Ich frisiere an einer geistigen Schwanzperücke

2. April 1846

Von Schlüterchen habe ich vorgestern einen sehr herzlich gemeinten, aber grausam hölzernen scherzhaften Brief in Versen bekommen. Es ist komisch-rührend, auf diesem Meere von Güte und wahrer Kindlichkeit den Philisterzopf so stattlich herumsegeln zu sehn! Die lieben Leutchen denken, ich sei sterbenskrank, weil ich, meiner noch immer hartnäckigen Geschwulst im Ohre wegen, nicht ausgehen kann, und wollen mich nun mit auserlesenen attischen Scherzen erheitern. Ich habe noch nicht darauf geantwortet, will aber nächstens daran und frisiere schon an einer geistigen Schwanzperücke. Rüschhaus, 2. April… Weiterlesen »

Warum haben Sie ihm die kleine Freude nicht gemacht?

11. Februar 1846

Ich habe soeben einen Brief zerrissen, weil er sich gar zu kläglich ausnahm, einen bereits fertigen Brief an Sie, mein gutes Kind, worin ich zur Entschuldigung meines Stillschweigens das ganze Heer von Trubeln und wirklichen Unfällen, das uns seit vier Monaten verstört hat, aufmarschieren ließ. Wozu das? Es ist ja jetzt vorüber, manches am Ende nur leere Angst gewesen, und anderes bereits halb verschmerzt. Lassen Sie mich lieber Ihnen danken für Ihr liebes Geschenk. Wie es mich gefreut hat, mögen Sie daraus abnehmen, dass ich es unter Umständen, die wohl geeignet waren, mich allen Interessen, außer den allernächsten, zu entrücken, bereits dreimal durchgelesen habe. Es ist ein schönes Buch, kein einziges schlechtes oder auch… Weiterlesen »

Die Folgen einer Verwechslung

7. Februar 1846

Wir haben binnen wenigen Monaten viel Angst ausgestanden, doch ist gottlob nur ein Schlag niedergefallen: wir haben den guten Onkel Fritz Haxthausen verloren, ein recht betrübender Verlust, jedoch einer, wie viele im Leben vorkommen und womit man sich abfinden muss. Aber dass Mama und ich, seine einzigen Pfleger – denn er war zuletzt hier in Münster – zwei Monate voraus wussten, er sterbe an Magenkrebs und werde wahrscheinlich zuletzt verhungern, das war sehr hart und überstieg zuweilen, wenn er so geduldig und voll Hoffnung war, wirklich unsre Kräfte. Der Himmel ließ es nicht zum Äußersten kommen, ein Schlagfluss trat früher hinzu. Wohl ein Glück, aber doch ein mit vielem Schrecken verbundenes. Seitdem – auch schon… Weiterlesen »

Eiserne Naturen

7. Februar 1846

Wie gehts Luisen? Wann sieht sie denn ihren neuen Mutterfreuden entgegen? Ich denke sehr viel an Euch und habe immer zwischendurch an Euch gedacht, wenn mir auswärtiges Denken sonst wohl vergehen musste. … Den 11ten. Soeben erhalte ich Ihren Brief. Also ein Mädchen! Nun, Gott segne Mutter und Kind. Ich bin herzlich froh, dass alles so weit ist. Aber mein Lotharchen kömmt nun ganz drunter, der ist nun fortan „der große Junge“ und soll viel verständiger und artiger sein, als er kann. Das leide ich aber nicht. Sie erwähnen des armen Stümpchens gar nicht in Ihrem letzten Briefe; das geht nicht, ein Brief ohne meinen Patenjungen! Versucht er schon, sich auf seine Beinchen zu stellen? Wie geht’s mit dem Zahnen? Und wie mit dem… Weiterlesen »

Mit bekannter Gesinnung

31. Januar 1846

Ach Gott! ich käme gar nicht zu Ende, wollte ich Ihnen alles aufführen, was mich in den letzten zwei Monaten betrübt und geängstigt hat, und so will ich denn auch weiter kein Wort über mein spätes Antworten verlieren. Der Rätin Rüdiger habe ich Ihre Grüße und Entschuldigungen ausgerichtet. Sie war anfangs sehr mißvergnügt in Minden, hat sich aber jetzt ihren kleinen Salon ausgesondert und scheint sich darin zu gefallen. …Von Schlüters höre und sehe ich nichts, weiß aber, dass alle gesund sind und dass vor einigen Wochen ein Besuch nach Rüschhaus von ihnen in Überlegung gezogen worden, aber Wetters und Wege halber nicht zur Reise gediehen ist. … Sie schreiben mir, ich solle nicht vergessen, Simrock grüßen zu lassen…. Weiterlesen »

Völkerfreiheit? Preßfreiheit? Bis zum Ekel gehört!

30. Januar 1846

Schückingen muss ich auch jetzt schreiben, ich bin ihm auf zwei Briefe Antwort schuldig. Der letzte hat mich auch nicht eben gefreut, so freundlich er war, fürs erste schickt er mir seine Gedichte, worin er als entschiedener Demagog auftritt. Völkerfreiheit! Preßfreiheit! Alle die bis zum Ekel gehörten Themas der neueren Schreier. Vorn eine Abteilung „Liebesgedichte“, eingeleitet durch eins an seine Luise, worin er ihr als der echten königlichen Isolde, vor deren Schein alles verbleicht, diesen Abschnitt gleichsam widmet, und dann pele, mele, was er je an Damen geschrieben. Jedes Gedicht bringt ein paar Groschen mehr. Ich suchte aus Neugierde nach einem an die Bornstedt, konnte es aber nicht erraten. Dagegen sind einige mir… Weiterlesen »

Das alte Vertrauen ist hin!

30. Januar 1846

Junkmann soll in Bonn sehr vergnügt sein. Er hat mir kürzlich geschrieben, und ich zögere mit der Antwort, um es weniger auffallend zu machen, wenn ich auf keinen seiner Briefpunkte eingehe. Ich fürchte, er kömmt oder ist bereits in schlechten Händen, ich meine denen der Demagogen, der eine Redakteur der „Kölner Zeitung“, Brüggemann (ein berüchtigter Demagog, unter dem das Blatt bereits eine sehr böse Richtung soll genommen haben) ist sein intimster Freund, und in seinem Briefe steht: „Schaffen Sie sich das Vorurteil aus dem Kopfe, als hätte ich politische Vorurteile; Ja! politische Einsicht habe ich, und politischen Spott, mehr als man in Westfalen vertragen kann, und die sogenannte katholische Partei. Aber was kann man… Weiterlesen »

Sie könnten nirgends besser sitzen!

26. Januar 1846

Sie wissen, Lies, ein bißchen miserabel bin ich immer, sticht’s mich hier nicht, so kneipt’s mich dort, z. B. jetzt seit drei Wochen im Ohr, macht einen Lärm wie drei Pulke Kosaken und mich nebenbei so dumm, dass man Mauern mit mir einrennen könnte. Wahrhaftig, Lies, Sie würden mich nicht wiedererkennen – ein kompletter Wechselbalg! Stocktaub auf einem Ohre, und hat man mir endlich das Nötigste eingeschrieen, so begreife ich es noch nicht mal, weil mir immer wie unter dem Schaffhauser Wasserfalle ist. Man sagt, die Geschwulst werde nun bald durchgehn, proficiat! Mag sie’s tun, heimlich oder öffentlich, ich werde ihr keinen Steckbrief nachschicken! … Ich war aber auch übel daran. Krank und voll Herzensangst, denn Werner war… Weiterlesen »

Die liebenswürdige Bettine …

19. Januar 1846

Ich bin jetzt wieder homöopathisch, der fatale Knoten hat sich fast ganz verloren, aber dafür ist mir seit 14 Tagen das Ohr fast ganz zugeschwollen, es braust mir darin wie ein Mühlenwehr, und ich begreife jetzt wohl, weshalb taube Leute gewöhnlich so einfältig sind, ich bin auch halb simpel. Sonst bin ich diesen Winter ungewöhnlich wohl und habe gar keinen Husten. … Meine gute Rüdiger schreibt fleißig, ist aber mitsamt ihrem Manne sehr mißvergnügt in Minden, und sie arbeiten aus allen Kräften, von dort wegzukommen. Ihr Haus beschreibt sie düster und melancholisch, wie einen Kerker. Es ist dasselbe, was der Erzbischof bewohnt hat, und sie meint, jetzt bedauere sie den armen Mann erst recht und fühle seine Hypochondrie… Weiterlesen »