1839 7.Juli

Du schreibst, ich solle Dir die vorzüglichsten Rezensionen über mein Buch mitteilen? Liebes Kind, gelesen habe ich selber nur zwei, eine im „Mindener Wochenblatt“ von Fr. v. Hohenhausen, die andre im „Telegraphen“ von Levin Schücking, der seit zwei Jahren anfängt, Aufsehen in der kritischen Welt zu machen. Beide waren freilich brillant genug, wollen aber doch die Tür nicht zutun, da die eine von einem Frauenzimmer, die andre von einem Bekannten ist. Dagegen schreibt mir Adele Schopenhauer, das Buch habe in Weimar und Jena Furore gemacht, Kühne und O.L.B. Wolff hätten soeben Rezensionen beendigt, die in den nächsten Nummern der gelesenen Tagblätter erscheinen würden (was ohne Zweifel geschehn ist, aber nicht bis Münster kömmt). …

Auch Freiligrath, der neulich in Münster war, ließ mir sagen – doch ich will es Dir umständlich erzählen. Freiligrath war denn in Münster und erhielt durch Schücking eine Einladung in unser Kränzchen. Ich war den Tag dunsch und wollte nicht kommen; Freiligrath ließ auch absagen und machte statt dessen sich einen lustigen Abend mit einigen jungen Leuten. Am andern Tag kam Schücking ganz affairiert und geheimnisvoll zu mir, mir tausend Grüße von Freiligrath zu bringen; er lasse mir sagen, meine Gedichte seien wunderschön, und er hätte viel darum gegeben, mich kennenzulernen; nun ich aber absagen lassen, möge der Henker das ganze Kränzchen holen.

Ich freue mich, ich nicht gesehen zu haben, er muss ein kompletter Esel sein. So ein Ladenschwengel braucht wahrhaftig nicht zu tun, als ob unser Kränzchen ihm die Schweine hüten müßte! Sein schneller und gigantischer Ruhm hat ihn ganz rapplicht gemacht. Man weiß doch auch bei Euch von ihm? Hier in Norddeutschland sind die Leute ganz wie betrunken von seinen Gedichten; schön sind sie auch, aber wüst. Junkmann hat er besuchen wollen, ihn aber nicht gefunden, der guten Rüdiger hingegen für ihre Höflichkeit nicht mal durch einen kurzen Besuch gedankt.

Sag der Bornstedt ja nichts hiervon, d. h. von dem, was Schück[ing] mir gesagt; es muss natürlich vor ihr ein tiefes Geheimnis bleiben, denn sie ist schrecklich ehrgeizig und würde mir eher eine Million gönnen, als einen bestimmten Vorzug in literarischer Hinsicht. Ich weiß dieses und erzähle ihr daher immer von Leuten, denen ihre Schriften gefallen haben, und sie mir dagegen immer von solchen, denen meine nicht gefallen haben, freilich mit dem größten Bedauern und Exklamationen über schlechten Geschmack, aber sie erzählt es mir doch! Dir wird sie es auch so machen, gib nur acht! Und doch ist sie so überaus gutherzig und hat mich wirklich lieb, aber dies ist stärker als sie, ihr Ehrgeiz ist wirklich krampfhaft.

Rüschhaus, 7. Juli 1838

Hintergrund: Mit dem "Kränzchen" ist die literarische Gesellschaft gemeint, die sich seit der Jahreswende 1838/39 sonntags bei Elise Rüdiger im Haus Rothenburg in Münster trifft.