Das alte Vertrauen ist hin!

Von Annette von Droste-Hülshoff
30. Januar 1846

Junkmann soll in Bonn sehr vergnügt sein. Er hat mir kürzlich geschrieben, und ich zögere mit der Antwort, um es weniger auffallend zu machen, wenn ich auf keinen seiner Briefpunkte eingehe. Ich fürchte, er kömmt oder ist bereits in schlechten Händen, ich meine denen der Demagogen, der eine Redakteur der „Kölner Zeitung“, Brüggemann (ein berüchtigter Demagog, unter dem das Blatt bereits eine sehr böse Richtung soll genommen haben) ist sein intimster Freund, und in seinem Briefe steht: „Schaffen Sie sich das Vorurteil aus dem Kopfe, als hätte ich politische Vorurteile; Ja! politische Einsicht habe ich, und politischen Spott, mehr als man in Westfalen vertragen kann, und die sogenannte katholische Partei. Aber was kann man dafür, wenn man klüger ist als andre? Ich habe das durch Leiden, durch Studien, durch ausgebreitete Bekanntschaft mit allen Parteien mir erworben.“ Erkennen Sie unsern frommen Junkmann darin wieder?

Nehmen Sie dazu, dass ich ihm, seit er fort ist, nicht geschrieben, folglich zu dieser Verwahrung nicht die mindeste Veranlassung gegeben habe. Ich fürchte, das böse Gewissen spricht aus ihm, und er weiß sich bereits als den Verfasser des einen oder andern anrüchigen Aufsatzes. Für die schlesische katholische Zeitung scheint er schon mal gar nicht mehr zu passen. Auch sonst deutet Manches darauf hin. Sein Hauptumgang ist (außer Simrocks) im Kinkelschen Hause. (Für einen Stockkatholiken doch nicht grade passend.) Sein Briefstil ziemlich burschikos und impertinent. Ich habe ihm ein Exemplar meiner Gedichte versprochen und müsse es ihm schicken, denn er habe kein Geld, und es sei mir ein Leichtes, in Deiters Laden zu gehn (er nimmt also an, ich müsse das Buch kaufen). Auch „eine Perle aus meinem in den Kaisergräbern gefundenen Rosenkranze“ verlangt er, und „wolle ich dem Buche meinen Namen einschreiben oder ein Brieflein beifügen, so werde ihm das um so angenehmer sein, jedoch, mit oder ohne Brief, solle ich ihn nicht zu lange warten lassen.“ Diese sind zwar die auffallendsten Sätze, und es steht noch allerlei dazwischen, wodurch sie getrennt und deshalb weniger auffallend, aber sonst nicht besonders gemildert werden. Klagen über Schücking, der ihn an seinem ins „Rheinische Jahrbuch“ aufgenommenen Gedichte vieles verändert, et cet.

Mir hat der ganze Brief einen höchst unheimlichen Eindruck gemacht. Großer Gott! dass alle Dichter doch so wandelbar sind! Daß man auf nichts bei ihnen bauen kann! Keine jahrelange Kenntnis ihres Charakters! Ich fürchte, und wahrlich mit großer Betrübnis, dass Junkmann über kurz oder lang auch zu denen gehören wird, die ich wünschen muss, nicht so genau gekannt zu haben.

Für jetzt werde ich ihm noch alles Verlangte schicken, mit Übergehung seiner Briefpunkte von allen Bekannten erzählen, aber mich schon streng hüten, eine Meinung auszusprechen. Das alte Vertrauen ist hin! Wer hätte das noch vorm Jahre gedacht!

Mehr über die Adressatin/den Adressaten: Elise Rüdiger
Hintergrund: Karl Heinrich Brüggemann, vom 1. November 1845 bis 1855 Chefredakteur der "Kölnischen Zeitung", hat in Berlin den "Zentralverein zum Wohl der arbeitenden Klassen" mitbegründet; er gilt, auch nach seiner Mitwirkung beim Hambacher Fest 1832, als Revolutionär, und ist dem Adel ein Dorn im Auge. Nicht zuletzt seine Berufung zum Leiter der Kölnischen Zeitung veranlasst Annettes Bruder Werner, ihr die weitere Mitarbeit an dem Blatt zu untersagen. Johann Gottfried Kinkel ist als Liberaler bekannt und mit einer geschiedenen Katholikin verheiratet.