Ich werde gewiss nichts mehr einsenden

Von Annette von Droste-Hülshoff
25. November 1845

Meinen herzlichsten Dank, liebster Bruder, für das hübsche Siegel, es war mir sehr erwünscht, eigentlich gradezu notwendig, und macht mir deshalb viel Freude. Ebenso herzlich danke ich Dir für deine Warnung hinsichtlich des Feuilletons. Ich bin ganz deiner Ansicht und werde gewiss nichts mehr einsenden, doch möchte ich gern ein eklatanten Bruch vermeiden, sowohl, um mir nicht mutwillig Feinde zu machen und ein paar Dutzend sehr scharfer satirischer Federn auf den Hals zu ziehen, die gewiss schlau genug sein würden, mich nicht von der katholischen, sondern von der rein poetischen Seite anzugreifen, und meinen literarischen Ruf möglichst zugrunde zu richten, als auch Schückings wegen, der doch ganz unschuldig an der Sache ist, dessen Lebensunterhalt vorläufig vom guten Bestehn des Feuilletons abhängt, der mir in den letzten Jahren eine Unzahl Gefälligkeiten erwiesen (namentlich alle meine literarischen Angelegenheiten, sowohl mit Cotta als anderwärts besorgt) hat, und dem ich leider vor noch nicht acht Tagen, auf seine dringende Bitte, meine fernere Mitwirkung am Feuilleton zugesagt habe.

Du wirst begreifen, dass es nicht nur mutwillig unvorsichtig sein, sondern auch lieblos aussehn würde, ihm, da mir seine Lage doch bekannt ist, auf eine eklatante Weise die Beträge aufzusagen. Es ist aber auch ganz hinlänglich, wenn ich nichts mehr einsende, was um so weniger auffallen wird, da ich mich doch fortan mit einer größeren Arbeit zu beschäftigen und aus allen Zeitschriften herauszuziehen gedenke, da die meisten eine so schlimme Richtung entweder schon genommen haben oder bereits Miene machen sie zu nehmen, dass in Zukunft die Verbindung mit ihnen wenig ehrenvoll bleiben dürfte, und die übrigen, noch guten, sowohl eine Gelehrsamkeit und Rednergabe verlangen, die weit über meinen Horizont hinaus liegt, als auch größeren Anfeindungen und oft plumpen Sticheleien aussetzen, als ein Frauenzimmer sich deren zuziehn darf.

Was mich verlegen macht, sind drei (sehr moralische) Gedichte, die Schücking vielleicht noch für das Feuilleton in Händen hat; ich sage vielleicht, denn es ist bei weitem wahrscheinlicher, dass sie entweder schon längst erschienen sind (was ich nicht weiß, da mir die Kölner Zeitung nie zu Händen kömmt) oder dass sie, wenn noch ungedruckt, nicht mehr erscheinen werden. Ich habe sie schon im Sommer von Abbenburg aus eingeschickt, nämlich sechs (alle unlang, und sehr moralischen, zwei sogar religiösen Inhalts) an Schücking für das Rheinische Jahrbuch, und zur Antwort erhalten, „dass er drei davon dem Jahrbuche einverleibt, die drei andern bitte er mich ihm für das Feuilleton zu lassen, dessen Redaktion er übernehmen werde.“ Nachher habe ich mi[ch nicht] weiter darum bekümmert, in meinem letzten Briefe (vor acht Tagen) aber geschrieben: „Wenn jene drei Gedichte vielleicht noch nicht gedruckt seien, so halte ich es für besser sie zu unterdrücken, sie seien in zu großer Eil und bei körperlichem Übelbefinden gemacht, seien völlig mißraten, und er wisse selbst, dass ein schwaches Gedicht dem Rufe mehr schade als zwanzig vortreffliche wieder gutmachen könnten; doch stelle ich ihm die Sache anheim, glaube aber, er werde meinen Gründen beipflichten müssen, da es ihm doch nicht entgehn könne, dass diese Gedichte an poetischem Wert unter den meisten meiner frühern ständen“. Hiernach darf ich nun wohl erwarten, dass diese Gedichte (falls sie nicht, was das wahrscheinlichste ist, längst gedruckt sind) nicht im Feuilleton erscheinen werden, und ich möchte mich nicht, um der Möglichkeit willen dass noch ein paar (für mich jedenfalls durchaus ehrenvolle) Gedichte im Feuilleton erscheinen könnten, alle den oben benannten Folgen einer bestimmten Erklärung aussetzen. Mama, die die Gedichte kennt, meint dies auch. Wenn Du es aber wünschest, will ich dennoch schreiben, obwohl ungern.

Die Sache mit dem bewußten Aufsatze in dem Görresschen Blatte liegt mir auch schwer auf dem Herzen. Wie oft erscheint das Blatt? vielleicht nur vierteljährig? oder monatlich? Wenn dann noch nicht der ganze Aufsatz erschienen ist, wäre es vielleicht noch Zeit, die Fortsetzung zu unterdrücken! was mir sehr erwünscht wäre. Wolltest Du in diesem Falle dann wohl einige Zeilen an Guido Görres schreiben und ihn darum bitten? Ich würde es selbst tun, verstehe aber nicht, mich so kurz und diplomatisch zu fassen wie du, und zudem wäre es dann wohl die höchste Zeit und vielleicht zu spät, wenn ich erst deine Antwort abwarten wollte – Du müßtest dann des Aufsatzes und der durch ihn erregten fatalen Sensation, die mich zu diesem Schritte bewegt, zwar Görres verständlich, aber sonst nicht zu bezeichnend erwähnen, tätest auch am besten den Brief nicht mit unserm Wappen zu siegeln, die Unterschrift geflissentlich undeutlich zu machen, nicht von Hülshoff zu datieren, vielleicht auch den Brief an Heinrich, zur sofortigen Bestellung, einzuschließen, kurz, alles zu tun, dass ein fremdes Auge sich nicht daraus zurecht finden könnte, denn Görres kömmt mir ganz danach vor, dass er seine Briefe umher liegen läßt.

Hintergrund: Die Veröffentlichung der "Westfälischen Schilderungen aus einer westfälischen Feder" in den "Historisch-Politischen Blättern für das katholische Deutschland" auf Betreiben von Guido Görres hat für Annettes Familie gesellschaftliche Folgen. Die "Kölnische Zeitung" gerät in derselben Zeitschrift unter Beschuss der katholischen Adelskreise, nachdem ihr Verleger Karl Joseph DuMont den revolutionär gesonnenen Karl Heinrich Brüggemann zum Chefredakteur gemacht hat. Der Brief - möglicherweise die entscheidende Erklärung für den Rückzug Annettes aus der literarischen Öffentlichkeit - wurde von der Nachfahrin Magda von Droste-Hülshoff erst 1971 zur Publikation freigegeben.