Kategorie: 1839
Ein Schriftsteller ums liebe Brot ist nicht nur Sklave der öffentlichen Meinung, sondern sogar der Mode, die ihn nach Belieben reich macht oder hungern läßt, und wer nicht gelegentlich sein Bestes und am tiefsten Gefühltes, Überzeugung, Erkenntnis, Geschmack, verleugnen kann, der mag sich nur hinlegen und sterben, und der Lorbeer über seinem Grabe wird ihn nicht wieder lebendig machen. …
Ich bin in diesem Sommer sehr fleißig gewesen und habe an dem “Geistlichen Jahr” dermaßen nachgearbeitet, dass ich bei meiner Abreise mit der laufenden Zeit gleich war und dem Jahresschluß bedeutend vorzueilen hoffte. Seitdem bin ich in Rückstand gekommen, teils war ich krank, teils anderweitig verhindert, hatte allmählich auch einen babylonischen Turm von unbeantworteten Briefen aufwachsen lassen, der zwar nicht bis in die Wolken, aber doch fast über meinen Mut reichte. Mir wurde außerordentlich schwarz vor Augen! Jetzt trage ich davon ab, als gälte es das tägliche Brot und fange schon an Grund zu sehen. So denke ich bald wieder ans eigentliche Werk zu kommen und dann mit Gottes Hülfe den Zyklus vor den Silvestertagen geschlossen zu haben. Es ist ein größeres Unternehmen als ich gedacht …
Für spätere Arbeiten habe ich noch keine Pläne und will auch nicht daran denken, bevor diese beendigt, da es sich immer in mir gestellt hat, dass sie nur zu einer Zeit erscheinen darf, wo mein ganzes irdisches Streben mir wohl töricht erscheinen wird und dieses Buch vielleicht das einzige ist, dessen ich mich dann freue. Darum will ich auch bis ans Ende meinen ganzen Ernst darauf wenden, und es kümmert mich wenig, dass manche der Lieder weniger wohlklingend sind als die früheren. Dies ist eine Gelegenheit, wo ich der Form nicht den geringsten nützlichen Gedanken aufopfern darf. Dennoch weiß ich, dass eine schöne Form das Gemüt aufregt und empfänglich macht und nehme so viel Rücksicht darauf, als ohne Beeinträchtigung des Gegenstandes möglich ist, aber nicht mehr. …
Ich hoffe noch immer für Schücking Besseres, obgleich seine Kenntnisse von der am wenigstens gesuchten Art sind. Die Stelle bei Hassenpflug war bereits besetzt, als ich darum schrieb, doch ich habe andere, die nicht ohne Einfluß sind, für ihn zu interessieren gesucht, und ich glaube, es ist mir gelungen. So hoffe ich ihn am Ende doch auf einen grünen Zweig zu bringen, aber ob bald oder später? Ich werde aber nicht nachlassen. …
In der Kölner Zeitung stand neulich eine Rezension meiner Gedichte, die mir Schücking schickte; sie kann mich nicht eben stolz machen. es ist doch auffallend, wie der Gegenstand anhaltender Beschäftigung auf den Menschen wirkt! Vor einem Jahre würde mich dieses Blatt wahrscheinlich verstimmt haben, jetzt kam ich mir wie eine Tote vor und habe es ohne den mindestens Eindruck aus der Hand gelegt.
Ich wollte, das könnte so bleiben, aber mit dem letzten Federstriche am “Geistlichen Jahr” wird das irdische Jahr wohl alle seine wilden Quellen wieder über mich strömen lassen. Möge mir nur der allgemeine Eindruck bleiben! Auf den partiellen rechne ich nicht, dazu ist mein Inneres noch lange nicht mürbe genug. Beten Sie für mich, dass ich nicht gar zu unreif weggenommen werde! Der heftige Blutandrang nach dem Kopfe nimmt von jahr zu Jahr mehr überhand, und ich zweifle kaum an einem plötzlichen Ende. Doch darf ich plötzlich nennen, was ich Jahre lang voraus sehe?
Rüschhaus, 17. November 1839
Von Jenny hat Mama gestern einen Brief. Sie hat einen Umschlag gehalten und ist sehr traurig darüber, übrigens aber schon fast hergestellt. Das Kind hat noch nicht gelebt und ist erst von vier Monaten gewesen, so sehr hat sie sich in der Zeit verrechnet. Sie schreibt, es ginge ihr näher als wir wohl dächten; ich kann es mir aber wohl denken und wollte, wir wären jetzt bei ihr.
Rüschhaus, 7. November 1839
… sie [Amalie Hassenpflug] hat mich lange warten lassen, und die Freude war groß bei der Ankunft - sie ist doch gar lieb und schön! Mir war ordentlich wunderlich zu Mute, als sie die Treppe hinauf kam, und ich das stolze noble Gesichtchen immer deutlicher erkannte, was in diesem Augenblicke, durch eine Bewegung der Liebe und Freude schöner war als je. Wir gingen auf meine Stube, und traten zusammen vor den Spiegel, weil sie ihr Haar ordnen wollte, ich fuhr beschämt zurück, so miserabel nahm ich mich neben ihr aus, ich sagte ihr dies auch, und sie antwortet, noch weinend vor Freude, “Du bist wohl toll! ich denke eben, wie garstig ich neben dir aussehe!” - so blind macht die Freundschaft das gute Ding! - soll es einem nicht freuen, wenn man so geliebt wird? Denn dies war kein Ziererei, sondern ein unwillkührlicher Ausbruch, von beiden Seiten, so klar die Wahrheit leider nur auf einer Seite stand. … ach! Sie müsten sie kennen, Elise ich wollte alle kennten sie die mir lieb sind, und glauben Sie mir, es ist etwas recht Gutes was ich meinen Freunden da wünsche, so viel Geist, Talent, und Gemüt findet man selten vereint, und noch obendrein in einer so edlen äußren Form.
Nun kennt sie eben niemand unter Euch als Caravacchi, den Sie aber nicht darum befragen sollen; ich mag gar nicht, dass er sie über seine lederne Zunge spazieren läßt, denn sein Gemüt ist doch, im Grunde, so trocken und zäh wie eine Schuhsohle, einen so artigen süßen Brei er zuweilen darüber fließen läßt.
Ich rede so offen zu Ihnen, Elise, und hoffe, Sie sind vorsichtig mit meinen Briefen; denn Sie sind mir zu lieb, gutes Herz, als dass ich anders als recht eigentlich an Sie schreiben könnte. Ein Brief fürs allgemeine Beste wäre wohl klüger, da es Ihnen vielleicht selber Spaß machen würde ihn mitzuteilen. Aber ich kann so nicht schreiben, wenigstens nicht an Sie.
Ich lese eben Ihren Brief nach, und wie Sie von Schücking schreiben, “die Welt werde noch viel an ihm ändern”. Gott gebe, dass sie ihn so gut und rein läßt, als wofür ich ihn bis jetzt halte. Ich bin in der Tat so entfernt von aller Abneigung gegen ihn, dass ich vielmehr mich einer Art mütterlichen Gefühls nicht erwehren könnte, wenn ich auch wollte, was allerdings in meiner großen Liebe zu seiner verstorbenen Mutter und meinem Bewußtsein einiger körperlicher Ähnlichkeit mit ihr seinen Grund hat. Es läge mir sehr nah, täglich für ihn zu beten, obgleich ich es bis jetzt noch nicht getan habe, und dieses gleichsam strenge Interesse ist es wohl eben, was mich hart erscheinen läßt.
Abbenburg, Anfang September 1839
Was sagen Sie dazu, dass ich Ihrem Manne schreibe? So geht’s, Elise, wenn man zu arglos ist! Sie tun Ihre frommen Augen lange nicht weit genug auf. Warum lassen Sie so gefährliche junge Personen in Ihr Haus? … Aber ernstlich, liebes Herz, geben Sie den einliegenden Brief Ihrem Herren Gemahle, er betrifft unseren guten Schücking. Mit Hassenpflug das ist leider nichts. Er hat mein Schreiben erst ganz vor kurzem vorgefunden, als er, nach einer längeren Abwesenheit, zurückkehrte, und war schon vorher längst mit einem Sekretär versehen. Artigkeiten hat er genug geschrieben, sein Brief schwimmt in Freundschaft und Erinnerungen, doch was nutzt mir das? Ich weiß nun zwar, dass er sich Schückings gelegentlich erinnern wird, aber wann? Das könnte doch zu lange werden. So denke ich vorläufig auf was anderes, spanne hier und dort andre Stricke an und denke: Einer wird doch wohl am Ende halten!
Sie sehen, dass ich, weit entfernt Ihrem Schützling das nötige Interesse zu versagen, vielmehr entschlossen bin, ihn nie im Stiche zu lassen, soweit meine Kräfte reichen. s’ ist schändlich, wie jetzt alles so ordentlich und regelrecht geht, nicht mal Generale und Minister können ihren Kindern mehr ein tüchtiges Avancement machen; da war es vor Zeiten besser, wo man seine Günstlinge gleich mit der vorläufigen Bestallung in der Tasche abschickte, die nur unterzeichnet werden durfte!
Ich habe mich recht geplagt, bei Ihrem Herrn Gemahle eine schöne Handschrift zu produzieren, doch ist’s schlecht gelungen, da man hier nicht mit christlicher Dinte schreibt, sondern mit einer Art graulichen Kotes, den man erst sorgfältig abputzt, sooft man eintunkt. Ich hoffe, dass Rüdiger meinen Brief nicht an Schücking zeigen wird. Er ist geschrieben, wie er nicht anders sein konnte, dennoch, fürchte ich, würde unser Freund schwerlich damit zufrieden sein. Ach! dieser arme junge Mensch sieht noch nicht halb ein, wie wenig ihm das alles, dem er seine besten Kräfte zugewendet und mit Recht darauf stolz ist, in der Welt voran helfen kann! Sonst war es anders, als noch ein Kenner der mittelalterlichen Sprachen eine weiße Krähe war, der jedermann nachstellte, und die neuerrichteten Lehrstühle nur auf Subjekte warteten, die sie besetzen könnten, aber jetzt, nachdem diese Gegenstände zwanzig Jahre lang auf allen Universitäten vorgetragen sind, gibt es überall tüchtige Leute in diesem Fache, und nur die ausgezeichnetesten Gelehrten können sich auf die sehr wenigen Lehrstühle Hoffnung machen; sind doch selbst die Gebrüder Grimm noch ohne Brot, nachdem sie die Stellen fahren ließen, die ihnen jene glückliche Anfangsperiode gegeben. So wird unserm Freunde auch wohl die trockenste Prosa durchhelfen müssen, wenn er nur hinlänglich davon besitzt, was ich oft, mit betrübtem Herzen, bezweifle.
Abbenburg, 1. September 1839
Wegen Schückings Angelegenheit bin ich noch ohne Antwort von Hassenpflug, was mich weniger wundert, seit ich weiß, dass er selbst den Seinigen zu schreiben noch nicht die Zeit hat erübrigen können, doch lange kann es nicht mehr währen, bis ich Bescheid weiß, guten oder schlimmen, jedenfalls lasse ich Schück[ing] jetzt nicht mehr im Stiche, nachdem ich mich nun einmal der Sache angenommen. Ich darf bei den bestehenden sehr engen Freundschaftsbeziehungen zwischen Hassenpflug und unserer Familie wohl erwarten, dass Hass[enpflug] jedenfalls den Schück[ing] nicht ganz vergessen, sondern sich bei Gelegenheit seiner erinnern wird, wenn auch die gesuchte Stelle schon besetzt sein sollte; nur kömmt’s darauf an, ob er zu öffentlichen Ämtern Ausländern befördern kann oder, bei dem Zustande der Gärung in jenen Provinzen, füglich wagen darf. Gewiß ist’s, dass er sich in seiner gefährlichen Stellung außerordentlich in acht zu nehmen hat, auch in Kleinigkeiten. Doch macht mich eben sein Schweigen glauben, dass er wenigstens darüber nachdenkt, ob sich die Sache nicht arrangieren läßt, denn auf eine vom Anfange beschlossene, verneinende Antwort würde er mich nicht warten lassen, dazu kenne ich ihn.
Schlägt diese Hoffnung indessen fehl, so muss ich es von andern Seiten versuchen, und hoffe doch irgendwo durchzudringen, denn in dieser Lage geht Schück[ing] zugrunde, und seine Freunde müssen das Mögliche versuchen ihn zu retten. Leider ist es eine Zeit, wo kein Westfale in seinem eigenen Lande etwas vermag, und sein etwaiger Einfluß ist immer ein auswärtiger. Hätte mein Onkel August Haxthausen noch seine frühere gute Stellung in Berlin, so gäbe es auch dort Fäden zum Anknüpfen, jetzt aber steht er halbweg in königlicher Ungnade, uns sein Beschützer, der Kronprinz, ist selber hülflos wie ein Kind. Was ich hier geschrieben habe, dürfen Sie aber niemandem mitteilen, ich bitte darum, und es ist mir sehr viel daran gelegen. Hören Sie! Niemandem, den Grund sage ich Ihnen später mündlich. …
Eine halbe Stunde von hier liegt Hellesen, ein sogenanntes Vorwerk von Apenburg, was ich oft zum Ziel meiner Spaziergänge mache, weil es gerade die rechte Entfernung hat, um eine Tour daran abzulaufen, - so ein Vorwerk ist ein trauriges und doch romantisches Ding. Mitten im endlosen Felde, nichts als lange Scheuern und Stallungen, und dran gebaut zwei kleine Kämmerchen, wo zwei Knechte jahraus, jahrein, Winter und Sommer verbringen, ohne monatelang etwas zu sehn, außer dem Eseljungen und seinen Tieren die ihnen, zweimal am Tag, das oft hartgefrorne Essen bringen, was sie dann auf ihrem Öfchen aufwärmen; das Vorwerk verlassen dürfen sie niemals, nur eben sonntags, abwechselnd, zum Gottesdienst, denn sie haben große Öconomieschätze zu bewachen. Wie schläfrig und langweilig mögen sie über die Schneefläche ausschauen nach ihrem Eliasraben! da hätte einer Zeit heilig oder gelehrt zu werden! Jetzt ist’s ganz hübsch dort, das Feld voll Leben, auf der einen Seite blökt das Vieh, auf der andern schwirren die Sensen, und eine halbgefüllte Scheune gibt mir ein Ruheplätzchen auf Heubündeln und Garben, grade wie ich’s mag.
Auch ein Gehölz gibt’s hier, genannt der Vogelsang, ziemlich weit von Hause, so hübsch in der Wildnis - was ehemals angelegt war, jetzt aber müssen Sie sich durch Dornen und Gestripp arbeiten, und stehn dann plötzlich in einem großen Rund von alten Eichen, mit einer Bank drunter, da sitzt man auch wie verzaubert; zum Überfluß steckt ein Eulennest im hohlen Baume, wo es unaufhörlich drinnen knackt und prustet - länger bis zur Dämmerung bleibe ich nie dort, denn das wird das Eulenvolk zu lebendig, und das Durchbrechen ins Freie, wo man oft in Schlingpflanzen und Dornen gefangen ist, dass man sein Lebtage nicht wieder heraus zu kommen meint, hat im Dunkeln was wirklich Grauserliches; ich glaube, man könnte sich ungeheuer erschrecken, wenn nur ein Vogel aufflatterte.
Abbenburg, 26. August 1839





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