Briefe zum Schlagwort Freundinnen
Aber, lieb Herz, was schreiben Sie mir von der Möglichkeit einer Trennung! Glaubte ich es, so würde mir todangst; indessen haben Sie dies so oft, gottlob umsonst, gefürchtet, dass der Gedanke gar nicht bei mir haften will. Warum sollte R[üdiger] vom neuen Oberpräsidenten (den wir noch nicht mal erraten können) zurückgesetzt werden? Von einer Spannung zwischen R[üdiger] und Devigneau haben Sie mir freilich schon früher gesagt, aber übrigens ist die allgemeine Stimme so für R[üdiger]. Ich habe seiner, sowohl was Charakter als Kenntnisse und Fleiß anbelangt, nie anders als mit ausgezeichneter Achtung erwähnen hören (und ich bin oft in diese Gelegenheit gekommen), so dass ich meine, Devigneau kann es nicht wagen, einen so allgemein geschätzten und langverdienten Mann zu kränken.
Geschähe es indessen, so wären wir beide allerdings übel dran. Ich noch mehr wie Sie, denn in Ihrem Alter schließt man sich noch leichter an, und Sie kämen jedenfalls in Verhältnisse, die Ihnen neue Bekanntschaften aufnötigten, wo sich dann wohl auch Gutes fände. Aber ich wäre in der Tat recht sehr verlassen. Schlüters kommen so gar nicht mehr und haben soviel Neues angeknüpft, schreiben auch nicht mehr. Ich kann leider nur noch wenig von ihnen erwarten. So sind Sie, mein Lies, unter allen Selbstgewählten mir als das Liebste und Letzte geblieben, und ich müßte ohne Sie gleichsam von meinem eigenen Blute zehren!
Nein, Lies, so schlimm schickt es mir der liebe Gott nicht. Ich will und muss das Beste hoffen. Kommen Sie denn wirklich nicht mehr in diesem Jahre? Aber doch gewiss zu Anfang des nächsten? Ich habe Sie jetzt schon solange entbehrt und hätte oft viel um eine Stunde Beisammensein gegeben,
Ich habe Sie ungeheuer lieb, Lies, aber, kurios, je lieber Sie mir werden, je mehr schäme ich mich, es Ihnen zu sagen, wenigstens schriftlich. Gute Nacht, mein süßes Herz, gute Nacht!
Rüschhaus, 12. Dezember 1844
Viel Glück zum neuen Jahre, mein altes Lies! Das vergangene ist nicht eben zu loben, Ihnen hat es viele äußere und innere Stürme gebracht, mir eine lange Krankheit und doch auch manche Erschütterung, und so steht’s mit fast allen, die uns nahe sind. Möge das begonnene friedlicher sein! Und um ihm den möglichst vorteilhaften Anstoß zu geben, fange ich es mit einem Briefe an diejenige an, von deren Liebe ich seine besten und innigsten Momente erwarte. Nicht wahr, mein Lies? Treu bei Sonnenschein und Schnee, in guten und bösen Tagen? In Leiden uns auf den andern gestützt, die Freuden doppelt genossen, und wenn’s uns beiden schlecht gehn sollte, doch wenigstens noch einander gehabt! So wär’ es doch ein Wunder, wenn zwei so zähe Planken wie wir sich nicht leidlich über dem Wasser halten sollten! Wüßten die Egoisten, welcher große Frieden in der Treue liegt, sie bekehrten sich alle dazu. Treue kann ja nie schaden, selbst die verratene nicht, denn sie gibt ein gutes Gewissen, und somit das Beste, was irgend eine Zeit bringen kann.
Wir leben hier so ruhig voran, ohne sonderliche Abwechslung. Ich sitze wie eine Maus im Loche in meinem Turme und knuspere eine Nuß nach der andern aus Laßbergs Bibliothek, zuweilen mit recht harter saurer Schale, und auch der Kern erinnert mich oft an unsrer lieben Vorfahren rohe Eicheln, aber was tut man nicht der Ehre wegen! Droben geht’s derweil bunt zu, die gelehrten Besuche treten sich fast einander die Schuhe aus, wovon ich mir denn nachher bei Tische erzählen lasse und bis jetzt noch keinen Namen gehört habe, der es mir leid machte, dass ich nicht zur Hand war. Lauter Professoren X., Y. und Z.
Mir fehlt hier gar nichts wie Sie, aber Sie fehlen mir arg, und ich kann kaum ein Dampfboot aus meinem Fenster heranbrausen sehn, ohne in Gedanken nach meiner Lorgnette zu greifen, ob Sie vielleicht auf dem Verdecke stehn. Das alte Lied hat wohl Recht: “Oh, glaubt es mir, die Liebe, sie macht die Menschen dumm!” oder zerstreut vielmehr, löst die Seele vom Leibe und macht zweihundert Stunde[n] zu einem Katzensprung.
Wir haben jetzt Schnee, ich folglich Anlage zum Rheumathismus und habe seit vierzehn Tagen meine lieben Gänge am Strande aufgeben müssen, aber der See liegt unter meinem Fenster, und jeden Nachmittag sind Sie meine Fata Morgana. Altes Lies! Gott segne und erhalte Sie!
Aber was treiben Sie? Sind Sie hübsch fleißig? Ist Ihnen Freiligraths Lob nicht ein mächtiger Sporn? Mag er immerhin etwas einseitig sein und, da die Glanzseite seines Talents durchaus mehr kräftig darstellend als grübelnd ist, seine Gedichte folglich mehr begeisternd als zum Nachdenken anregend wirken, diese nicht zu so wiederholtem Lesen reizen als andre, aus denen man immer neue Feinheiten picken kann, so bleibt er doch ein gewaltiges, stürmendes, uns alle überragendes Genie und sein Urteil über einen Totaleindruck ohne Frage kompetenter, als das aller derer, die jetzt über ihn her sind. Sie vor allen können sich dieses Erfolgs freuen, da Ihre Schreibart so gänzlich von der seinigen abweicht (insofern man überhaupt Ähnlichkeit zwischen gebundnem und ungebundnem Stil zugibt,) dass hier von keiner Parteilichkeit für den eignen Blutstropfen die Rede sein kann. Nur Mut gefaßt, mein Liebchen! Sie sind nicht die erste und werden nicht die letzte sein, der die Dornenkrone zum Lorbeerkranz wird, und wenn’s nicht anders sein kann, bleibt dies doch immer eine Art von Ersatz, der nur wenigen geboten wird.
Ihre Rezension habe ich gelesen und ganz und gar nicht schlecht gefunden, vielmehr sehr richtig gedacht und sehr gut gesagt, was wollen Sie mehr? und was kann Brockhaus mehr wollen? …
Ich habe doch jetzt grade die Abschrift meiner Gedichte fertig und wollte mich eben über das “Bei uns zu Lande” hermachen. Aber das kann warten; vorgestern, am Silvestertage, habe ich die letzte Zeile geschrieben und bis Mitternacht gearbeitet, weil es mir ominös schien, nicht mit dem Jahre zugleich abzuschließen. Ich hatte eben mein Tintefaß zugemacht und kleidete mich aus, als die Glocke schlug und unter lautem Hurra eine Gewehrsalve die neue Zeit ein- und mein Manuskript tot- oder ihm Viktoria schoß – was von beidem? Ich sehe dem Erfolg so ruhig entgegen, wie dies ohne Affektation möglich ist und befinde mich “den Umständen nach ganz wohl”.
Gestern verging unter Kirchengehn, Besuchen, Neujahr-Abgewinnen, kurz dem ganzen Einzugstrubel der neuen Epoche, und heute läuft wieder alles im alten Gleise, nur dass ich statt Gedichte Briefe schreibe und Laßberg statt seiner geliebten Pergamente mein Manuskript liest und, da der heutige Stil ihm ganz fremd geblieben ist, den Kopf öfter schüttelt als mir lieb ist. Ich fürchte nicht sein Mißfallen, aber seinen Rat; manche Leute empfinden einen mit einiger Überwindung gegebenen und dann vernachläßigten Rat fast so schlimm als eine Ohrfeige, und ich fürchte, Laßberg gehört zu diesen.
Im Ganzen hat er mich heute belobt, aber schon einige Abänderungen vorgeschlagen, die sehr sehr nach der alten Schule schmecken, und mir nebenbei Gellert als den vollkommensten deutschen Stilisten empfohlen. Sie sehn, wo das hinaus will! Es würde mir überaus leid sein, den ritterlichen alten Herrn zu kränken, aber in ganz veraltete Formen kann ich mich doch unmöglich zurückschrauben lassen und sehe somit dem Ende der Lektüre, wo, wie er sagt, wir “das Ganze gemeinschaftlich durchnehmen wollen”, mit großem Unbehagen entgegen.
Sie sehen, lieb Lies, anno 44 fängt bei mir mit einem Paar Stirnrunzeln an: entweder Verdruß im Hause, oder die Kritiker auf dem Nacken. Gott helfe mir durch Scilla und Charibdis!
Meersburg, 2. Januar 1844
Sehr ernst und eigen gestimmt bin ich auch; denn ich habe gestern und heute bis Mittag Papiere durchgesehn und verbrannt, und damit manches Stück Vergangenheit hinter mir geworfen, was, freilich schon seit Jahren mit Gras bewachsen, doch unter dem Lesen wieder so frisch aus dem Grabe stieg, dass ich wollte, ich hätte lieber blind zu gebrannt, dann wäre es wenig gewesen – jetzt ist’s mir wie ein halber Mord. Man liest alte Briefe so selten und für seine Ruhe wohl daran, es gibt nichts Scmerzlicheres. Die Toten bekommen wieder Seele und Leib, wir müssen sie zum zweiten Male begraben, und die Lebenden älter und kälter Gewordenen sehen uns frisch und jugendarm an, berühren so hundert kleine längst vergessene Stichworte, bei denen uns doch einmal das Herz gewaltig geklopft hat, dass wir über sie und uns weinen möchten, dass wir miteinander so ledern geworden!
Was ist aus meinen Jugendfreundinnen geworden? Die eine Hälfte ist ganz in Haus, Wirtschaft, Mann und Kindern aufgegangen, die Andere jetzt gräuliche alte Jungfern, an denen weder die Götter noch Menschen Freude haben können, und in denen nicht mehr Poesie ist wie in einer getrockneten Pflaume.
Es ist doch gut, wenn man die Leute nicht so früh kennenlernt! Das Verblühen des sowohl körperlich wie geistigen Jugenddufts ist gar zu schmerzlich mit zu erleben, und am Ende wüßte man doch mit den jungen Dingern nichts anzufangen, wenn sie wieder so neben einem ständen, und wäre weit entfernt, sich mit ihnen zu liieren; Euch drei, die ich noch habe – Sie, mein Bestes und Liebstes, Adele und Male Hassenpflug – habe ich gottlob in einer Reife kennengelernt, die lange Jahre vorhalten kann. Hoffentlich für immer, obwohl Sie eigentlich hierbei sehr zu kurz kommen können. Denn Sie sind gar jung gegen mich, und es kömmt vielleicht uns beiden eine Zeit, wo Sie selbst noch im Besitz aller Fähigkeiten, mich als eine arme bröcklichte Ruine nur mit Mitleid und Nachsicht ansehen und dabei mehr leiden werden als ich selbst. Mir ist’s mit manchem so gegangen; denn ich habe mich früher immer gerne zu älteren gehalten. Mein armer alter Sprickmann …!
Doch genug hiervon! Laßt die Zeit kommen wie den Tod! Der obendrein vielleicht früher kömmt und die ganze Jeremiade überflüssig macht; aber mir war nunmal so zumute, und gegen wen soll ich mein Herz entladen, wenn nicht gegen Sie, mein anderes Ich, oder vielmehr meine abhanden gekommene Hälfte, da Sie gerade alles haben, was mir fehlt, und was mir so wohl tut, als eine Art von Eigentum in Ihnen an mich zu schließen.
Rüschhaus, 4. September 1843
Mir ist wieder ganz miserabel gewesen, sonst hätte ich deinen lieben herzlichen Brief längst beantwortet, meine alte Billa. Jetzt hat sich mir der Krankheitsstoff wieder auf den Kopf geworfen, der mir den ganzen Tag summt und siedet wie eine Teemaschine – Ohr, Zahn, Gesichtsschmerz – ich möchte mich zuweilen, wie jener Halbgeköpfte (Kindermärchen von Grimm), bei den Haaren nehmen und mein weises Haupt in den Fischteich unter meinem Fenster werfen, wo es ihm wenigstens kühl werden würde. Erwarte also nur konfuses Zeug in diesem Briefe, denn ich bin halb simpel vor Duseligkeit, und muss bei jeder dritten Zeile aufspringen, um das Blut sinken zu lassen.
Heute ist’s doch besser wie seit vier Wochen, und Du magst nur denken, dass ich Dich lieb habe, sonst brächten mich noch keine zehn Pferde zum Schreiben. O Gott, wie wohl tut so ein Moment der Linderung! Und doch riskiere ich ihn gleich an Dich, eine Größe der Liebe, die nur von gleichfühlenden Ohren – respektive Zähnen – gewürdigt werden kann.
Hier würde es mir sonst recht gut gehn, alles ist freundlich, Gegend, Haus, Wetter und Menschen. Haben wir kein Siebengebirge, so haben wir doch sehr anmutige Hügel mit prächtigen Steinbrüchen, wo ich heraushämmern könnte, was mein Herz nur verlangt, und statt eigentlicher Parks doch wenigstens hübsche Spazierwege durch Laub- und Nadelholz, und einige sogar imposante Baumhallen, wo ich sehr gern arbeiten möchte, aber ich bin die arme Seele im Fegefeuer, die aus ihrem Fensterloche alle Welt in Abrahams Schoße sieht, und dabei nur an “einen Tropfen für ihre glühende Wange” denkt.
Den 11ten. Du siehst, mein gut Herz, dass meine Entschuldigungen keine leere Spreu sind; ich habe wieder sechs gezwungene Rasttage ohne Rast machen müssen. Aber genug hiervon, Zahnschmerzen hat ein jeder gehabt, und kann sie sich ohne Beschreibung hinlänglich vorstellen. …
Was Du mir von Deinen Verhältnissen schreibst, alte Billa, hat mich betrübt und sehr gerührt. Ach, das Mein und Dein! Es ist doch wirklich ein Scheidewasser, was alles in der Welt zersetzt! Ich hoffe, dieser Brief findet alles besser wie der Deinige es verlassen hat, jedenfalls bist Du rein aus dem Geschäftsklamme hervorgegangen, denn Deine Vorschläge waren doch gewiss großmütig genug! Und ich habe Dich dafür in Gedanken so fest an mich gedrückt, wie Du es in der Wirklichkeit schwerlich würdest gelitten haben, Du noli me tangere!
Gutes Herz, wärst Du hier, es wäre doch, trotz allen Schmerzen, charmant in Abbenburg. Ich habe hier ein nettes heitres Quartier, unter den Fenstern eine hübsche Blumenterrasse mit Springbrunnen, und allerlei reizende Plätzchen in der nächsten Umgebung, —z. B. gleich vor mir einen Eichwald, mit großem Teiche und Insel darin, wo eine gewaltige Linde ihre Zweige fast auf den Boden senkt, und es sich auf den Sitzen gar anmutig über dem Wasser träumen läßt; dann noch eine andre, etwas entferntere Anlage, die sehr gut unterhalten, aber von niemanden besucht wird, da wäre alles unser Eigen, Baumhallen, Sitze, das hübsche Zelt, bloß für uns Zweie, um es nach Belieben mit den Bildern unsrer Liebsten zu bevölkern, oder zu einer Robinsons-Einsamkeit zu machen.
Ich werde leider täglich mehr zur Fledermaus, zwischen Licht und Dämmerung, das ist meine rechte Zeit, und übrigens allein oder zu zweien, was darüber, ist vom Übel, und ich möchte immer, wie ein travestierter Hamlet, sagen: “Träumen, Träumen! Vielleicht auch Schlafen!” In dem Letzteren bin ich aber viel mäßiger geworden; wie meine Nerven denn überall sich bedeutend stärken, oder vielmehr, seit sie sich in die Ihren und Zähne verkrochen haben, das Übrige freier lassen.
Seit zwei Tagen bin ich ganz allein in Abbenburg, Mama ist in Wehrden bei der Metternich, und übermorgen muss ich auch hin. “Hier laß einen Seufzer fahren, und wenn du kannst, noch einen”, sagt Abraham a Santa Clara. Ich bin nicht gern in Wehrden. Alles ist mir zu ruschlig dort, und vollends die Tante selbst ein wahrer Ameishaufen, alles Leben und Verwirrung, Handlungen, Worte, und wie es mit den Gedanken aussieht, das mag ich den meinigen gar nicht zumuten zu untersuchen, du würdest sie gradeswegs für verrückt erklären, und doch ist’s nur eine tolle Phantasie in einem sehr schwachen Kopfe, die vor fünfzig Jahren den letzten Zügel zerrissen hat und seitdem en carrière durchgeht.
Mama leidet noch immer an ihrem Herzklopfen. Wäre sie hier, Du bekämst Grüße, so schön, wie sie sie selten verschickt. Du hast einen ungeheuren Felsen bei ihr im Brette. Dann steht Adele noch sehr gut, auch die Rüdiger – et voila tout. Im ganzen habe ich Unglück mit meinen Freunden und muss mich oft sehr abäschern, bittre Pillen zu vergülden, oder vielmehr Eispillen, denn anzüglich wird mein Mütterchen freilich nie, aber unser Geschmack läuft in der Regel auseinander wie ein Gabelzweig. Nun Gottlob, dass ich Euch drei wenigstens frei lieb haben darf! Mein guter Blinder läuft auch noch so halbwegs mit durch, und um die andern ist’s mir nicht so viel.
Alte Billa, weißt Du, wie lange wir uns schon lieb haben? Im Herbste werden es achtzehn Jahre, und ich darf schon eine ehrwürdige Anciennität in Anspruch nehmen. Vergiß das nicht zwischen deinen Schwarzaugen, deren Freundschaft kaum trocken hinter den Ohren ist. In sieben Jahren können wir unsre silberne Hochzeit feiern. Mit silbernen Haaren? Ich nicht, ich bin blond, “ewig jung und ewig schön!”, ein geborner Schimmel, aber Du, schwarzer Rappe, magst Dich nur tüchtig aufheitern, wenn Du nicht endlich wenigstens ein Scheck werden willst!
Ach! ich schreibe dummes Zeug, und wozu bist du anders da als um es zu lesen? Wozu hat man Freunde, als um ihnen aufzutischen, womit man andern Leuten nicht kommen darf? Also, mein kleiner schwarzer Araber, wir wollen die sieben Jahre richtig ableben und – wenn’s gelingt – noch fünfundzwanzig dazu, bis zur goldnen Hochzeit, um alles nachzuholen, was wir uns in den achtzehn Jahren mitunter haben ab Händen kommen lassen, allen Mitschmerz, alle Mitfreude, nicht wahr, mein gut Herz? Ich wollte, wir hätten jetzt wieder ein paar von den Bonner Wochen, die wir so schändlich verschleudert haben.
Adie, lieb Kind, schreib bald, und sag’ mir doch auch etwas von Adelen, Ich will ihr zwar selbst in den nächsten Tagen schreiben, aber da sie mit mir auf derselben langen Bank zu liegen pflegt, erwarte ich durch Dich schnellere Nachrichten als direkt von ihr. Will das Übel noch immer nicht weichen? Mir wird doch todangst bei der Sache! Was sagt Wolf jetzt? Und ist’s möglich, dass die Knoten so sitzen bleiben können ohne Verschlimmerung? bitte, sag’ mir Alles was Du weißt, Gutes und Schlimmes. Ich muss mich weit mehr abängsten, wenn ich nicht weiß wie es steht.
[am oberen Rand der ersten Seite] Levin Schücking ist verlobt, mit Fräulein Luise von Gall, in Darmstadt, die ganz hübsche Novellen ins Morgenblatt schreibt – weißt du etwas von ihr, so teile es mir doch mit, ich weiß nichts.
Abbenburg, 5. Juli 1843
Du wirst aus meinem langen Schweigen schon geschlossen haben, lieb Herz, dass es mit der Besserung sehr langsam zugegangen ist. Warum ich Dir nicht durch andre habe Nachricht geben lassen? Weil ich gern zu Dir wollte, lieb Kind, und dachte: “Habe ich erst durch eine fremde Hand aufschreiben lassen, so ist’s rein aus damit.” Du weißt, wie es mit diesen Nervenübeln geht, zuweilen so gute Tage, dass man denkt: “Noch eine Woche crescendo, und ich kann Wind und Wetter ein Schnippchen schlagen”, und dann ist mit einem Male wieder alles nichts! Du begreifst, dass unter diesen Umständen, bei meiner großen Schwäche, die Meinigen (denen sonst, auf Ehre! die Sache ganz recht gewesen wäre) mich nicht fortlassen wollten, da mir ohnedies noch die Anstrengung zweier Reisen bevorsteht, und begreifst auch, dass ich ihnen nicht die Gelegenheit geben wollte, alles rein abzumachen.
Jetzt muss ich dies leider selbst tun, denn die Zeit ist hin, und wir müssen gleich nach Pfingsten nach Bökendorf. Sei meinem Mütterchen nicht böse, liebe Billa, sie hat Dich jetzt sehr lieb, hätte mich sehr gern zu Dir gelassen, aber es ging wirklich nicht, ich wurde immer empfindlicher gegen die äußere Luft; jede Veränderung der Atmosphäre machte mich hundekrank, und noch jetzt, bei der Bökendorfer Reise, wird große Rücksicht darauf genommen werden; wir reisen keinenfalls als bei ganz beständigem Wetter.
Ich kann nicht sagen, Billchen, wie es mich freut, dass Du so gern hier warst; die Leute verdienen es aber auch um Dich. Alles denkt Deiner mit Liebe und einer Art Sehnsucht, alles läßt Dich grüßen, Tony, die Wrede, Heindorf, das ganze Landsberger Personale, Grävenitzen. Alle vereinigen sich in dem Wunsche, Dich auf längere Zeit in Münster zu haben. Ich denke, Du richtest Dich auch noch mal danach ein. Glaub mir, solche einfache Menschen, die weder Dein Geld noch selbst eigentlich Deine Talente suchen, sondern Dich nur persönlich so gar gern haben, sind gewiss die zuverlässigsten, und Du kannst nie in den Fall kommen, durch eine noch glänzendere Erscheinung in Abnahme zu geraten. Das macht mir meine Landsleute grade so lieb, dieser Mangel an arrière-pensées, an sogenanntem “Aufschlagen” mit brillanten Gestalten, was nur bis zum Aufgang der nächsten Sonne Stich hält, gibt ihnen in meinen Augen einen unschätzbaren Wert.
Darum komm, mein Liebchen, sobald Italien Dich losläßt! Auch meine Hoffnungen auf Wiedersehn müssen sich zunächst hierauf gründen. Ach Gott! Das ist eine endlos lange Zeit, und ich zerbreche mir fortwährend den Kopf, wie sie abzukürzen wäre. Wenn ich nach Bonn komme, bist Du nicht da, weder auf der Hin- noch Rückreise. Wenn ich in Meersburg bin (etwa vom Ende Septembers bis zum nächsten Mai oder Juni), steckst Du wahrscheinlich in Rom oder Neapel, oder kömmst Du vielleicht im Frühjahr, wo es dort doch überheiß ist, nach Mailand, Genua, Florenz zurück? In diesem Falle gelänge es mir vielleicht, Dich auf 8 – 14 Tage besuchen zu können, notabene wenn Du häuslich eingerichtet wärst, sonst geht es natürlich nicht an, und ich würde nach zwei bis drei Tagen wieder zurückkehren müssen, was doch, nach so weitem Wege, eine allzu kurze Lust wäre.
Liebes Herz, laß uns dem Glück vertrauen; wir verleben beide die nächsten zwölf Monate en voyageur, da wird man oft wunderlich verschlagen, und kann karambolieren, eh man’s denkt. Laß nur unsern Briefwechsel nicht einschlafen, damit wir immer wissen, wo wir uns zu suchen haben! …
Alte Billa, wie froh bin ich, dass jetzt alles zwischen uns wieder rein und fest ist, ich habe Deine Liebe so schwer und bitter verloren gegeben, soll ich mich denn jetzt nicht freuen? Indessen ist uns doch eine schöne unwiederbringliche Zeit darüber verlorengegangen, und dergleichen darf nicht wiederkommen. Es kömmt auch nicht, diese Überzeugung trage ich in mir, und Du gewiss auch. Wenn nur die schwarzen Südländerinnen meine blonde Figur nicht all zu sehr verschatten! Indessen ich denke: “Da bin ich mal was Extra’s – variatio delectat.”
Lieb Herz, mir liegt fortwährend die Frage nach Deinem Befinden auf der Zunge, und die Scheu, Dich unangenehm zu berühren, drängt sie zurück; aber ich muss doch wissen, wie es steht. … muss fortan wieder alle Deine Sorgen und Freuden teilen, wie früher.
Wahrlich, Billa, unser Verständigen miteinander, das Wiedereintreten des alten innerlich belebenden Verhältnisses hat mir so wohl getan, dass ich ihm allein die bessere Wendung meiner Krankheit zu verdanken glaube. Vorher ließ ich mich sinken, jetzt kämpfe ich gegen den Strom, und werde seiner, wenn auch langsam doch sichtlich, Meister. Ich bin zwar heitern leicht befriedigten Gemüts, aber doch zu einer gewissen Apathie geneigt, die mich dann auch körperlich erschlafft, und Du hast mir die liebste und heilsamste aller Aufregungen gegeben, die auch nachhaltig wirkt, und, in diesem Grade, nur von Dir ausgehn konnte. Alte Billa, freut’s dich auch, dass du mich wieder gesund machst?
Rüschhaus, 24. Mai 1843





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