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Es wird bald Zeit sein, unsre Koffer wegzuschicken

(…) Die Tante von Bonn und Marie sind noch hier, wollen aber in acht Tagen abreisen, — Tony hat ihnen einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht, — sie wollte mitreisen, und Mama, da sie klagte wie ein Bettler an der Straße, die Reise für sie bezahlen, — Tony ging indessen vorläufig auf einige Tage nach Loburg zu Beverförden, wo auch Tante Engel und, wahrscheinlich, mehrere der jungen Herrn waren, — aus den Tagen wurden Wochen, wir hörten und sahen nichts von ihr, — indessen setzte die Tante ihre Abreise auf den 6ten fest, — sie wollte über Wesel und dann .mit dem Dampfboot gehen, — ich mußte wegen Tony’s Weiterreise nach Aachen an die Mertens schreiben, die sich aufs höflichste erbot, Tony bey ihrer Ankunft in Cöln in Empfang und auf einige Tage mit sich nach Plittersdorf zu nehmen, bis sie sie, auf eine passende Art, nach Aachen befördern könnte, et cet.

Indessen saß Tony noch immer in Loburg, — Jenny schrieb ihr nun, und zwar 10 Tage vor dem angesetzten Termin der Abreise, — und nach ein paar Tagen war Antwort da, — ganz vornehm, kalt und flüchtig — sie könne diese Gelegenheit nicht benutzen, und sich unmöglich so schnell zur Abreise aus dem lieben Münsterlande entschließen, im Gegenteil habe sie sich vorgenommen, die möglichst längste Zeit dort zu bleiben, sie verlasse sich darauf, daß sich noch immer Gelegenheiten genug bis Cöln finden würden, z.b. die Generalin Hoffmann et cet.

Aus mehreren andern Stellen des Briefes scheint es ziemlich deutlich hervor, daß sie gar nicht abzureisen gedenkt, sondern hier im Lande herum zu schmarotzen so lange es gehn will, obgleich sie es nicht gradezu sagt – Werner hat indessen Line und Uns Allen feierlich erklärt, “wenn sie im Sommer zu ihm komme, so könne er nichts dagegen machen, obgleich er sie, mit keinem Wort, einladen werde, aber des Winters wolle er sie, auf keinem Fall, wieder im Hause haben, und nehme lieber, auf der Stelle, eine Stapel zu sich” — aber so wie ich Tony kenne, wird ihm das nichts helfen, sie wird, mit der liebenswürdigsten Unbefangenheit, erklären, “daß sie gar keine Umstände, und sich, im Notfalle, nichts daraus mache, mit der Stapel, den ganzen Winter über, in einem Zimmer, oder gar einem Bette zu schlafen”

Mama ist sehr böse über diese Geschichte, und will Tony’n, auf ein anderes Mal, kein Reisegeld geben, – ich sage, sie wird es auch nicht können, wenn sie es nicht vorläufig thut, denn wenn Tony jemals an eine Abreise denkt, so sitzen wir dann doch längst in Nizza, — aber wer weiß, ob wir sie nicht, bey unsrer Zurückkunft, noch antreffen, dann kann Mama ihr Geld doch noch anbringen – dieTante ist desolat, — ihr ganzer Reiseplan zerstört, und sie wird am Ende doch wohl zur Schnellpost sich entschließen müssen, so hart es ihr auch, — mit Marie allein — ankömmt.

Neues gibt es hier nichts sonderliches, denn daß die Oer und die Romberg beide niedergekommen sind, Jede mit einem kleinen Mädchen, und sich auch beide, – nach den letzten Nachrichten, vor acht Tagen, – ganz über Erwarten gut befinden, wird Euch wohl so wenig eine Neuigkeit mehr sein, als uns — Jenny denkt auch noch an Euch beide zu schreiben, ich glaube aber nicht, daß sie dazu kömmt, den sie hat von Mahler Zumfelden ein Zeichenbuch mit allerliebsten Landschäften geliehen, was sie vorgestern bekommen, und heute Mittag wieder abliefern muß, sie arbeitet also wie ein Pferd, um in der Geschwindigkeit noch allerlei daraus zu copiren, was ihr allerdings nicht nur nützlich, sondern höchst nötig ist, wenn sie unter Weges Gegenden aufzunehmen gedenkt, denn Zumfelden macht, vorzüglich, sehr guten Baumschlag, was Jenny noch so gar nicht verstand —

Was unsre Reise anbelangt, so erwarten wir Fritz mit Ungeduld, denn es wird bald Zeit sein unsre Koffer wegzuschicken, — ich fürchte Fritz wird Anstoß an der Begleitung der Fräulein Bothmer nehmen, obgleich sie ein gutes, artiges, sehr junges, sehr hübsches, und sehr reiches Mädchen sein soll, – allerdings ist eine solche Person in einem Familienwagen höchst überflüssig, — man kann nicht halb so frei reden, aber, da sie sich selbst angeboten hat, und so gut freund mit Marie ist, sehen wir nicht ein, wie wir vorbey kommen sollen, und daß sie den fünften Theil der Kosten trägt, ist doch auch ein kleiner Trost.

Ist es denn wirklich und gewiß wahr, daß von Offenbach die Effekten in vier Wochen nach Nizza überkommen? — und sind die Gelegenheiten dort so häufig, daß man immer auf eine rechnen kann, wenn man seine Sachen schickt, und nicht riskieren muß, daß sie vielleicht erst mehrere Wochen dort liegen? — wir möchten dieses gerne ganz genau wissen, eh wir Uns entschließen unsren Koffer diesen Weg nehmen zu lassen, — um so mehr da wir nicht allein über die Spedition von Bonn aus genauere Nachrichten haben können, und also keine Mißverständnisse und Verzögerungen befürchten dürfen, sondern auch es schwer halten wird, die Effekten von hier bis Offenbach zu bekommen, wenn wir sie nicht so weit über die Post senden wollen, — frage Onkel Werner doch genau hiernach — doch ich besinne mich eben, daß der ja auch wohl nichts wissen wird, als was in dem Briefe von Becker steht, den er uns geschickt hat, — somit ist diese ganze lange Brühe umsonst, — aber Jenny, der, in diesem Augenblick, auch aller Verstand in die Bleifeder gefahren ist, hat mir die Frage dictirt — adieu, bestes Sophiechen, ich will aufhören, da ich Dir doch gleich wieder schreibe, wenn Bönninghausen zurück ist, adieu mein altes Tierchen.

deine Nette

(am oberen Rand der ersten Seite) Tausend Grüße von Mama und Mir an Alle Lieben Bökendorfer, Mama trägt mir auf, auch noch Asseburg besonders grüßen zu lassen von Ihr, da sie, in ihrem letzten Briefe, Alle genannt, und ihn grade vergessen habe, adieu adieu

Eine hier angesprochene gemeinsame Reise über Nizza nach Rom ist eine Idee Werner von Haxthausens. Der Onkel würde gerne seine Schwester Therese und deren Töchter, Jenny und Annette, mitnehmen. Ihre Gesundheit macht Annette von Droste jedoch einen Strich durch die Rechnung.