zu Bökendorf nämlich, und ich erwarte sie morgen zurück. Ich dachte in dieser Zeit recht viel zu arbeiten, vor allem zu schreiben, aber, wie man zu sagen pflegt, Gott und gute Leute haben mir drüber weggeholfen, d.h. Gott hat mir Augenschmerzen geschickt, und recht gute liebe Leute, nämlich die Schwester und Nièce der Äbtissin Decken haben mir die Zeit dazu genommen, durch ihren mehrmonatlichen, mir übrigens sehr erfreulichen, Aufenthalt bei mir. …

Den 12ten. Ich habe lange pausiert, wie Du siehst, mein bestes Minchen, Du darfst aber die Schuld nur auf meine Augen schieben, und nicht auf mich. Meine Mutter und Jenny sind derweil zurückgekehrt, und alles geht wieder auf dem alten Fuß. Jetzt will ich auch wieder arbeiten, sobald ich darf nämlich. Du weißt, dass ich ein Gedicht unter der Feder habe, welches auf dem Sankt Bernhard spielt, und Deine liebe Julie war schon in Godesberg so gütig, mir einige Notizen über jene Gegend und das Kloster mitzuteilen. Da ich aber damals nicht die Zeit fand, sie niederzuschreiben, und die Unruhe und Zerstreuung der Reise nicht nicht alles so fest hat halten lassen, als es sonst wohl meinem vortrefflichen Gedächtnisse eigen ist, so wird Deine liebe Tochter wohl so gütig sein, mir einige Fragen über die Gegenstände, so wie sie grade unmittelbar in das Gedicht eingreifen, zu beantworten.

E i n Augenpaar noch offen steht.
Nachlässig, in verklommten Händen,
Der Mönch des Glockenstranges Enden,
Sich auf und nieder windend, dreht.
Ermüdung kämpft in seinen Zügen,
Die Nacht ist streng, der Dienst ist schwer.
Wie die Gedanken abwärts fliegen,
Er wirft den düstern Blick umher,
Zumeist sein Auge ist gericht’t
Doch immer auf den Estrichgrund,
Wo ew’ger Lampe schlummernd Licht
Geträumet hat ein mattes Rund.
In dieser toten Einsamkeit
Der Bruder sich des Schimmers freut.
Er weiß es selbst nicht, wie ihm ist,
So öd, so öd zu dieser Frist.
Das Dunkel, das im Bethaus waltet –
Der leeren Bänke Reihn – ein Bild,
Das scheinbar aus der Nische quillt –
Und von der Decke hochgestaltet
Manch grauer Heil’ger zürnend schaut–
Zudem – das Eis an Wänden hängt,
Vom Glockenstuhl ein Luftzug drängt,
Wie endlos Bommeln überm Haupt
Schier die Geduld dem Bruder raubt.
Ob denn die Stunde nimmer endet?

aus: Das Hospiz auf dem
Großen St. Bernhard

Der zweite Gesang des Gedichts nämlich spielt im Kloster selbst und beginnt damit, dass ein Mönch in der Nacht im Turm in der Kirche steht und läutet. Das Gewand der Mönche ist mir bekannt, sie sind Bernhardiner, und die Tracht des Ordens überall gleich. Aber über das Innere der Kirche und Sakristei wären mir einige Bemerkungen sehr lieb, ja sogar unumgänglich notwendig. Ob sie groß, wie ihre Form, einige besondere Particuliaretés, z.B. wenn sich irgend auffallende Gemälde darin befinden, oder ein besonderes Heiligenbild usw. Denn da ich nachher diesen Mönch mit seiner kleinen Laterne durch die Kirche ins Kloster zurückkehren lasse und die Beschreibung dieses nächtlichen Ganges einen nicht unbedeutenden Punkt der Erzählung ausmacht, so kann ich nicht umhin, mich so genau wie möglich über die Lokalität zu unterrichten.

Ich bin nicht so unbescheiden, eine förmliche Beschreibung dieser Gegenstände zu verlangen, nur einige Andeutungen, damit ich nicht z.B, von den hohen Gewölben der Kirche rede, wenn die Mönche vielleicht nur eine kleine Betkapelle besitzen, oder von den Bildern, auf welche der Schein der Laterne fällt, wenn überall nichts als glatte Mauern zu finden sind. Auch wünschte ich zu wissen, ob der Weg von der Kirche ins Kloster über einen freien Hofraum oder bloß durch Gewölbe oder Gänge führt.

Nachher ziehn die Mönche aus, um einen Verunglückten zu suchen – könnte ich nicht erfahren, wie sie sich bei solchen Gelegenheiten kleiden? Sie führen ohne Zweifel Alpstöcke bei sich, aber auch sonst eine besondere Art von Fuß- oder Kopfbedeckung, zum Schutz gegen die Kälte? und Werkzeuge oder sonstige Hülsmittel, die für ihren Zweck passen? was z.B. wird wohl angewandt, um die Verunglückten fortzuschaffen? Tragbahren? oder wollene Decken? große Leintücher? Auch weiß ich nicht, ob es irgendein Mittel gibt, was in solchen Fällen gleich auf der Stelle angewandt wird, oder ob man die Erfrornen erst ins Hospital bringt, eh etwas geschen kann.

Wenn die Mönche ausziehn, so hätte ich gerne eine Idee von dem Wege, der aus dem Kloster ins Freie führt; vom St. Bernhardsberge selbst habe ich eine recht genaue Beschreibung, doch weiß ich nicht, ob die Oberfläche deselben auf malerische Weise von hervorragenden Felszacken unterbrochen wird, oder ob sie eine einförmige, Wüsten ähnliche Schneemasse darbietet. Ist das Schneehuhn dort heimisch?

Das sind viele Fragen, mein liebes Minchen, und ich fürchte, mich sehr unbescheiden auszunehmen, aber, wie gesagt, ich wünsche nur einen oberflächlichen Bescheid, auf manche dieser Frage ist ein einfaches ja oder nein hinreichend, und ich muss mich zu dieser Bitte an die liebe Julie entschließen oder das ganze Gedicht liegen lassen, da ich alle diese genannten Gegenstände, nach dem Plan des Gedichts, nicht unberührt lassen kann. Ich bin zufrieden, wenn Julie mir ganz kurz bemerkt, z.B. die Kirche ist groß und länglich, der Hochaltar mit gedrehten Säulen und Verguldung, an einem Nebenaltar ein altes schwärzliches Mariebild mit dem Kinde et cet. Du siehst wohl, liebes Herz, wie ich es meine, nicht viel, aber die Hauptpunkte, doch werde ich jede genauere Angabe mit dem größten Danke annehmen.

Rüschhaus, 2. November 1828