Mehr über Annette von Droste-Hülshoff (hier auf einem Gemälde von Sprick)

Sie möchten Annette von Droste-Hülshoff kennenlernen? Stöbern Sie hier in den Briefen der Dichterin, erfahren Sie mehr über ihren Alltag, ihre Arbeit, ihr Privatleben und den Briefverkehr zu ihrer Zeit. Lernen Sie ihre Wohnorte kennen, verfolgen Sie ihre Korrespondenz mit Zeitgenossen, und gehen Sie mit Annette von Droste-Hülshoff auf Reisen.

300 Briefauszüge der Dichterin sind hier verfügbar, kategorisiert und verschlagwortet. Auch alle Kommentare sind authentisch und stammen von Zeitgenossen.

Viel Spaß beim Stöbern und Lesen!


An: Levin Schücking, aus: Meersburg
1842 26.Mai

Ich schreibe Dir unter Kanonendonner, unter Pauken- und Trompetenschall. Die Bürgermiliz hat sich vor der Pfarrkirche aufgepflanzt und läßt ihr Geschütz, wirklich ordentliche Kanonen, seit vier Uhr Morgens, sechs Messen lang, so unbarmherzig zu Gottes Ehre knallen, dass fast in jedem Hause ein Kind schreit; und wir auf dieser Seite haben alle Fenster aufsperren müssen, damit sie nicht springen. In den Schwaben ist doch mehr Lust und Leben wie in unsern guten Pumpernickeln! Stiele hat sich in eine Uniform gezwängt, die aus allen Nähten bersten möchte, und maltraitiert die große Trommel mordmäßig. Als ich aus der Kirche kam, salutierte er höchst militärisch und sagte dabei höchst bürgerlich: „Guten Morgen, gnädiges… Weiterlesen »

An: Christoph B. Schlüter, aus: Rüschhaus
1846 28.August

Ich bin auf dem Punkte, nach Hülshoff auszuwandern. Mein guter Bruder will es so und hat recht daran; denn so verführerisch, ich möchte sagen betäubend lieblich mein Klausnerleben auch ist, so ist es doch allerdings nicht geeignet, jemanden, der sehr an den Nerven und noch mehr an Apprehensionen leidet, wieder zurechtzuhelfen. Also in Gottes Namen! Ich schicke den „Helmut“ mit vielem Dank zurück; er hat mir viel genutzt; so geschwind er sich von der Sache abmacht; denn mein Wissen war hier wieder gar arges Stückwerk, ohne Ordnung und System, rein Aufgeschnapptes! und es hat mich sehr gefreut, endlich einmal etwas, wenn auch Kurzes, doch Gründliches darüber zu lesen. Die beiden Lateiner nehme ich mit, ich stecke mitten darin… Weiterlesen »

Hintergrund: Mit dem Helmut meint die Droste einen Band über Naturgeschichte von Johann Heinrich Hellmuth, den Schlüter ihr geliehen hat. Annette nutzt die Informationen aus dem Buch, um ihre Muschelsammlung zu ordnen.
Apprehension: Reizbarkeit
An: Sibylle Mertens, aus: Rüschhaus
1843 24.Mai

Du wirst aus meinem langen Schweigen schon geschlossen haben, lieb Herz, dass es mit der Besserung sehr langsam zugegangen ist. Warum ich Dir nicht durch andre habe Nachricht geben lassen? Weil ich gern zu Dir wollte, lieb Kind, und dachte: „Habe ich erst durch eine fremde Hand aufschreiben lassen, so ist’s rein aus damit.“ Du weißt, wie es mit diesen Nervenübeln geht, zuweilen so gute Tage, dass man denkt: „Noch eine Woche crescendo, und ich kann Wind und Wetter ein Schnippchen schlagen“, und dann ist mit einem Male wieder alles nichts! Du begreifst, dass unter diesen Umständen, bei meiner großen Schwäche, die Meinigen (denen sonst, auf Ehre! die Sache ganz recht gewesen wäre) mich nicht fortlassen wollten, da mir ohnedies noch die… Weiterlesen »

Hintergrund: Im März 1843 hat sich die Droste aufgerafft und Sibylle Mertens nach langem Schweigen geschrieben, "wie elend ich sei, daß ich deshalb nicht geschrieben et cet." Die Bonner Freundin, einst selbst in schwerer Krankheit von Annette gepflegt, entschließt sich daraufhin - allen vorangegangenen Verstimmungen zum Trotz - zu einem Spontanbesuch. Vom 28. März bis 30. April 1843 hält sie sich in Münster auf, besucht Annette täglich im Rüschhaus.
Offenbar haben die beiden Freundinnen einen Gegenbesuch der Droste verabredet, den diese aus mit Hinweis auf bevorstehende Verwandtschaftsbesuche in Abbenburg und Meersburg absagt. Sibylle Mertens zieht etwa im August 1843 nach Italien, wo sie drei Jahre - bis Juli 1846 - bleiben wird.
An: Elise Rüdiger, aus: Meersburg
1844 4.Januar

Zu Gutzkows Verteidigung spricht keine besondere Stimme in mir; seinen „Werner“ kenne ich nicht, sondern habe nur ein paar hübsche, aber etwas blasierte Sachen von ihm gelesen, dann mich geärgert, dass er auf so scheinbar offne und doch heimlich schlaue Weise Sch den halb bankerotten „Telegraphen“ aufhocken und so seine eigne Pfote aus der Schlinge ziehn wollte, und dann mich vor seinem höchst fatalem Porträt im „Modejournal“ gegraut. Das alles kann gewiss noch kein Urteil veranlassen, aber doch ein Vorurteil, und so hat mich Schs Beschreibung nicht überrascht. Die „Dombausteine“ habe ich jetzt gelesen. Sie sind nicht viel wert, viel Geschrei und wenig Wolle, und mehr unbedeutende Namen darin als Zelebritäten. Ich hatte mir… Weiterlesen »

Hintergrund: Seit 1837 gibt der Schriftsteller Karl Gutzkow (1811 bis 1878) den "Telegrafen für Deutschland" heraus, eine liberale Zeitung, für die auch Friedrich Engels, Georg Herwegh und Franz von Dingelstedt schreiben. Hier hat Levin Schücking seine ersten literarischen Schritte in die Öffentlichkeit getan. Der Kontakt führte zu zwei Rezensionen der Droste-Gedichtausgabe von 1838 im „Telegrafen“, geschrieben von Schücking und Engels. Gutzkow selbst rezensierte die Droste-Ballade „Der Geierpfiff“ positiv – an ihrer offenkundigen Abneigung gegen ihn ändert das nichts.
Als Vertreter des Jungen Deutschland gerät Gutzkow immer wieder in Konflikt mit der preußischen Obrigkeit, ihm werden Unmoral und Blasphemie vorgeworfen. Sein Schauspiel "Werner - oder: Herz und Welt" ist im Februar 1840 in Hamburg uraufgeführt worden. Ein anderes Werk von ihm kommt in der Reinschrift des Droste-Lustspiels „Perdu“ vor, wo es heißt: „,Seraphine’ von Gutzkow – auch ein verschimmeltes Brot!“ Später wird dieser Satz gestrichen.
Zu der von August Lewald herausgegebenen Buchreihe „Die Dombausteine. Von einem Vereine deutscher Dichter und Künstler. Als Beitrag zum Ausbau des Kölner Domes“ hat Schücking einen Roman geliefert, das „Stiftsfräulein“. Auch der erwähnte Joseph Braun (1818 bis 1847) ist mit einem Gedicht an den „Dombausteinen“ beteiligt, ebenso Ida Hahn-Hahn (1805 bis 1880), eine der meistgelesenen Autorinnen ihrer Zeit, der man aber aufgrund ihrer gespreizten Schreibweise und ihres elitären Habitus auch häufig mit Skepsis begegnet.
An: Elise Rüdiger, aus: Meersburg
1844 2.Januar

Viel Glück zum neuen Jahre, mein altes Lies! Das vergangene ist nicht eben zu loben, Ihnen hat es viele äußere und innere Stürme gebracht, mir eine lange Krankheit und doch auch manche Erschütterung, und so steht’s mit fast allen, die uns nahe sind. Möge das begonnene friedlicher sein! Und um ihm den möglichst vorteilhaften Anstoß zu geben, fange ich es mit einem Briefe an diejenige an, von deren Liebe ich seine besten und innigsten Momente erwarte. Nicht wahr, mein Lies? Treu bei Sonnenschein und Schnee, in guten und bösen Tagen? In Leiden uns auf den andern gestützt, die Freuden doppelt genossen, und wenn’s uns beiden schlecht gehn sollte, doch wenigstens noch einander gehabt! So wär‘ es doch ein Wunder, wenn zwei so zähe… Weiterlesen »

Hintergrund: Die Lorgnette, die Sehhilfe der Droste, ist erhalten und heute in Privatbesitz. Mit gebundnem und ungebundnem Stil sind Lyrik und Prosa gemeint. Bei der erwähnten Rezension handelt es sich um eine Besprechung, die Elise Rüdiger über „Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1844“ in der Kölnischen Zeitung veröffentlicht hat. Der Wunsch danach war vom Verleger Friedrich Brockhaus über Schücking an Rüdiger herangetragen worden.
Mit dem Plan an ein Westfalen-Werk Bei uns zu Lande auf dem Lande trägt sich die Droste schon seit 1838, tut sich aber mit der Umsetzung schwer.
Der Brauch des Neujahrs-Abgewinnens lässt jenen gewinnen, der bei einer Begegnung dem anderen zuerst ein gutes neues Jahr wünscht.
Scilla und Charibdis bezieht sich auf die griechische Mythologie und steht für eine fast unmöglich zu bewältigende Aufgabe – wie jene, den Weg zwischen dem Ungeheuer Scilla und dem Strudel Charibdis zu finden.
An: Luise Schücking, aus: Meersburg
1844 20.Juni

Ihre Erzählung im „Morgenblatte“ habe ich gelesen, von so weit an es mir möglich war; die Blätter liegen nämlich nur bis zum Schluß des Monats im Museum vor, wo sie dann geheftet werden und fortan nur im Lesezirkel zu erhalten sind, in dem die schlechte Gewohnheit herrscht, dass man die neuesten Hefte, statt sie wieder einzuliefern, einander leiht, so dass sie oft Monate lang nicht zu haben sind: so stehn Ihre ersten Nummern im Maiheft, und ich habe sie noch nicht erwischen können. Doch enthalten, denke ich mir, die Juniblätter wohl den größeren Teil, und hiernach zu urteilen, muss ich diesem Ihrem neuesten Produkt unbedingt den Vorzug vor allen früheren, auch der „Maske“, geben; es liegt eine tiefe Herzlichkeit, eine einfache… Weiterlesen »

Hintergrund: Bei der Erzählung Luise Schückings handelt es sich um "Die Heimat", erschienen zwischen 20.5. und 6.6.1844 im "Morgenblatt für gebildete Leser". Mit anderen vor allem süddeutschen Zeitungen liegt das Morgenblatt gewöhnlich im Zeitungs- und Lesekabinett in Meersburg aus.
Eugène Sue ist der französische Arzt und Schriftsteller Marie-Joseph Sue. Seine hier erwähnten "Geheimnisse von Paris" werden mit großem Erfolg über zwei Jahre hinweg als täglicher Fortsetzungsroman in einer Zeitung veröffentlicht.
Die Korrekturfahnen zu seinem Schauspiel "Günther von Schwarzburg" hat Levin der Droste zukommen lassen. Gegenüber Elise Rüdiger übt sie deutliche Kritik an dem Werk.
An: Elise Rüdiger, aus: Abbenburg
1845 30.Juli

Zu etwas anderem, hiervor graut mir. Was ich dem „Janus“ schicke? Wahrscheinlich nichts. Huber hat seit meiner Antwort durch Male H nichts von sich hören lassen, außer einer kurzen, aber glänzenden Rezension meiner Gedichte im „Janus“, die mein Onkel August, da sie spät nach Herausgabe derselben, gleichsam hors de saison kömmt, zwar als einen Beweis nimmt, dass auf meine Mitarbeiterschaft rechne; sowie auch der Professor Stahl in Berlin sich höchlich verwundert zeigte (in einem Briefe an Male), dass ich noch keine Antwort erhalten, da Huber auf der Stelle habe schreiben wollen. Indessen heutzutage gehn selten Briefe verloren. Ich denke, meine Bedingungen sind ihm zu hart gewesen. Nicht Geldbedingungen, darin habe ich seine… Weiterlesen »

Hintergrund: Victor Aimé Huber hätte für seine Zeitschrift "Janus. Jahrbücher deutscher Gesinnung, Bildung und Tat" gerne Beiträge der Droste. Die Mitarbeit kommt nicht zustande.
An: Therese von Droste, aus: Hülshoff
1843 10.Mai

1. Daß Ihr mich nicht haben wollt, ist freilich schimpferlich, aber nicht zu ändern. Ich bleibe also bis Sonntag … 2. Werner ist mit Markus‘ Herüberkunft ganz zufrieden und ladet ihn hiermit herzlich ein. 3. Ich selbst aber bin etwas zweifelhaft, und kömmt es darauf an, ob Markus noch Ferien hat und sein Hiersein als einen Besuch rechnet oder ob ich ihn Tag für Tag bezahlen muss. Mein Kranksein hat mich nämlich gehindert, die Korrektur der Gedichte zu vollenden, und jetzt habe ich seit zwei Tagen etwas Husten und ziemliches Halsweh, so dass ich nicht sehr lange in einem Stück diktieren darf; kömmt Markus nur zum Besuch, so werden wir wahrscheinlich doch noch vieles zustande bringen, was mir nachher von großer Erleichterung… Weiterlesen »

Hintergrund: Die Droste beauftragt den Studenten Heinrich Markus mit der Abschrift für die zweite Gedichtausgabe. Er hat Schwierigkeiten mit ihrer Schrift. Am Ende wird sie das Manuskript doch mühsam von eigener Hand abschreiben.
An: Elise Rüdiger, aus: Abbenburg
1845 30.Juli

Von Adelen hoffe ich jetzt Nachricht zu bekommen, eine Dame aus Weimar will mir ihre Adresse in Rom verschaffen, wohin sie schon vorm Jahre der Mertens nachgezogen ist. Wie es mit ihrem Mangel an Vermögen beschaffen ist, weiß ich jetzt auch. Ihr eigentliches Vermögen ist allerdings fast hin, größtenteils schon von der Mutter aufgezehrt und nachher durch die kostspieligen Reisen nach Karlsbad (zweimal in jedem Jahr) noch vollends herunter gebracht. Der Weimarsche Hof gab jedoch der Mutter eine Pension von 400 und hat ihr dieselbe gelassen, jedoch beiden mit der Bedingung, sie im Lande zu verzehren; somit muss Adele, solange sie in Italien (wohin die Ärzte sie gewiss geschickt haben) bleibt, darauf verzichten und hängt dort zumeist… Weiterlesen »

Hintergrund: Adele Schopenhauer muss im Laufe ihres Aufenthaltes in Italien, wo sie mit Sibylle Mertens von 1844 bis 1847 lebt, auf die Pension durch den Großherzog von Sachsen-Weimar verzichten. Sie ist deshalb auf finanzielle Unterstützung ihrer Freundinnen angewiesen. Über Adeles Roman "Anna" hat Elise Rüdiger eine kritische Rezension geschrieben.
Ottilie Wilhelmine von Pogwisch, in Weimar verheiratet mit Goethes Sohn August und befreundet u.a. mit Sibylle Mertens und Adele Schopenhauer, hat bereits zu Lebzeiten ihres Ehemannes zahlreiche Liebschaften. Nach dessen Tod 1830 setzt sie diesen Lebensstil fort. Ihre Tochter Anna Sybilla Pogwisch, geboren 1835, entstammt einer dieser Affären; sie wird in Pflege gegeben und stirbt bereits mit knapp anderthalb Jahren. Ottilie von Goethe ist am Hof Weimar nicht mehr gern gesehen; 1842 siedelt sie nach Wien zu dem Arzt Romeo Seligmann über, holt zwei Jahre später ihre 1827 geborene Tochter Alma zu sich. Die 17jährige stirbt im September 1844 in Wien an Typhus.
Erläuterungen zu den Erbauseinandersetzungen zwischen Sibylle Mertens und ihren Kindern finden sich im Anhang zu einem Brief der Droste von 1842.